Der Rechtsextreme Kast und der Linke Boric kommen in die Stichwahl

Abstimmung in einem Wahllokal der Hauptstadtkommune Providencia / Foto: @cylabg2 via fotos públicas

(Montevideo, 21. November 2021, la diaria).- Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen in Chile am 21. November haben bestätigt, was Umfragen bereits prognostiziert hatten: Der rechtsextreme Kandidat José Antonio Kast, Vorsitzender der von ihm gegründeten Partei Partido Republicano (PLR), erhielt die meisten Stimmen. Zweitplatzierter ist Gabriel Boric, ehemaliger Präsident der Studierendenvereinigung Fech und Kandidat des linken Bündnisses Apruebo Dignidad. Beide Kandidaten haben jedoch bei weitem nicht die nötigen 50 Prozent erreicht, sodass sie am 19. Dezember in einer Stichwahl gegeneinander antreten werden.

Nach Auszählung fast aller Stimmen kam der 55-jährige Anwalt Kast auf 27,91 und Boric auf 25,83 Prozent der Wählerstimmen. In absoluten Zahlen bedeutet das: Kast erhielt knapp über anderthalb Millionen Stimmen und damit ca. 146.000 mehr als Boric. Dass diese beiden Kandidaten in die Stichwahl gehen, bedeutet eine politische Wende in Chile: Zum ersten Mal seit der Rückkehr zur Demokratie wird der Präsident nicht einer der zwei großen Koalitionen angehören, die sich am bzw. nach dem Ende der Pinochet-Diktatur formiert hatten. Die Mitte-links-Koalition Concertación de Partidos por la Democracia (kurz Concertación) und das Bündnis aus rechten Parteien, das mit Sebastián Piñera den amtierenden Präsidenten stellt.

Überraschender Dritter: Franco Parisi

Die große Überraschung bei diesen Wahlen war jedoch der drittplatzierte Franco Parisi, Kandidat der eher rechtspopulistischen Partei Partido de la Gente (PDG). Der 54-jährige Ökonom, der in den USA lebt und während des Wahlkampfs nicht ein einziges Mal nach Chile gereist ist, sicherte sich dank einer starken Kampagne in den sozialen Medien 12,8 Prozent der Stimmen, wobei er vor allem in den nördlichen Regionen des Landes punkten konnte.

Sebastián Sichel, Kandidat der regierenden Koalition Chile Podemos Más, positionierte sich mit 12,79 Prozent knapp hinter ihm. An fünfter Stelle liegt mit 11,61 Prozent Yasna Provoste von der Koalition Unidad Constituyente (UC), der Nachfolgerin der ehemaligen Concertación. Nach ihr folgt mit 7,61 Prozent Marco Enríquez-Ominami des Partido Progresista (PRO). Gerade einmal 1,47 Prozent der Stimmen erhielt der Letztplatzierte Eduardo Artés von der ultralinken Unión Patriótica (UPA), der keinen Hehl aus seiner Sympathie für Stalin und die Regierung Nordkoreas macht sowie ultranationalistischen, xenophoben und antisemitischen Tendenzen anhängt.

Regierungsparteien unterstützen Kast

Sebastián Sichel, Kandidat des regierungsnahen Rechtsbündnisses, war der erste, der sich nach Bekanntgabe der Ergebnisse öffentlich äußerte. Der Kandidat dankte den Wähler*innen, gab seine Niederlage zu und kündigte bereits an, dass er seine Stimme im zweiten Wahlgang nicht Boric geben werde. „Es war sehr unwahrscheinlich, dass ein Unabhängiger wie ich es in diese Position schaffen würde, aber wir gehen erhobenen Hauptes und in der Überzeugung, alles Mögliche getan zu haben, um Chile zu helfen. Ich habe José Antonio Kast schon beglückwünscht. Ich werde nicht für Boric stimmen, aber ich bin bereit, mit Kast Gespräche zu führen“, versicherte Sichel, so La Tercera. Er ergänzte: „Ich will nicht, dass in Chile die extreme Linke gewinnt.“

Nach ihm sprach Kast, der laut Berichten lokaler Medien verlauten ließ: „Ich möchte allen Chilenen und Chileninnen danken, die heute auf uns vertraut haben. Wir werden euch nicht enttäuschen, wir werden unseren Weg weiterverfolgen, wir haben die Mehrheit der Stimmen erhalten […], wir werden wieder für Frieden, Ordnung und Fortschritt sorgen.“ Der Kandidat, der mit der Ideologie der Pinochet-Diktatur sympathisiert, fügte noch hinzu: „Wir wissen, dass Chile Veränderungen braucht, aber in Freiheit, in Frieden und Gerechtigkeit. Veränderungen, die verantwortungsvoll und geordnet vonstattengehen, auf der Grundlage von Gesprächsbereitschaft, Zusammenarbeit und dem Willen, sich zu einigen.“

Boric: „Ich will Energie und Hoffnung entfachen.“

Nur einige Minuten später meldete sich Boric zu Wort: „Diese Herausforderung, die wir voller Bescheidenheit annehmen, umfasst alle. Vor uns steht die Aufgabe, die Demokraten zu einen. Ich will Energie und Hoffnung entfachen.“ Dann stimmte der Kandidat auf den zweiten Wahlgang ein: „Es wird nicht das erste Mal sein, dass wir allen Widrigkeiten zum Trotz etwas erreichen. Das war schon der Fall, als wir für die Bildung kämpften und niemand an uns glaubte und als wir dem binominalen Wahlsystem ein Ende setzten […]. Ich habe keinen Zweifel, dass das auch bei der kommenden Stichwahl der Fall sein wird“, sagte der Kandidat von Apruebo Dignidad und schloss mit der Bekundung seiner Zuversicht bezüglich des zweiten Wahlgangs im Dezember: „Wir wissen, dass die Stichwahl knapp und schwierig wird, aber wir werden sie gewinnen“, betonte er.

Álvaro Elizalde, Vorsitzender des Partido Socialista (PS) und Unterstützer von Provoste, rief seinerseits alle Chilen*innen dazu auf, „im zweiten Wahlgang ohne Umschweife für den Kandidaten Gabriel Boric zu stimmen“ und warnte: „José Antonio Kast stellt eine Bedrohung und einen deutlichen Rückschritt für das Land dar. Wir appellieren an die Chilenen, die Gefahr nicht zu unterschätzen, die von einer rechtsextremen Regierung ausgeht. Was gerade auf dem Spiel steht, ist zu wichtig.“

Parisi wird in der Stichwahl ein entscheidender Faktor

Angesichts der Ergebnisse dieses ersten Wahlgangs ist ungewiss, wie die Stichwahl ausgehen wird. Kast kann wohl mit der ungeteilten Unterstützung der aktuellen Regierung rechnen, Boric mit der der ehemaligen Concertación sowie der Mehrheit der Unterstützer*innen Enríquez-Ominamis. Allerdings ist nicht klar, was mit denjenigen passieren wird, die ihre Stimme Parisi gegeben haben, der bereits mitgeteilt hat, dass er in den nächsten Tagen nach Chile reisen werde, um politische Kontakte zu knüpfen.

Bei den Wahlen am 21. November standen neben dem Präsidentenamt auch alle Mitglieder des Abgeordnetenhauses und 27 der 50 Senator*innen aus den Regionen Antofagasta, Coquimbo, Metropolitana de Santiago, O’Higgins, Ñuble, Biobío, Los Ríos, Los Lagos und Magallanes sowie Regionalräte zur Wahl.

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