
(São Paulo, 25. November 2025, Agência Pública).- Anfang Juli 2025 war der Nachhall von Daniel Neves Stimme im beinahe leeren Sala São Paulo, der Heimat des Sinfonieorchesters des Bundesstaates São Paulo (Osesp), ein Vorgeschmack auf die Disharmonie, die sich hinter den Kulissen der klassischen Musikbranche auf der ganzen Welt ausgebreitet hatte. Auf der in aller Eile von der Osesp-Stiftung und der Aposesp (Vereinigung der Berufsmusiker*innen des Staatlichen Symphonieorchesters von São Paulo) einberufenen „Notfall-Sitzung“ ging es nicht um eine neue Sinfonie, sondern um eine Sackgasse, die die Zukunft der klassischen Musik und des Brasilholzbaums (Paubrasilia echinata) bedrohte. Dieser Baum, der heute vom Aussterben bedroht ist, gab seinen Namen einem Land und machte über Jahrhunderte hinweg einen Großteil der europäischen Kolonialwirtschaft aus.
Neves, Vorsitzender des Nationalen Verbandes der Musikindustrie (ANAFIMA), der größten Vereinigung der Musikbranche Brasiliens, bemühte während des Treffens im Sala São Paulo eine verstörende Analogie: „Wäre es gerecht, alle Brasilianer für etwas zu bestrafen, was nur ein paar gemacht haben? […] Das wäre so, als wenn es da draußen eine Vergewaltigung geben würde und alle Männer bestraft werden würden, nur weil sie das Werkzeug dafür hätten. Das ist doch nicht gerecht, Leute, oder?“
Der unangemessene Vergleich bezieht sich auf einen weltweiten Disput, der vom 24. November bis zum 5. Dezember auf der CoP20 des CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora), der 20. Vertragsstaatenkonferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens, ausgetragen werden sollte. Das Übereinkommen über den internationalen Handel mit vom Aussterben bedrohten frei lebenden Tieren und Pflanzen ist eine von der UNO unterstützte Konvention, der Brasilien 1975 beigetreten ist. Auf dem alle drei Jahre stattfindenden Treffen werden die Regeln für den weltweiten Handel mit freilebenden Arten diskutiert, um den Schutz von bedrohten Tieren und Pflanzen – wie dem Brasilholzbaum – zu verbessern und Parameter für eine nachhaltige Nutzung festzulegen.
Warum ist das wichtig?
In den letzten Monaten hat Agência Pública diesen lukrativen und undurchsichtigen Markt ausführlich recherchiert – sie hat tausende Seiten von Dokumenten analysiert, Fachleute angehört und persönlich auf verschiedenen Kontinenten mit Schlüsselpersonen dieser Streitfrage über das Brasilholz gesprochen. In dieser ersten Reportage enthüllen wir die Interessen der Lobbyist*innen und der Gruppen der Bogenherstellerbranche, die sich unauffällig auf den Weg nach Usbekistan gemacht haben mit dem Ziel, den brasilianischen Antrag zum stärkeren Schutz des Brasilholzes zu beeinflussen – und die mächtigen Interessen dahinter.
Auf der CoP20 des CITES hat die brasilianische Regierung einen kühnen Antrag gestellt: das Brasilholz sollte auf das höchste Schutzniveau hochgestuft werden. Was nur wenige über Brasiliens Nationalbaum wissen: Sein Holz ist unentbehrlich für die Herstellung eines der wertvollsten Objekte des Musiksektors, nämlich des Bogens, der überall auf der Welt verwendet wird, um Geigen, Bratschen, Violoncelli und Kontrabässe zum Klingen zu bringen. Was für die brasilianische Regierung eine Frage der ökologischen Souveränität und des Schutzes eines historischen Erbes ist, das ist für die globale Bogenbranche – ein lukrativer und wenig transparenter Markt– eine direkte Bedrohung ihrer Geschäfte.
Wenn dem Änderungsantrag stattgegeben wird, wird das Brasilholz in den Anhang I des CITES hochgestuft (Der Antrag auf Hochstufung wurde am 5. Dezember 2025 abgelehnt, es wurden jedoch schärfere Maßnahmen gegen den illegalen Handel mit dem Holz vereinbart, Anm. d. Red.). Diese Liste ist für die am stärksten bedrohten Arten des Planeten reserviert; der Handel mit diesen ist nur in Ausnahmefällen erlaubt. Dazu gehören Wale, Leoparden, Elefanten-Elfenbein, seltene Orchideen, Kakteen, Mammutbäume und dutzende andere Arten. Was wie eine einfache bürokratische Umklassifizierung klingen könnte, ist in Wirklichkeit ein Disput, der die unangenehme Schnittstelle zwischen Umweltpolitik, wirtschaftlichen Interessen und kulturellem Erbe offenlegt.
Bei jeder CITES-Konferenz legen die Vertragsstaaten auf biologischen und wirtschaftlichen Kriterien basierende Vorschläge vor, um diese Anhänge anzupassen. Die Vorschläge werden diskutiert und anschließend zur Abstimmung gestellt. Was bei dieser Anpassung auf dem Spiel steht, erläutern einige der Hauptbeteiligten, die für diese Reportage interviewt wurden, sei nichts weniger als die Zukunft der klassischen Musik.
Verschärfung der Exportregelungen
Um die aktuelle Krise zu verstehen, muss man ins Jahr 2007 zurückgehen, als die brasilianische Umweltbehörde Ibama erreichte, dass der Pernambuk- oder Fernambuk-Baum, wie Paubrasilia echinata auch genannt wird, in den Anhang II des CITES aufgenommen wurde. Das bedeutet, dass der internationale Handel mit Brasilholz-Stämmen und Stangen (aus denen später Bögen gebaut werden) nur dann erlaubt ist, wenn der exportierende Betrieb gegenüber der Ibama nachweisen kann, dass seine Lagerbestände an diesem Holz aus der Zeit vor 2007 stammen. Diese Regel gilt für alle Bogenmacher*innen weltweit, aber da Brasilholz nur in Brasilien wächst, betreffen die Kontrollen vor allem die brasilianischen exportierenden Betriebe.
Darüber hinaus könnte das Holz auch dann exportiert werden, wenn es auf Plantagen angebaut worden wäre (und nicht aus dem Urwald stammt). Laut Ibama besteht das Problem darin, dass in Brasilien nicht eine einzige Plantage von Brasilholzbäumen beim Nationalen System zur HerkunftsDaniel Neves verteidigt im Juli 2025 im Sala São Paulo die Nutzung des Brasilholzbaums für Geigenbögen. Foto: Natália Alana, Agência Públicakontrolle von Forstprodukten (Sinaflor) registriert ist. Auch herrscht unter den Expert*innen Uneinigkeit über die Qualität von Plantagenholz. Einige halten es für geeignet. Für andere hingegen habe es nicht die gleichen für die Herstellung von Geigenbögen wesentlichen biologischen Eigenschaften wie ein wild gewachsener Baum. Die Bäume der meisten dieser kommerziellen Plantagen seien übermäßig verzweigt, mit Astknoten und Verformungen, die die Herstellung von Bögen unmöglich machen. Darüber hinaus hat die Ibama selbst schon Betrugsversuche bei der Registrierung von Anbauflächen entdeckt, die das Ziel hatten, die Herkunft von aus dem Urwald stammendem Holz zu verschleiern.
Operation Do Re Mi öffnet Büchse der Pandora
Eine Zeit lang schien das System perfekt zu funktionieren und die brasilianische Bogenbranche arbeitete anscheinend im legalen Rahmen. Aber die Situation änderte sich 2018, als die Ibama die Operation Do Re Mi startete und koordinierte Kontrollen gegen Bogenmacher*innen, Händler*innen, Zwischenhändler*innen und Lieferant*innen von illegalem Holz durchführte, hauptsächlich in den brasilianischen Bundesstaaten Bahia und Espírito Santo. Die Ermittlungen deckten verbreitete Unregelmäßigkeiten im Handel mit Brasilholz auf und öffneten, wie die Ermittler*innen es beschrieben, „eine wahre Büchse der Pandora“ von illegalem Holzeinschlag und Dokumentenfälschung.
