
Foto: Uru-Guru via flickr
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(Montevideo 8. Oktober 2025, Prensa Latina/poonal).- Rassismus existiert in Uruguay teils versteckt und zugleich vielerorts ganz offen. Der Candombe zählt mittlerweile zum Weltkulturerbe; seit 20 Jahren gilt der 3. Dezember offiziell als der Feiertag des Candombe. Davon abgesehen werden afrikanische Einflüsse oft kleingeredet. Auf der Rambla trifft man keine Schwarzen, und doch verändert sich langsam etwas, erzählt die Schriftstellerin Beatriz Santos. Sie muss es wissen, denn ihr Familie hat afrikanische Wurzeln, und sie selbst kämpft für die Rechte der Afro-Nachfahren. Im Interview mit Prensa Latina erzählen Schwarze Aktivistinnen, wie sie die Situation in ihrem Land heute wahrnehmen.
Als Beatriz im Haus der afro-uruguayischen Kultur im Hauptstadtviertel Palermo eintrifft, sitzen wir von Prensa Latina bereits mit Direktorin Cristina Silva und der Ciudadana Ilustre Isabel „Chabela” Ramírez. Wie kommt man an den Titel der „illustren Bürgerin“? Chabela bekam ihn im vergangenen Jahr von der Stadtverwaltung Montevideo als Künstlerin, Frontfigur des örtlichen Karnevals, als Sängerin und als Kämpferin für soziale Belange verliehen. „Ich habe angefangen zu komponieren, weil niemand das schrieb, was ich in meinen Liedern sagen wollte”, erzählt Chabela. Zum Beispiel will sie auf die Unsichtbarkeit der Afro-Kultur in ihrem Land aufmerksam machen.
Versklavung und Abolition
Jahre vor der offiziellen Gründung der Stadt Montevideo wurden an diesem Ort versklavte Menschen angeliefert und in die Region Río de la Plata verbracht. Um 1741 florierte der Sklavenhandel, und der Hafen der Stadt entwickelte sich zu einem wichtigen Umschlagplatz. Im Jahr 1787 ordnete der Stadtrat von Montevideo den Bau des „Caserío de los Negros“ (Hütte der Schwarzen) an, wo die Ankommenden vorübergehend untergebracht und unter Quarantäne gestellt wurden. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dieser Ort als Lager, Registrierungsstelle, Mastanstalt, Verkaufsort und Friedhof genutzt. Zehntausende Menschen, die mit den Sklavenschiffen von den afrikanischen Küsten herangeschafft worden waren, wurden hier durchgeschleust.
Auf die Versuche, die Grausamkeit der Sklaverei zu beschönigen oder zu verharmlosen, reagiert Chabela Ramírez mit deutlichen Worten: „Meist beziehen die Leute sich damit auf die häusliche Sklaverei, aber Fakt ist: Montevideos wurde auf den Schultern von versklavten Menschen errichtet, der gesamte Straßenbau, die Rambla, alles. Damals herrschte die Vorstellung, dass Schwarze nur für bestimmte Aufgaben taugten”. Sie waren Kanonenfutter in den politischen Querelen und Kriegen sowie im Kampf um die Unabhängigkeit. Sie standen an vorderster Front, wurden gegen ihren Willen eingezogen oder mit dem Versprechen der Freiheit gelockt. Die Sklaven mussten sechs Jahre in der Armee dienen. Wer sich dem zu entziehen versuchte, wurde als „Deserteur“ im Gefängnis des Cabildo inhaftiert.
