Komplexe Realität zwischen Schönheit und Herausforderung

Ein Bericht aus Quito, Ende April 2024
Bevor ich für meinen Freiwilligendienst nach Ecuador zog, wusste ich nicht sonderlich viel über das kleine Land zwischen Peru und Kolumbienvon. Sucht man „Ecuador“ bei Google, so finden sich zahlreiche Artikel und Nachrichten. Die Schlagzeilen sind bestimmt von Morden, Mafia und Sicherheitskrisen. Ja, die momentane Lage in Ecuador ist kompliziert, doch der Grundton der internationalen Berichterstattung skandalisiert die Lage zu einseitig.
Die vielfältige Schönheit Ecuadors
Dabei strotzt Ecuador gerade so vor Schönheit. Nicht nur die unfassbar vielfältige Natur von der Küste (la costa), bis zum Andenhochland (la sierra) und dem Amazonas (el oriente), sondern auch die offene und warme Art der Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer, lassen einen schnell das Land ins Herz schließen.
Das Land beherbergt ein reiches kulturelles Erbe und ist seit 2008 ein Plurinationalstaat. Insgesamt gibt es im Land 18 “Comunidades” – Gemeinschaften, also anerkannte eigenständige indigene Gruppen (CODENPE). Dazu zählen die Nationalitäten Kichwa, Shuar und Waorani.

Weihnachten mal anders: mit Ritualen und Chakana (das Symbol auf dem Boden) Foto: Filia Basic

Meine Arbeitskollegin, eine indigene Lehrerin aus Saraguro im Süden erklärte es mir folgendermaßen: Sie kommt aus einer kleinen comunidad, von insgesamt ungefähr 100 Personen, aus dem Umland der Stadt Saraguro. Alle comunidades im nahen Umkreis ergeben das Pueblo Saraguro, man hilft und unterstützt sich gegenseitig und zelebriert gemeinsame Traditionen. Zusammen mit anderen Pueblos gehören die Saraguro wiederum zur Nationalität Kichwa, die eine Weltanschauung und Sprache vereint.

Der Quilotoakrater südlich von Quito Foto: Filia Basic

Mein Leben in Ecuador
Momentan lebe ich im Süden der Hauptstadt Quito und arbeite als Freiwillige in einer Schule im Mercado Mayorista, einem Großmarkt. Die Schule ist bilingual, lehrt in Spanisch und Kichwa, da viele indigene Kinder die Schule besuchen. Die Schule ist eine Art Refugium für die Kinder der im Markt arbeitenden Eltern. Ich kümmere mich um die Kleinsten, male, tanze und spiele mit ihnen.

Foto: Filia Basic

Ausnahmezustand
Einige Tage nach meiner Ankunft wurde in Quito der Präsidentschaftskandidat Villavicencio erschossen und der Ausnahmezustand ausgerufen, was eine völlig fremde Situation für mich war. Die Lage beruhigte sich zwar relativ schnell, doch folgte schon im Januar 2024 ein weiterer Ausnahmezustand – Drogenboss „Fito“ war aus dem Gefängnis ausgebrochen. Diesmal fühlte es sich anders an, ernster. Lokalzeitungen berichteten von Autobomben und Entführungen. Am folgenden Tag stand die ganze Stadt unter Spannung, doch ich ging wie gewohnt zur Arbeit, las in der Pause Artikel zur aktuellen Situation und unterhielt mich mit anderen Freiwilligen über die Geschehnisse der Nacht. Nachmittags traf ich in der Altstadt zwei Freundinnen im Museum, doch auf einmal wurden die Türen von innen verschlossen. Als wir schließlich gehen konnten, waren viele Polizeiwagen, militärische und private Sicherheitswägen mit Blaulicht auf den Straßen unterwegs. Es lag eine merkwürdige Spannung in der Luft, alle redeten durcheinander und lauter als normal. Später erfuhr ich, dass einige Geschäfte im Zentrum geplündert worden waren und es Schusswechsel gegeben hatte. Läden, Schulen und Universitäten wurden geschlossen und die ganze Stadt versuchte auf schnellstem Wege nach Hause zu kommen. Der Verkehr stockte, alle Busse waren voll und Taxis belegt.

Das Zentrum und der Süden Quitos von oben
Foto: Filia Basic

In diesen Stunden erklärte Präsident Noboa den internen bewaffneten Krieg und ermöglichte per Dekret den Einsatz des Militär im Inneren. Die Stimmung war geprägt von Unsicherheit und Besorgnis. Es gab immer wieder Bomben-Fehlalarme. Auf einmal war jeder Gegenstand, der allein herumlag, suspekt. Jedes Polizeiauto, jede Sirene ein Zeichen für eine neue Katastrophe. Jedes Geräusch vielleicht doch eine Bombe. Jeder Unfall vielleicht doch ein Attentat. Meine Gastmama sagte immer wieder: „Hier in unserem Haus sind wir sicher, hier sind wir ruhig.“ Ihre Tochter, die gerade in Deutschland den Freiwilligendienst absolviert, rief an. Sie machte sich Sorgen um uns, denn was in den deutschen Nachrichten ankam, zeichnete ein diffuses aber dramatisches Bild.

Die verschobene Brille des Westens
Die Krise mitzuerleben, hat mich unfassbar viel gelehrt. Zum einen, welches Privileg Sicherheit ist und wie schnell sie weg sein kann, dass unsere gewohnte Sicherheit in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist. Zum anderen bemerkte ich, während ich in Quito die Lage vor Ort miterlebte und gleichzeitig die Medienberichte aus dem Ausland verfolgte, eine gewisse Dissonanz. Die Nachrichten konzentrierten sich auf die größten Schlagzeilen: der Ausbruch Fitos, die Stürmung eines TV-Studios in Guayaquil, der Ausnahmezustand, innerer Krieg. Ein Bild der Gewalt, Katastrophe und Eskalation wurde gezeichnet. Ecuador wurde als verkümmertes Land dargestellt, das gerade am Drogenhandel zerbricht, als Problem.
Sie wissen nichts über unser Land und jetzt kennen sie nur die Bilder von Gewalt und Zerstörung, wie traurig, sagt meine Gastmutter

Wann kommst du wieder heim? Vom Privileg gehen zu können.
Meine Mutter in Deutschland wurde ständig gefragt, wann ich wieder nach Hause käme, ganz selbstverständlich, als wäre Flucht die einzig logische Option. Was für ein Privileg ist es, mit Gewissheit sagen zu können: „Mir ist es zu brenzlig, ich gehe jetzt.“ Unter den deutschen Freiwilligen hier gab es stattdessen im Gegenteil eher die Angst, nicht länger bleiben zu können, unsere Gastfamilien verlassen zu müssen. Die Menschen, die hier leben, die Kinder und Jugendlichen, haben dieses Privileg nicht. Das ist ihre Heimat.

Foto: Filia Basic

Wer hat Angst vor Ecuador?
Wie sehr die eindimensionalen Nachrichten das Bild Ecuadors beeinflussten, machte sich auch in unserer Freiwilligenorganisation VASE in Ecuador bemerkbar. Für die Ausreise im Januar 2024 gab es ursprünglich mehr als 20 Anmeldungen, schlussendlich kamen nur 11 davon nach Ecuador.
Das Ziel der Drogenbanden ist es, Angst zu schüren und somit einzelne Staaten zu isolieren, um sie noch stärker zu destabilisieren. In Europa denken sie, hier ist Krieg und niemand traut sich mehr hierher. Aber so ist es nicht, uns geht es gut. Wir müssen nichts romantisieren oder schönreden, aber gleichzeitig müssen wir die Panik im Schach halten.
– Die Leiterin von VASE
Es ist schwierig, besonders aus der „Sicherheitsbubble“ in der man sich befindet, die Lage in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu erkennen und zu differenzieren. Man kann die Lebensrealität vor Ort nicht begreifen.
In Europa denken sie, wir sind hier in einem Krieg. Aber wir sind nicht in einem Krieg, schau: Wir leben hier unser Leben, erzählt meine Gastmutter

Die Resilienz der Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer
Die Menschen hier ließen sich also nicht vor Angst lähmen und machten weiter. Fünf Tage nach dem Chaos in Quito wurde ich zu einem Mädelsabend mit meiner Gastfamilie eingeladen: Wir gingen essen und tranken Micheladas, eine Spezialität aus Maracuyasaft, aufgegossen mit Bier, vermischt mit Salz, Limettensaft und Chilipulver. Das Restaurant war voll, die Stimmung heiter. Bloß kurz vor 11 Uhr beeilten sich alle, denn es galt eine nächtliche Ausgangssperre. Am nächsten Tag wurde ich zu einem Familienessen eingeladen, danach zu einem Kindergeburtstag einer meiner Kindergartenkinder. Die Straßen füllten sich wieder, man konnte einkaufen, wandern, Yogakurse besuchen und im Park spazieren gehen.

Foto: Filia Basic

Auch die Schulen wurden anderthalb Wochen später nach und nach wieder geöffnet. Die Sicherheitslage wurde offen angesprochen, es war aber nicht das Hauptgesprächsthema. Man ließ nicht zu, dass die Angst alles lahmlegte. Diese Stärke und Würde haben mich schon seit Beginn meines Freiwilligendienstes sehr beeindruckt.
Wir Ecuadorianer haben uns so an die Situation angepasst, dass wir gelernt haben, mit der Gewalt der Mafia zu leben. Ja, wir haben Angst, aber wir müssen auch leben. Weitermachen und Arbeiten ist die einzige Art zu überleben und wir Ecuadorianer suchen immer nach Dingen, die wir erledigen können. Unser Land ist durch die Mafia etwas gebrochen, aber das hält uns nicht davon ab, eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft zu sein, sagt mir eine ecuadorianische Freundin.

Je mehr Not auf den Straßen herrscht, je mehr Armut gibt es, umso mehr Gewalt gibt es. Wo es keine Jobs gibt, wo die Basisversorgung fehlt und es keine Parks gibt, in denen die Kinder Sport treiben können – natürlich wird diese Bevölkerung dann anfällig für kriminelle Strukturen und Teil des Sicherheitsproblems, erklärt der Polizeichef Jorge Adatti im Interview mit dem WDR.

Der Absatzmarkt für Kokain in Europa ist seit der Pandemie stark angestiegen (SWR2). Fairer Kakao, faire Kleidung ist im Trend, faire Drogen noch nicht. Ecuador wurde in deutschen Medien dargestellt als „Ursprung der Drogenkriminalität“ und „die schwappt auch zunehmend nach Europa, sagt Faeser“ (Tagesschau). Doch ist Ecuador der Ursprung? Wer konsumiert Kokain und hält die Spirale der Gewalt der Drogenkartelle am Leben? Ein Drogenfahnder aus Guayaquil fragt: „Welche Politik gibt es denn in Europa, im Bezug auf diesen Krieg gegen die Drogen?“ (RBB)

Der kolumbianische Präsident hat vor den Vereinten Nationen gesagt, letztlich lässt sich dieses Thema nur global lösen. Da müssen eben nicht nur die Angebote an Drogen eingedämmt werden, sondern es muss vor allem der Konsum hier in Europa, hier in Deutschland und auch in den USA massiv eingedämmt werden. Dann ist dieses Geschäft auch nicht mehr so attraktiv, sagt die Lateinamerikaexpertin Sabine Kurtenbach im Deutschlandfunk Kultur

Und jetzt?
Ich denke, es gibt keine gesellschaftliche Herausforderung auf unserer Erde, die einen einzigen Auslöser hat. Vereinfachungen, Skandalisierungen, Schuldzuweisungen mögen oberflächlich zunächst wie Problembewusstsein erscheinen, werden der Komplexität der Lage aber nicht gerecht.
So nahm ich es wahr: Ecuador war wenige Wochen in den Schlagzeilen, der Ruf wurde ruiniert, und zwei Monate später findet man bereits keine Informationen mehr. Vor Ort habe ich erfahren, wie wir durch Nachrichten und Berichte stets nur einen ganz kleinen Teil der Realität sehen.
Lasst uns Raum schaffen für mehr Offenheit und Empathie. Die schiefe Brille eben ein bisschen geraderücken.

CC BY-SA 4.0 Komplexe Realität zwischen Schönheit und Herausforderung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

Eine Antwort zu “Komplexe Realität zwischen Schönheit und Herausforderung”

  1. Der Artikel fast die aktuelle Lage und das “Lebensgefühl” in Ecuador gut zusammen. Kompliment an die Autorin. (Ich selbst lebe seit 2020 in Quito.)

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