Ein Land ertrinkt in Gift

Achtung, giftige Stoffe!
Foto: Arturo Sotillo via flickr
CC BY-SA 2.0

(San José, 18. November 2022, pressenza)- Costa Rica gehört zu den Ländern mit dem höchsten Pestizideinsatz auf dem amerikanischen Kontinent. Eine kürzlich vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veröffentlichte Studie des Agrarwissenschaftlers Elidier Vargas Castro zeigt, dass Costa Rica weit mehr Pestizide einsetzt als die anderen amerikanischen Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die meisten der eingesetzten Giftstoffe gelten als hochgefährlich. Nach offiziellen Angaben der Staatlichen Pflanzenschutzbehörde liegt der sogenannte Hektaraufwand (l/ha), also die pro Hektar eingesetzte Menge an Pestiziden, in Costa Rica im Durchschnitt zwischen 10 und 11,5 Kilogramm. Länder wie Kanada, den Vereinigten Staaten, Mexiko, Chile und Kolumbien, die ebenfalls der OECD angehören, oder Ecuador, Honduras und Guatemala, die ähnliche landwirtschaftliche Bedingungen aufweisen, verbrauchen durchschnittlich 2 kg. Die Zahlen, die das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen einbringt, sind noch alarmierender. Laut UNDP-Erhebungen wurden in Costa Ricas im Zeitraum 2012–2020 im Durchschnitt über 34 kg I/ha eingesetzt. Die Diskrepanz ist allerdings auf einen Unterschied in den Berechnungen zurückzuführen: Das Pflanzenschutzamt berücksichtigt die gesamte Aussaatfläche auf nationaler Ebene (Acker- und Weideland), während das UN-Programm nur die Anbauflächen berücksichtigt.

Hochgefährliche Pestizide

93 Prozent der Wirkstoffe gelten dabei als hochgefährlich. Mindestens 80 von ihnen werden mit akuten Auswirkungen auf den Menschen in Verbindung gebracht. Etwa die Hälfte ist in der EU verboten, und mehr als zwei Drittel gelten als krebserregend. 119 ausgeschüttete Moleküle wirken sich schädigend auf Tiere, insbesondere Bienen, und Ökosysteme aus. Mehr als 60 Prozent sind in Europa verboten. Die meistgenutzten Pestizide in Costa Rica sind Mancozeb, Glyphosat, Paraquat, Chlorothalonil, Ethoprophos, Diazinon und 2,4-D.  Die Situation hat auch wirtschaftliche Folgen für den costa-ricanischen Staat: Die Steuerbefreiung beim Kauf von Pestiziden beläuft sich pro Jahr auf 22 und 36 Millionen US-Dollar entgangene steuerliche Einnahmen. Gesundheitliche Folgeschäden erzeugen derzeit Kosten von mindestens neun Millionen Dollar.

Im Zeitraum 2012–2020 wurden im Durchschnitt jährlich schätzungsweise 18,3 Tausend Tonnen Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft eingesetzt. Der Studie zufolge sind vor allem Landwirtschaftsarbeiter*innen und die ländliche Bevölkerung davon betroffen (durchschnittliche Aussetzung von 74 kg/l pro Person), gefolgt von Oberflächengewässern und Lebensmitteln. 2020 war der Einsatz von Pestiziden bei Bananen am höchsten, dicht gefolgt von Ananas, Reis, Kaffee und Zuckerrohr.

Falsches Paradigma

In Costa Rica herrscht eine unerträgliche Doppelmoral im Hnblick auf Umwelt und Natur“, empört sich Clemens Ruepert, Forscher und Umwelttechniker am Regionalen Institut für Studien über Toxische Substanzen der Universidad Nacional (IRET-UNA). „Die große Ausdehnung der Landwirtschaft auf agroindustrielle Monokulturen, insbesondere Bananen, Ananas und Zuckerrohr, führt zu einem massiven Einsatz von Pestiziden und einem zunehmenden Verlust an biologischer Vielfalt“. Ruepert zufolge wird die Situation durch das falsche Paradigma verschärft, dass solche Praktiken unerlässlich für die Schaffung von Arbeitsplätzen und das Wirtschaftswachstum des Landes seien. „Es gibt genügend Daten, die das Gegenteil beweisen. Hinzu kommen enorme Kosten, die der Staat für die Umweltverschmutzung und die Auswirkungen auf Mensch und Tier zu tragen hat“.  Auf dem Hintergrund der fast völligen Missachtung der Arbeits- und Gewerkschaftsrechte der zigtausend Beschäftigten im Agrarsektor ergibt sich die Situation einer tickenden Zeitbombe. Die Bombe ist dabei zu explodieren. Leider sind hier wichtige Interessen im Spiel. Und so wird allenthalben, auch seitens der Behörden, alles mögliche getan, um einen anderen Eindruck zu vermitteln“, warnt Ruepert. Soziale Verbände, Initiativen und Gewerkschaften müssten aktiver und sichtbarer nach außen gehen, um mehr Menschen zu erreichen, Informationen zu verbreiten und ihre Mitglieder entsprechend zu schulen. „Das ist der einzige Weg, einen Wandel zu erzielen. Wir stehen auf derselben Seite. Diesen Kampf müssen wir gemeinsam führen“, so sein Fazit.

CC BY-SA 4.0 Ein Land ertrinkt in Gift von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Das könnte dich auch interessieren

2 Kommentare zu „Ein Land ertrinkt in Gift

  1. Abschnitt „Hochgefährliche Pestizide“, letzter Satz [Einschub in runden Klammern]:
    …(durchschnittliche Aussetzung von 74 kg/l pro Person)
    völli unverständlich: 74 kg von was? Von giftigen Substanzen?
    74 kg pro Liter? Pro Liter Wasser, das wohl als Verdünnungsmittel verwendet wird?
    Und dann insgesamt: 74 k/l pro Person? Oder sind mit den 74 kg das Durchschnittsgewicht (genauer: die durchschnittliche Körpermasse) einer Person gemeint?

    K. M.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Webseite möchte Cookies für ein optimales Surferlebnis und zur anonymisierten statistischen Auswertung benutzen. Eine eingeschränkte Nutzung der Webseite ist auch ohne Cookies möglich. Siehe auch unsere Datenschutzerklärung.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen