Uruguay

Unzeitgemäß – diskriminierende Kündigung von transidentifizierter Landarbeiterin


(Montevideo, 23. Januar 2015, la diaria).- Bis Anfang des Jahres lebten Enrique Campos und Bárbara Borges, 30 und 24 Jahre alt, in Parada Herrería, einem kleinen Ort 20 km entfernt von der Stadt Salto. Er war Hilfsarbeiter, und sie arbeitete als Köchin. Beide waren in Zeitarbeitsverhältnissen tätig. Die Nachricht verbreitete sich im Laufe der folgenden Woche in den lokalen Medien, bis sie am Sonntag schließlich Montevideo Portal erreichte: Das Paar hatte Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb gefunden, aufgrund der Transidentität der Frau wurde jedoch beiden gekündigt.

Ende des Jahres hatten sie in der Ortschaft Belén Arbeit gesucht und sich mit dem Verwalter des Betriebs Andrés María getroffen. „Wir haben uns etwa zwei Stunden lang unterhalten, er sagte uns, der Vorarbeiter werde den Betrieb bald verlassen, und fragte mich, ob ich auch in der Landwirtschaft arbeiten könne. Ich sagte: ‚Ja, klar’, weil ich mich damit auch auskenne, und er sagte, er würde uns nach den Feiertagen eine offizielle Bestätigung zukommen lassen”, erklärte Borges gegenüber der Tageszeitung. „Wir waren natürlich begeistert: So eine tolle Stelle, und dann die Möglichkeit, zusammen zu arbeiten.” Nach dem 6. Januar meldete sich der Verwalter José Bueno bei Enrique, um die Arbeitszeiten und die Entlohnung zu besprechen, und bestätigte, dass beide nun eingestellt seien: er als Landarbeiter und sie als Köchin. Sie könnten auch auf dem Hof wohnen, die Kosten für den Umzug übernehme der Betrieb.

Also gaben sie die bisherige Wohnung auf und transportierten ihre Sachen in einem LKW auf das Landgut. Bei ihrer Ankunft zeigte der Verwalter ihnen ihren Bereich, und beim Abladen der Möbel meinte er, man könnte ja später noch zusammen essen. „Aber nach einer Weile nahm er meinen Mann zur Seite und meinte: ‚Sie und ich, wir sind doch erwachsene Männer. Ihre Frau da, ist das nun eine Frau oder ein Mann?’ Sowas ist mir noch nie passiert. Seit meinem 13. Lebensjahr gehe ich arbeiten, und immer habe ich mich mit meinen Chefs gut verstanden. Als ich das gehört habe, musste ich weinen. Mein Mann antwortete: ‚Sie ist meine Frau, sie ist transsexuell.’“

Die Reaktion des Verwalters fiel heftig aus: „Auf gar keinen Fall“ würden sie hier anfangen zu arbeiten. „Ein Stricherpärchen will ich hier nicht haben.“ Er sagte ihnen, sie sollten wieder gehen, das Essen könnten sie vergessen, und den Umzug werde er auch nicht zahlen (wobei er letztendlich doch einen Teil der Kosten übernahm). „Ich sagte, dass ich mit den Eigentümern sprechen wolle, aber er meinte, die würden sich aus allem raushalten. Wir sind völlig geknickt abgezogen.“ Borges rief sofort ihren Anwalt an und kontaktierte die Polizei, um in der nächsten Dienststelle eine Anzeige machen, fühlte sich dann aber doch nicht dazu in der Lage und erstattete später Anzeige in Salto.

Verantwortung

Das Paar wandte sich außerdem an die Bezirksdirektion des Ministeriums für Entwicklung MIDES (Ministerio de Desarrollo Social), um zu schildern, was vorgefallen war, und erklärte, man habe „einen schweren Fall von Diskriminierung erlebt, da hier einem Paar eines der Grundrechte, nämlich das Recht auf Arbeit, verwehrt wurde, und das einzig aufgrund eines geschlechtlichen Aspekts.“

Am nächsten Tag sei sie zur Eigentümerin des Betriebs Pilar Arburúas gegangen und habe ihr die Anzeige vorgelegt, so Borges. „Die Eigentümerin meinte, dass sie von all dem keine Ahnung hätte, aber dass sie mir auf keinen Fall Arbeit geben werde, und fragte mich, was ich denn nun wolle. Den Job will ich inzwischen auch nicht mehr, da ich nun nicht mehr glaube, dass ich dort fair behandelt werde, aber ich möchte, dass sie Verantwortung übernimmt. Als ich 16 war, habe ich mit meinen Eltern gesprochen und dann die Geschlechtsumwandlung begonnen. Es war ein harter Kampf, bis ich die Person war, die ich heute bin. Ich habe meine gesamte Identität verändert”, erinnert sich Borges. Nachdenklich fügt sie an: „Dass jetzt jemand kommt und mir das nehmen will, worum ich jahrelang gekämpft habe, das geht einfach nicht.“

Darío Figueroa, Leiter des Bezirksbüros des MIDES, informierte die sozialpolitische Abteilung des Ministeriums, diese wiederum leitete die Anzeige an das Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit und an die Regierung weiter. Die Eigentümerin des Betriebs wurde bei Figueroa vorstellig und erklärte, man habe gegenüber dem Verwalter „mit der Wahrheit hinterm Berg gehalten. Es war nie die Rede davon, dass sie eine Transfrau ist.“ Gegenüber der Lokalzeitung El Pueblo erklärte Arburúas, sie sei auch nicht einverstanden mit dem was passiert sei, wenn es sich denn wirklich so abgespielt habe, der Verwalter habe nämlich eine andere Version der Geschichte erzählt.

Diskriminierung nicht totschweigen

César Rodríguez, Vorsitzender der Hilfsarbeitergewerkschaft und der Nationalen Vereinigung der Landarbeiter*innen, erklärte, er werde in den nächsten Tagen mit dem Paar persönlich sprechen, derzeit werde man über die Bezirksdirektion der MIDES über die Ereignisse auf dem Laufenden gehalten. „Wir haben es hier mit einer komplizierten Situation zu tun. Den Betroffenen wurde beim Vorstellungsgespräch ein Arbeitsverhältnis zugesichert, und als sie ihre Arbeit antreten wollte, wurden sie wieder gefeuert. Es sind fähige Arbeiter, in ihren vorangegangenen Beschäftigungsverhältnissen hat es nie ein Problem gegeben, auch nicht wegen der Geschlechterfrage. Die Entscheidung, das Beschäftigungsverhältnis wieder zu lösen, resultiert ausschließlich aus der Transidentität“, so Rodríguez, damit liege „ein klarer Fall von Diskriminierung“ vor.

In der Landwirtschaft herrsche, was die Geschlechterfrage angehe, „ein raues Klima“ so der Gewerkschaftsfunktionär. „Wir haben das schon oft erlebt. Gegenüber Frauen ist Diskriminierung an der Tagesordnung.“ So sei es zum Beispiel auch schon schwierig gewesen, den Beruf der Köchin in die Kategorie der Hilfsarbeiter*innen aufzunehmen.

Ein Fall wie dieser sei ihm allerdings noch nicht untergekommen, also gebe es auch keine Präzedenzfälle, auf die man sich beziehen könne. Es sei daher umso wichtiger, dass dieser Fall nicht totgeschwiegen werde. „Oft wird über etwas nicht gesprochen, damit man besser so tun kann, als existiere es nicht.“

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