Geraubtes Gold, vernichtete Existenz. Epilog der Vergessenen

Gold
Heraeus-Gold.
Foto: Wolfgang Hartmann via wikimedia
CC BY-SA 4.0

(Caracas, 25. Juli 2025, Pressenza).- Vor dem Gold gab es indigene Gemeinschaften. Nach dem Gold blieben Gräber, verwundete Wälder und aus der Geschichte gelöschte Namen.

Als die spanischen Schiffe die Küsten des Landes berührten, das wir heute Venezuela nennen, trafen sie nicht auf leeres Terrain. Zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen, Kariben, Cumanagoto, Chaima, Jirajara, Guajibo, Yanomami, Yekuana, Piaroa, Baniva, Pemón und Warao lebten auf dem Gebiet. Sie hatten ihre eigene Zivilisation, sprachen ihre eigenen Sprachen, befuhren die Flüsse und glaubten, dass der Wald eine Seele habe. Gold war keine Beute, es war ein Symbol.

Das alles änderte sich 1498. Die Plünderer brachten nicht nur ihre Schwerter, sondern auch ihre Krankheiten und religiösen Kreuzzüge. Über Jahrhunderte hinweg wurden Tonnen von Gold gestohlen. Doch die Geschichte begann mit der Ausrottung.

1500 – 1600 Das erste Massaker

Über 40 Prozent der ursprünglichen Bevölkerung starb an eingeschleppten Krankheiten wie Pocken, an Versklavung und Gewalt. Indigene Gemeinschaften wurden als namenlose Sklaven in die Minen verbannt, die Cumanagotos und die Chaima praktisch ausgerottet. Mindestens 50 Tonnen Blutgold wurden gefördert.

1600 – 1700 Evangelisierung und Unterdrückung

Die Evangelisierung war eine weitere Form der Kolonisierung. Die Missionen zwangen den Menschen ihre Sprache und ihren Gott auf. Rituale, Lieder, Namen wurden verboten. Die Bevölkerung der Jirajara und Guajibo schrumpfte auf weniger als 30 Prozent. In diesem Jahrhundert wurden 60 Tonnen Gold geplündert, der größte Verlust war nicht materiell, sondern spirituell.

1700 – 1800 Der Süden unter Belagerung

Die Kolonisierung drang bis nach Amazonien und Guayana vor. Die Warao, Pemón und Banivo wurden vertrieben, beraubt, überfallen. Flüssen wurden umgeleitet, Frauen vergewaltigt, Wälder abgeholzt. Es wurden 80 Tonnen Gold gefördert, mit einem heutigen Wert von 7,5 Milliarden Dollar. Doch es gab weder eine Restitution noch eine Anerkennung.

1800 – 1900 Unabhängigkeit ohne Gerechtigkeit

Die Unabhängigkeit bedeutete keine Befreiung für die indigenen Gemeinschaften. Nur der Herr der Ketten wechselte. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten unterzeichneten Konzessionen zur Ausbeutung Guayanas. Über 120 Tonnen Gold wurden per Schiff außer Landes gebracht, die Yanomami und Yekuana von ihrem Land vertrieben. Niemand gab ihnen je etwas zurück.

1900 – 1950 Gold und Diktatur

Die ersten modernen Goldminenfirmen operierten ungestraft. Die Unternehmen Venezuelan Gold Fields und Compagnie Minière des Guyanes ließen sich mit Unterstützung autoritärer Regierungen nieder. Die Pemón wurden komplett ignoriert. Es wurden 150 Tonnen Gold gefördert, der Wald lieferte weiter, während die Gemeinschaften starben.

1950 – 2000 Quecksilber und Hunger

Das Gold wurde in Flugzeugen, Schiffen, Hubschraubern außer Landes gebracht. Die Unternehmen Placer Dome, Gold Reserve Inc., Crystallex verzeichneten hohe Gewinne für den Transport. Illegale Camps zerstörten den Lebensraum der Yanomami. Quecksilber, Drogenhandel und Frauenhandel wurden eingeführt. 250 Tonnen Gold wurden gefördert, das Minengeschäft boomte, während der Anteil der unterernährten indigenen Kinder auf über 45 Prozent stieg. Sterbende Kinder, florierende Geschäfte.

2000 – 2025 Der Arco Minero der Hölle

2016 wurde der Arco Minero del Orinoco (Bergbau-Bogen im Orinoco-Gebiet) legalisiert: über 112.000 Quadratkilometer, die dem Bergbau überlassen wurden. Chinesische, russische und türkische Unternehmen sowie bewaffnete Gruppen operieren ohne Kontrolle. Es gibt Berichte über das Verschwinden von Menschen, Vergewaltigungen, Umweltverschmutzung und Morde. Seitdem haben 300 Tonnen Gold im Wert von etlichen Milliarden Dollar das Land verlassen. Über 50 Tonnen Gold pro Jahr gelangen durch Schmugglerbanden an ihre Abnehmer. Der Tod hat sich zu einer legalen Größe entwickelt.

Die stille Ausrottung

Im Jahr 1500 lebten in Venezuela 2 Millionen Indigene. Heute sind es weniger als 550.000. Viele Ethnien sind verschwunden. Die Übriggebliebenen leben in extremer Armut, ohne Gesundheitsversorgung und ohne zweisprachige Bildung. Sie wurden vom Gold ins Abseits geschoben, von der Geschichte ausgelöscht. Der Staat hat ihnen den Rücken zugekehrt. Während die Eliten vom Vaterland sprachen, starben die indigenen Gemeinschaften in aller Stille weiter.

Wer bekam das Gold?

Die Spanier nahmen mindestens 300 Tonnen, das Vereinigte Königreich und Frankreich weitere 150, die USA und Kanada weitere rund 300 Tonnen. Heutige Unternehmen wie Yintai Gold, GR Mining und Rosgeo fördern weiterhin ungebremst Gold. Insgesamt kann man von über 1.300 Tonnen ausgehen, dazu kommen Tonnen von geschmuggeltem und verschwundenem Gold. Von den Gewinnen in Milliardenhöhe floss nicht ein Cent zurück an seinen Ursprungsort.

Epilog der Vergessenen

Die Entstehung des Goldes in seiner heutigen Bedeutung war eine Tragödie aus Plünderung, Vernichtung und Tod, ohne Gerechtigkeit, ohne Wiedergutmachung. Doch im Epilog sprechen die Vergessenen. Aus der Stille heraus leisten sie Widerstand, verteidigen einen Wald, der nicht ihr Eigentum war, sondern ein Teil von ihnen. Sie fordern Gerechtigkeit, nicht Almosen. Sie fordern Land, keine Gespräche. Und sie fordern, dass das Gold aufhört, ein Fluch zu sein. Denn es wird kein sauberes Gold geben, solange es Völker gibt, die im Blut der anderen baden.

Mauricio Herrera Kahn ist Maschinenbau- und Bauingenieur; er schloss 1975 sein Studium an der Universidad Técnica del Estado (UTE) in Santiago de Chile ab und verfügt über mehr als 45 Jahre Erfahrung in der Planung und Entwicklung von Bergbauprojekten. Er hatte Positionen als Geschäftsführer, Projektleiter und Chefingenieur in nationalen und internationalen Unternehmen inne, wo er Studien und die Ausführung von Projekten im Rahmen der EPCM-Modalität (Engineering, Procurement and Construction Management) leitete. Derzeit ist er Geschäftsführer von HyB Ingenieros, wo er Studien und Analysen neuer Anlagen und Prozesse mit Capex und Opex auf der Ebene der Grundlagenermittlung entwickelt. Seit mehreren Jahren schreibt er Artikel und Kolumnen mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Analysen auf nationaler und internationaler Ebene.

Übersetzung: Christa Röpstorff

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