Jara knapp vorn, trübe Aussichten für Stichwahl

Jeannette Jara
Auszählung der ersten Wahlrunde der Präsidentschafts- und Kongresswahlen in einem Wahllokal im Estadio Nacional, Santiago de Chile, 16. November 2025,. Foto: Ute Löhning

(Santiago de Chile, 16. November 2025, nd-aktuell/poonal).- Alle Umfragen hatten vorhergesagt, dass Jeannette Jara von der Kommunistischen Partei und zugleich die Kandidatin der Mitte-Links-Allianz Unidad por Chile (Einheit für Chile) in der ersten Runde der chilenischen Präsidentschaftswahl vorne liegen würde. „Unser erstes Ziel, in die Stichwahl zu kommen, haben wir erreicht“, sagte Jara dann auch am Wahlabend in einer optimistischen Fernsehansprache. „Jetzt müssen wir weiter arbeiten.“ Doch mit 26,9 Prozent fiel das Ergebnis der 51-jährigen Politikerin, und damit des Bündnisses, das von der Kommunistischen Partei bis zur Christdemokratie reicht, niedriger aus als viele erwartet hatten.

Weniger als drei Prozentpunkte trennen sie von dem mit knapp 24 Prozent der Stimmen zweitplatzierten José Antonio Kast (58), Gründer und Vorsitzender der extrem rechten Republikanischen Partei Chiles. Gegen ihn wird Jara am 14. Dezember erneut antreten.

Die Wahlbeteiligung lag bei etwa 86 Prozent, in Chile gilt seit 2022 Wahlpflicht. Vielleicht hat diese zu dem mit 19,7 Prozent überraschend starken Ergebnis des drittplatzierten Franco Parisi vom Partido de la Gente (Partei der Leute, PdG) beigetragen. Der in den USA lebende Ökonom, der lange nicht nach Chile einreisen durfte, da er keine Alimente für seine Kinder zahlte, kandidiert in Chile regelmäßig mit populistischen bis erratischen Positionen. An wen Parisis Wähler*innen ihre Stimme bei der Stichwahl geben werden, bleibt vorerst unklar.

Viertplatzierter ruft zur Wahl von Kast auf

Der mit knapp 14 Prozent viertplatzierte, der deutschstämmige Johannes Kaiser, der 2024 die National-Libertäre Partei Chiles gründete, ist rechts von Kast zu verorten und steht dem rechts-libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei nahe. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, feierte er sein Ergebnis und den Einzug seiner Partei in den Kongress am Wahlabend. In einer Fernsehansprache kündigte er bereits an, seine Wähler*innen in der Stichwahl zur Wahl von Kast aufzufordern.

Er lebte jahrelang in Deutschland, schrieb für die extrem rechte deutsche Zeitschrift Junge Freiheit und gab dieser nun auch ein Interview zur Wahl in Chile. Darin erklärte er, er wolle „Chile aus der Agenda 2030, der globalen Agenda für nachhaltige Entwicklung der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, aus dem Pariser Abkommen – und aus dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte“ herausführen.

Überraschend schlecht schnitt Evelyn Matthei von der eigentlichen Pinochet-Nachfolgepartei UDI mit 12,5 Prozent ab. Sie war die „moderateste“ unter den Rechts-Kandidat*innen, so ist sie, was LGBTIQ-Rechte oder Zugang zu Abtreibungen angeht, deutlich liberaler als Kast. Just deshalb könnten einige ihrer Wähler*innen in der Stichwahl zu Jara wandern, die Mehrzahl wird aber vermutlich Kast unterstützen.

Entscheidend sind die Ergebnisse der Kongresswahlen, die gestern auch stattfanden, denn für Gesetze braucht die Regierung Mehrheiten im Parlament. Die rechten Fraktionen konnten sich dabei eine hauchdünne Mehrheit sichern. Im Senat halten sie nun 27 von 50 Sitzen. In der Abgeordnetenkammer erreichten die Rechts-Fraktionen 77 von 155 Abgeordneten, der Mitte-Links-Block kommt auf 64, der Partido de la Gente auf 14 Sitze.

