In La Paz regeln als Zebras verkleidete Student*innen den Verkehr

Von Thomas Guthmann

Zebras La Paz
Zebras in La Paz? Zebras in La Paz! Foto: Thomas Guthmann

(La Paz, 08. Januar 2018, npl).- La Paz ist in Teilen wildwüchsig entstanden. Fast eine Million Einwohner*innen drängeln sich heute in dem auf über 3.000 Metern gelegenen Hochtal. Die Stadt platzt aus allen Nähten und eine Blechlawine überfüllt die engen Straßen der Metropole. Kein guter Platz zum Wohnen? Vor 16 Jahren ging die Stadtverwaltung einen ungewöhnlichen Schritt. Sie begann mit einem Projekt der Verkehrserziehung und wollte damit die Sicherheit in der Stadt, insbesondere für Kinder verbessern. Seitdem verkleiden sich Student*innen in La Paz als Zebras, regeln den Verkehr und werden von den Kindern geliebt.

Eine Hauptverkehrsstraße in La Paz. Auf mehreren Spuren drängeln sich Minibusse, Autos und Taxis aneinander vorbei. Dazwischen sieht man Fußgänger*innen, die zumeist erfolglos versuchen, die Straße zu überqueren. Die, die es trotzdem versuchen, werden laut und unfreundlich angehupt. Plötzlich tauchen an einer Kreuzung ein halbes Dutzend „Zebras“ auf. Menschen, die in schwarz-weiße Plüschkostüme gekleidet sind. Sie sammeln sich an einer Ampel und als diese auf rot springt, tänzeln sie auf die Fahrbahn. Die kleine Zebra-Herde hält Schilder mit der Aufschrift „Respekt“ in die Höhe. Endlich können die Fußgänger*innen die Straße überqueren und die Autofahrer*innen halten.

Als die Stadtverwaltung Anfang der 2000er das Projekt startete, steckten noch zwei Verkehrserzieher*innen in einem Zebrakostüm. „Zunächst sollten die Zebras, die sich nur schwerlich bewegten, einfach die Zebrastreifen im Verkehr sichtbarer machen, die von den Autofahrer*innen ignoriert wurden“, erzählt Ximena. Die 21-jährige ist seit drei Jahren ein Zebra. „Heute sind die Kostüme viel bequemer, in einem Kostüm steckt nur noch eine Person und man kann sich gut bewegen.“

Von der Verkehrskontrolle zum respektvollen Miteinander

Zebras La Paz
Foto: Thomas Guthmann

Neben dem Kostüm hat sich auch der Aufgabenbereich der gestreiften Verkehrserzieher*innen gewandelt. Eine Aufgabe ist zwar nach wie vor, im Verkehrschaos des bolivianischen Regierungssitzes mehr Ordnung zu bringen; daneben gehen die Zebras aber auch an Schulen oder geben Workshops in Stadtteilen. „Wir machen Workshops zu verschiedenen Themen, wie Umweltschutz oder für ein respektvolles Miteinander“ meint Carlos, Zebrakollege von Ximena, die ihn ergänzt, „wir gehen auch in Altersheime um dort alte Menschen zu unterhalten“.

Das Hauptgeschäft der gestreiften Unpaarhufer ist aber immer noch auf den Straßen zu finden. Hier haben die Studierenden im gestreiften Kostüm ihre meisten Einsätze. Und hier begegnen sie regelmäßig ihren größten Fans, den Kindern. „Sie sind unsere wichtigsten Verbündeten“, meint Carlos, „Für sie sind wir Superhelden und manchmal wollen sie uns gleich mitnehmen“ und Ximena ergänzt nicht ohne Stolz: „Die Kinder fangen an zu rennen oder schreien ‚Zebra, Zebra‘!“. Oft sieht man, wie die Zebras von Kindern umschwärmt und umarmt werden. Die Beliebtheit bei den Kindern motiviere ungemein, meint Ximena. Das lässt auch Beschimpfungen durch gestresste motorisierte Verkehrsteilnehmer*innen vergessen, was „hin und wieder vorkommt“, wie die 21-jährige zu berichten weiß.

Freundlichkeit als Strategie

Die Strategie, mit der die Zebras gestressten Chauffeuren begegnen, ist „Freundlichkeit“, meint Student Carlos. Zwei Wörter hätten die Zebras berühmt gemacht, „Bitte und Danke. Wir versuchen den Menschen immer mit Mitgefühl und Respekt zu begegnen“. Die positive Einstellung der Verkehrserzieher*innen hat den US-Late-Night-Moderator John Oliver vergangenes Jahr dazu gebracht, einen „Alles ist besser mit Zebras“ Gag in seine Show einzubauen. “Wenn Zebras das bolivianische Verkehrschaos erträglich machen“ meinte Oliver, „dann können sie auch andere unerfreuliche Ereignisse erträglich machen“ und zeigte im Folgenden die Amtsvereidigung von Donald Trump und andere Ereignisse mit einem Zebra. Eine darauf folgende Einladung der Zebras, einen Tag lang in La Paz Zebra zu sein, schlug Oliver jedoch ‚aus Zeitgründen‘ aus.

Zebras La Paz
Im bolivianischen La Paz regeln als Zebras verkleidete Menschen den Verkehr. Foto: Thomas Guthmann

Inzwischen gibt es die Möglichkeit, für einen Tag ein Zebra zu sein. Die Stadtverwaltung von La Paz bietet diesen Service für Neugierige an. An einem Tag kann man sich in ein Zebra verwandeln. Andere sind ein Zebra fürs Leben. So auch Marcelo Bazán, der als „Zeta“ in einer Miniserie vor sieben Jahren in La Paz bekannt wurde. „Die Zebras haben den Slogan: Liebe deine deine Stadt, dein Barrio, dein Land, deine Welt und daran knüpft die Serie an“, erläutert Bazán. In der Serie geht es um einen einfachen Jungen, Zeta, aus einem der Vororte von La Paz. Vor dem Hintergrund von Erdrutschen, die im Hochtal von La Paz immer wieder vorkommen und vor allem in informell entstandenen Stadtteilen regelmäßig zu Verwüstungen mit Toten und Verletzten führen, thematisiert die Mini-Telenovela die Notwendigkeit, Häuser sicher zu bauen. „Zeta ist der Junge, der sich entscheidet, die Stadt zu verändern, weil er es satt hat zu sehen, wie sie auseinanderbricht“, meint Bazán.

Das alles hat die Zebras inzwischen zu einem Markenzeichen der Andenmetropole La Paz gemacht. Bei aller Publicity bleibt das Wichtigste der Einsatz auf der Straße und die ansprechende Erscheinung der Zebras, die den gestreiften Verkehrserzieher*innen die meisten Sympathien einbringt – vor allem bei den kleinen Bewohner*innen von La Paz, die sich so ein wenig sicherer fühlen in der vom Autoverkehr dominierten Stadt.

Zu diesem Artikel gibt es auch einen Radiobeitrag bei onda, den ihr hier anhören könnt.

CC BY-SA 4.0 In La Paz regeln als Zebras verkleidete Student*innen den Verkehr von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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