Vierspurige Autobahn zerstört das Punilla-Tal in Argentinien

Das Punilla-Tal ohne (oben) und mit (unten) Autobahn.

(Cosquín, 25. März 2018, npl).- In der Provinz Córdoba wurde in den letzten 20 Jahren der Großteil des natürlichen Waldes zugunsten großflächiger Agrar- und Inmobilienprojekten vernichtet. Nur drei Prozent des ursprünglichen Waldes haben überlebt. Die kleine Sierra bei Córdoba beherbergt noch Naturwald mit einheimischen Bäumen und Büschen, der die Ortschaften des Tals mit Wasser versorgt, vor Überschwemmungen schützt und Erholungsmöglichkeiten für Tourist*innen anbietet.

Cosquín ist ein hübscher Ort in den Bergen des Punilla-Tals, 50km nordwestlich von der Stadt Córdoba. Im Dezember 2016 begannen südlich von Cosquín die Bauarbeiten für ein enormes Infrastrukturprojekt im Rahmen der Südamerikanischen Initiative für Regionale Infrastrukturanbindung IIRSA (Iniciativa para la Integración de la Infraestructura Regional Suramericana): Der Bau einer Riesenbrücke über den San-Roque-Stausee und der erste Abschnitt einer vierspurigen Autobahn durch das Punilla-Tal. Die Einwohner*innen erfuhren von dem Vorhaben erst mit Baubeginn. Eine Planungsphase unter Einbeziehung der Bewohner*innen gab es nicht, obwohl sie direkt betroffen sind. Die Zerstörung der Berghänge und des Naturwaldes zu Gunsten der Autotrasse hat im letzten Jahr schwerwiegende Folgen für die Einwohner*innen und die Umwelt mit sich gebracht: Wasseradern und –zuflüsse trocknen schon jetzt aus. Die Abtragung der Berge und die Bergaufschüttung an anderen Stellen, gefährden den Lebensraum einiger Anwohner*innen. Es gibt keinen Schutz vor Erdrutschen und Überschwemmungen. Letztere erfolgten bereits bei schweren Regenfällen, in der Nähe der abgetragenen Waldhänge.

76 Prozent der geplanten Autobahn sollen durch Naturschutzgebiet verlaufen

Bald soll die zweite Etappe des Autobahnprojekts beginnen: die Verbindung von San Roque bis Cosquín. Dies bedeutet, dass ein weiterer Teil des dichten Naturwaldes dem Bau einer gigantischen Autobahn weichen müsste, um die Anbindung an die nördlichen Provinzen und schließlich bis Chile zu garantieren. Das Ausmaß der ökologischen Katastrophe würde sich auf viele weitere Ortschaften des Punilla-Tals und seine Bevölkerung ausweiten. 76 Prozent der geplanten Trasse würde durch gesetzlich festgelegte Naturschutzgebiete verlaufen und Flora und Fauna zerstören. Umweltaktivist*innen und Bewohner*innen des gesamten Tals wollen die Zerstörung des Bergwaldes aufhalten und wehren sich mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Argumenten gegen das Vorhaben. Die Autobahn ist in diesem Ausmaß nicht notwendig, Alternativen sind möglich.

Die Umweltaktivist*innen fordern die Provinz- sowie die Lokalregierungen auf, umzudenken und Alternativen aufzuzeigen, die den Wald schützen. Eine mögliche Alternative ist das Projekt der Planungsbehörde IPLAM von 2016: Hier würden bereits bestehende Landstraßen zu Autobahnen ausgebaut und nur drei, statt 76 Prozent, der Autobahn würde durch das Naturschutzgebiet verlaufen.

Ein weiteres gravierendes Argument gegen den Autobahnbau in der Bergregion, ist das Risiko der Freisetzung radioaktiven Radongases, denn fast zwei Kilometer der Autobahn würden über eines der wichtigsten Uranvorkommen verlaufen. Das Uranvorkommen Rodolfo Magnin wurde 1960 in der Ortschaft Cosquín entdeckt und trotz wertvoller Urankonzentrierung nicht abgebaut, da das Risiko für die Bevölkerung als zu hoch eingeschätzt wurde. Heute stellt die Radioaktivität und die mögliche Vergiftung des Wassers für die Planer*innen kein Risiko mehr dar. Die staatliche Atombehörde wurde bisher nicht in die Planung des Megaprojekts einbezogen.

Es wird über Sabotage und ein Widerstandscamp nachgedacht

Umweltschutz und das Einfordern lokaler Entwicklungsstrategien stehen den Gewinnbestrebungen der Bauunternehmen und den mit ihnen verbundenen Politiker*innen entgegen. Der geplante zweite Abschnitt der vierspurigen Autobahn mit nur 21 Kilometern soll vier Millionen argentinische Pesos kosten. Dafür könnte man 256 einfache Familienhäuser oder 50 Schulen mit je sechs Klassenzimmern finanzieren. Auch beklagen die Bewohner*innen seit Jahrzehnten den fehlenden Ausbau der Zugangswege zu ihren Vierteln am Fuße der Sierra, schlechte Trinkwasserqualität oder gar kein Trinkwasserzugang und unzureichende Dienstleistungen der Gemeinden, wie Straßenbeleuchtung oder Müllabholung. Die Autobahn hat Vorrang und kein*e lokale*r Politiker*in oder Bürgermeister*in vertritt vor der Provinzregierung die Anliegen der Bevölkerung: Den Schutz der Natur und der Anwohner*innnen vor den Folgen der Zerstörung des Berges und Waldes.

Diverse Ortschaften des Punilla-Tals wie San Roque und Cosquín protestieren seit Monaten aktiv und kreativ auf Straßen und Festivals, fordern Antworten und Erklärungen bei Behörden und Politiker*innen ein. Bisher erfolglos. Gemäß der Umweltgesetze müssen der Staat und die Bauunternehmen die Umweltverträglichkeitsprüfung des Projekts vorlegen, bevor es in den Ausbau des zweiten Abschnitts geht. Das ist bis heute nicht geschehen, obwohl das Budget bereits veröffentlicht wurde. Die Aktivist*innen der Bürgerversammlungen, im Speziellen “San Roque erwacht” haben keine Geduld mehr. Es wird über aggressivere Aktionen nachgedacht, wie das aktive Stoppen der Bulldozer, auch ein Widerstandscamp ist im Gespräch. Der Beginn der zweiten Bauphase muss vermieden werden, sonst ist es für das gesamte Punilla-Tal zu spät.

Weitere Infos auf Facebook unter: Asamblea Ambiental Cosquin

 

Hier findet ihr einen Radiobeitrag zu einem weiteren Kampf gegen die Projekte der Südamerikanischen Initiative für Regionale Infrastrukturanbindung IIRSA.

CC BY-SA 4.0 Vierspurige Autobahn zerstört das Punilla-Tal in Argentinien von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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