Liberale Kommunistin Jara versus Rechtsaußen Kast

Jara, die seit ihrer Jugend in der Kommunistischen Partei aktiv ist, gilt als eine der erfolgreichsten Mitglieder des – noch bis März 2026 amtierenden – Kabinetts des Präsidenten Gabriel Boric. Als Arbeitsministerin sorgte die Juristin für die Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, für eine Teilreform des Rentensystems und für eine Erhöhung des Mindestlohns auf 500 Euro pro Monat.

Im April trat sie von ihrem Amt zurück, um für die Präsidentschaft zu kandidieren. Im Juni wurde die undogmatische und über Parteigrenzen hinweg integrative Politikerin in einer internen Vorwahl zur gemeinsamen Kandidatin der Mitte-Links-Parteien und der Allianz Unidad por Chile von Kommunistischer Partei bis zur Christdemokratie gewählt. Sie kündigte an, aus der Kommunistischen Partei auszutreten, sollte sie in die Stichwahl kommen.

Der deutschstämmige José Antonio Kast steht für die extreme Rechte in Chile und bezieht sich positiv auf die Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990). Er verharmloste die Rolle seines Vaters Michael Kast im NS-Regime. Dieser war Offizier der deutschen Wehrmacht und NSDAP-Mitglied, er setzte sich 1950 nach Chile ab, baute eine Wurstfabrik und Restaurantkette auf. Nach dem Putsch 1973 soll seine Familie Repressionsmaßnahmen des Militärs und der Polizei unterstützt haben, bei denen 70 Landarbeiter der Region Paine entführt und später ermordet wurden.

Sicherheit, Migration, internationale rechte Vernetzung

Kast ist ein herausragender Akteur in der internationalen Vernetzung der extremen Rechten. Regelmäßig tritt er bei einschlägigen Veranstaltungen wie der Conservative Political Action Conference (CPAC) oder bei den von der spanischen VOX Partei organisierten Euro Viva Events auf. Von 2022 bis 2024 war er Vorsitzender des religiös geprägten Rechtsaußen-Netzwerks Political Network for Values. Der streng konservative Katholik will sexuelle und reproduktive Rechte zurückdrängen. Das in Chile geltende Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe und der straffreie Zugang zu Abtreibungen im Fall von Vergewaltigung, Gefahr für die Frau oder den Fötus, sind ihm ein Dorn im Auge.

Doch das machte Kast in diesem Wahlkampf nicht zum Thema. Stattdessen konzentrierte er sich auf Debatten rund um das medial aufgeladene Thema Sicherheit, das die Bevölkerung emotional besonders stark bewegt. Gewaltdelikte wie Entführungen und Morde haben in Chile zugenommen, die offiziellen Zahlen sind aber inzwischen wieder rückläufig oder stabilisiert. In manchen Gegenden ist Drogen- oder Bandenkriminalität seit langem ein großes Problem. Studien zufolge ist Chile allerdings weiter eines der sichersten Länder Lateinamerikas.

Die rechten Parteien verbinden die Debatte um Sicherheit mit restriktiven migrationspolitischen Forderungen. Kast will Chiles Grenze nach Norden abschotten, Migrant*innen ausweisen oder in Lager stecken. Jeannette Jara verbindet die Diskussion um Sicherheit mit Forderungen nach sozialer Absicherung. „Die soziale Ungleichheit in Chile ist so hoch wie in kaum einem anderen Land“, sagt Nelda Aguilar Duhau. „Ich hoffe, dass Jara die Stichwahl gewinnt.“ Doch die 92-Jährige, deren Bruder während der Diktatur ermordet wurde, sorgt sich vor einem politischen Rollback, wenn Republikaner, Libertäre und UDI ihre Stimmen bündeln. Chile scheint auf dem Weg zu einer extrem rechten Regierung unter José Antonio Kast.

Eine leicht gekürzte Version dieses Artikels erschien zuerst in der linken Tageszeitung nd.

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