Angesichts der wachsenden Anzahl an Beweisen wandte sich die Ibama an die Bundespolizei, was zu schwerwiegenden Sanktionen und Strafverfahren gegen 41 Personen führte. Die Operationen Ibirapitanga I und II [„rotes Holz“ im indigenen Tupi-Guarani, Anm. d. Übers.], die 2020 von den beiden Organen durchgeführt wurden, brachten ein in Brasilien und im Ausland operierendes Netzwerk ans Licht, das in das illegale Fällen, den Transport und Handel von Brasilholz verwickelt war. Laut der Bundesstaatsanwaltschaft von Espírito Santo wurden über 233.000 Stangen und fertige Bögen sowie 321 Stammholz-Abschnitte beschlagnahmt und fünf Gerichtsverfahren eröffnet. Der Marktwert des konfiszierten Materials überstieg mehrere Millionen Real [1.000.000 Real sind etwa 161.600 Euro]. Bis zur Veröffentlichung dieser Reportage war keines dieser Gerichtsverfahren abgeschlossen.
Weil kein Unternehmen der brasilianischen Bogenbranche die Herkunft des verwendeten Brasilholzes nachweisen konnte, sind die brasilianischen Exporte bis heute lahmgelegt.
Felipe Guimarães, Umweltanalyst bei der Ibama und Biologe mit einem Master in Holzanatomie, der seit sieben Jahren die gesamte Kette des illegalen Handels mit Brasilholz untersucht – was zum Thema seiner Masterarbeit an der Internationalen Universität von Andalusien wurde – leitete die Aktionen der Operation Do Re Mi und Ibirapitanga I und II. Guimarães vermeidet es, das Vorgehen als kriminell zu bezeichnen, und verweist auf die Beschränkungen, die ihm durch sein öffentliches Amt auferlegt sind. „Formal können wir nur sagen, dass diese Personen in gegenseitiger Absprache gehandelt haben, weil die Ibama nur Ordnungsstrafen verhängen kann“, erklärte er. „Meiner Meinung nach handelt es sich jedoch um eine kriminelle Organisation, die vorsätzlich handelt und über eine Hierarchie sowie klar definierte Rollen verfügt.“
Nach der Aufdeckung dieser Praktiken sind die Ibama und die brasilianische Regierung dazu übergegangen, auf die Aufnahme des Brasilholzes in den Anhang I des CITES zu drängen. Dabei gab es einen unerwarteten Verbündeten: den ANAFIMA selbst, vertreten durch Neves, und einige derselben Bogenmacher*innen, die mit Geldstrafen in Höhe von Millionen Real belegt worden waren und sich Strafverfahren gegenübersahen. Es handelt sich um den einzigen Punkt, in dem sich in Brasilien alle Figuren dieses komplexen Spiels einig zu sein scheinen. In der Praxis würde diese Änderung wesentlich schärfere Kontrollen für Hersteller*innen und Musiker*innen weltweit bedeuten – heute betreffen diese Einschränkungen nur die brasilianische Seite.
Wenn auch die Gruppe von Neves auf dem ersten Blick mit der Ibama übereinstimmt, so hat sie doch ein anderes Ziel im Visier: die Kontinuität der kommerziellen Verwendung des Brasilholzes zu garantieren und die Bogenbranche zu erhalten. Neves bekräftigte gegenüber Agência Pública, dass „das eigentliche Problem nicht in Brasilien liegt, sondern im internationalen Markt, wo Kontrolllücken es ermöglichen, dass Holz mit nicht ordnungsgemäßer Dokumentation im Umlauf ist“.
Die Positionsänderung des ANAFIMA ergab sich nach Meinung von Claudia Mello, Umweltanalystin und Koordenatorin der Brasilholz-Arbeitsgruppe der Ibama, aus der Erkenntnis, dass es nicht gut fürs Geschäft war, die gesamte Last der Regeln zu tragen. „Aus diesen Gründen sind sie jetzt für die Aufnahme in den Anhang I“, betonte sie.
Hinter den Kulissen wurde Neves das Gesicht eines neuen Machtblocks, der 2024 entstand, unterstützt von den bekanntesten Bogenmachern des Landes: Marco Raposo –Eigentümer von Arcos Marco Raposo und von Raposo Bows, mit Sitz in den USA – und Júlio Batista, Inhaber von J. B. Atelier und von Souza Bows, ebenfalls in den USA. Beide waren Ziel der Operationen Do Re Mi und Ibirapitanga I und II.
2022 wurden bei Raposo mehr als 4.000 Brasilholz-Stangen beschlagnahmt. Vorher war er bereits zweimal beim Versuch, illegal Stangen und fertige Bögen nach England und Frankreich zu transportieren, an Flughäfen aufgehalten worden.
Der von Neves repräsentierte Verband mit Sitz in Espírito Santo – dem größten Bogenzentrum des Landes – vereint darüber hinaus Wissenschaftler*innen, Abgeordnete, den Bürgermeister der Stadt Aracruz (ES), Musiker*innen und weitere Bogenmacher*innen. Alle haben den Brief „Carta de Vitória“ unterschrieben, der im November 2024 veröffentlicht und an das Sekretariat des CITES geschickt wurde. In ihm wird die Aufnahme [des Brasilholzes] in den Anhang I unterstützt; außerdem werden Systeme der Rückverfolgbarkeit vorgeschlagen, welche die Verwendung von Holz aus nachhaltigen Plantagen ermöglichen.
Wenn eine Hochstufung in den Anhang I beschlossen wird, dann wird es künftig notwendig sein, vom CITES ausgestellte Dokumente vorzulegen, die die genaue Herkunft des Holzes belegen. Diese Bescheinigung ist Voraussetzung für die Genehmigung des Handels mit aus Brasilholz hergestellten Produkten – einschließlich fertiger Bögen. Außerdem benötigen Musiker*innen dann bei Auslandsreisen artenschutzrechtliche Ein- oder Ausfuhrdokumente für die Zollabfertigung, wenn sie Bögen aus Brasilholz mitführen wollen. Für Claudia Mello von der Ibama ist genau dies seit 2007 einer der umstrittensten Punkte beim Schutz des Brasilholzbaums. „Es gibt eine sehr starke Lobby aus der EU und den USA gegen eine Kontrolle des Handels mit Bögen“, betont sie. „Dort gibt es seit Jahrzehnten gewaltige Lagerbestände an Brasilholz und es werden viele Bögen pro Jahr exportiert. Es handelt sich um ein Holz, das uns gehört, das aus Brasilien stammt, aber diese Länder möchten nicht die Mühe auf sich nehmen, Kontrollen durchzuführen oder Dokumente auszustellen, die die legale Herkunft dieser Bäume belegen.“
Internationale Lobby gegen Hochstufung
Ein früherer Antrag, Brasilholz in den Anhang I aufzunehmen, scheiterte auf der CoP19 von 2022. Die Glaubwürdigkeit Brasiliens in Umweltfragen war unter dem damaligen Präsidenten Jair Bolsonaro fragwürdig, zudem überzeugten Verbände von Musiker*innen, Bogenmacher*innen und Geigenbauer*innen in den USA und Europa ihre Regierungen davon, dass diese Hochstufung unabsehbaren Schaden für den jahrhundertealten Bogenherstellungssektor verursachen würde – und damit auch für die klassische Musik.
Da immer noch Strafverfahren laufen und bis 2024 neue Beschlagnahmen registriert wurden, hielt die Ibama den Druck für eine Hochstufung aufrecht. Im Juni dieses Jahres schickte die Behörde einen neue Stapel von Dokumenten an das CITES, mit denen sie die Aufnahme des Brasilholzes in den Anhang I verteidigt, den jahrelangen Kampf gegen den Schmuggel zusammenfasst und detailliert darstellt, warum ein Großteil der bestehenden Plantagen nicht die Mindestkriterien für Nachhaltigkeit erfüllt.
Auf der anderen Seite des Konflikts steht ein Zusammenschluss von europäischen und nordamerikanischen Bogenmacher*innen- und Musiker*innen-Organisationen, die anführen, dass die neuen Kontrollen unnötige Kosten und unüberwindbare bürokratische Hindernisse für den Sektor bedeuten würden. An vorderster Front steht die Internationale Initiative zur Erhaltung des Fernambuk (IPCI), eine 1999 gegründete transnationale Gruppe. In den Vereinigten Staaten gibt es zudem die 2018 gegründete International Alliance of Violin and Bow Makers for Endangered Species. Dieses Netzwerk besitzt die Unterstützung einiger der größten Namen der Musikbranche. In Usbekistan dürfte der Sektor jedoch seine eigenen internen Risse offenbaren.
(Der Antrag auf Hochstufung wurde am 5. Dezember 2025 abgelehnt, es wurden jedoch schärfere Maßnahmen gegen den illegalen Handel mit dem Holz vereinbart, Anm. d. Red.).
Übersetzung: Christa Röpstorff
Tauziehen um Brasilholz auf der Weltartenschutzkonferenz CoP20 von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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