Die Abschaffung der Sklaverei in Uruguay war ein Prozess in mehreren Schritten. Im Jahr 1825 wurde die „Freiheit der Gebärmutter“ (Libertad de Vientres) beschlossen, die sich auf die Freiheit der nachkommenden Generation bezog. „Aber wie sollten Mädchen und Jungen frei sein, deren Eltern versklavt waren?”, entgegnet meine Interviewpartnerin. Während des Großen Krieges ebneten zwei wichtige Dekrete den Weg in die Freiheit: Eins wurde 1842 erlassen und eins 1846. Die beiden Gesetze zur Abschaffung der Sklaverei erlaubten es den Eigentümern, Dienstboten zu behalten, und sie garantierten ihnen eine Entschädigung für „nützliche Sklaven”, die zum Militärdienst eingezogen wurden. „Die sogenannte Abolition war keine echte Abschaffung, sondern führte dazu, dass die „befreiten” Menschen ohne Verdienstmöglichkeit auf sich selbst gestellt waren und in Armut lebten“, erklärt die Direktorin der Casa de la Cultura Afrouruguaya. Recht auf Land hatten sie auch nicht, „weil das Land in der Kolonialzeit unter den Weißen aus Europa aufgeteilt wurde”. Die eklatante Ungleichheit spiegelte sich in allen Bereichen, beim Zugang zu Wohnraum, bei Löhnen und der Gesundheitsversorgung. „Weder die Abschaffung der Sklaverei noch die Gründung der Republik führte dazu, dass die Rechte der Menschen mit afrikanischen Vorfahren vollständig anerkannt wurden”. Die afrikanischstämmige Bevölkerung wurde in den Cordón, die Randbezirke der Stadt verbannt, die heute Barrio Sur und Palermo heißen, wo sich eine weitere Episode rassistischer Gewalt abspielte. „In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gewannen die Immobilien in diesen Stadtteilen aufgrund des Wachstums der Hauptstadt enorm an Wert. Zwischen 1978 und 1979 vertrieb die Militärdiktatur die Schwarzen Einwohner*innen und zwang sie, sich in den Vororten neu anzusiedeln”.
Die Zahlen sprechen für sich
Die Fortschritte, die Uruguay hinsichtlich der sozialen Teilhabe und der Bekämpfung von rassistischer Diskriminierung erzielt hat, sind unbestreitbar. Es gibt Gesetze, die den Zugang Schwarzer Menschen zum Arbeitsmarkt fördern sollen. Acht Prozent der Stellen sind für Menschen afrikanischer Herkunft reserviert. „Aber wer das Gesetz gemacht hat, hat auch eine Hintertür eingebaut“, gibt die Anwältin Cristina Silva zu bedenken. Bei der Anwendung dieser Gesetzgebung werden Standards gefordert, die Afro-Uruguayer*innen oft nicht erfüllen, weil sie unter anderem keine Sekundarschulbildung abgeschlossen haben, weshalb sie letztlich doch nicht in diese Arbeitsplätze vermittelt werden. Bei der Volkszählung von 2023 bezeichneten sich 10,6 Prozent der uruguayischen Bevölkerung als afrikanischstämmig. Die Erhebungen wurden hauptsächlich in Montevideo und Canelones sowie den Departamentos Rivera, Artiga und Cerro Largo an der Grenze zu Brasilien durchgeführt. Unter den schwarzen Uruguayaner*innen ist die Armutsquote etwa doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. Laut Silva liegt die Armutsquote unter afrikanischstämmigen Kindern bei 46 Prozent. Die Wohnverhältnisse sind schlechter, es gibt mehr Schulabbrecher*innen, mehr Arbeitslose, und mehr Leute sind in prekären Arbeitsverhältnissen tätig, was wiederum den Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung einschränkt.
Mehr als Candombe
Der Candombe erfreut sich heute großer Beliebtheit, hat aber eine neue Bedeutung erhalten. Ursprünglich erfüllte er eine rituelle Funktion und war Ausdruck von Widerstand. Heute dagegen hat er einen eher freizeitorientierten Charakter und entspricht mehr einer „Subkultur”, findet Chabela Ramírez. Seit 2005 feiert Uruguay jedes Jahr am 3. Dezember den Feiertag des Candombe, der afro-uruguayischen Kultur und der Gleichberechtigung der Menschen unterschiedlicher Herkunft. Im Jahr 2009 wurde der Candombe von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Der afrikanische Beitrag zur uruguayischen Kultur und Identität ist jedoch viel umfangreicher. Zu den bekannten Afro-Uruguayer*innen zählen die Lyrikerin Virginia Brindis de Salas, Lágrima Ríos, die schwarze Dame des Tango, der Musiker Rubén Rada und der 1899 geborene Schriftsteller Juan Julio Arrascaeta, der sich gegen den Rassismus seiner Zeit auflehnte und einen renommierten Maler für seine verzerrte Darstellung afrikanischstämmiger Menschen kritisierte. „Sie malen uns wie Affen”, schimpfte er. Chabela erinnert an Agustín Pedrosa, Kommunist, Gründer und Vorsitzender der Baugewerkschaft Sindicato Único Nacional de la Construcción und Kämpfer für Arbeitnehmerrechte. Die Direktorin des Kulturzentrums verweist auf Edgardo Ortuño, erstes schwarzes Mitglied der Legislative, das dieses Land je gesehen hat und heute der einzige Afro-Uruguayer im Kabinett von Präsident Yamandú Orsi.
Und falls mal wieder die Frage aufkommt, worin sich der strukturelle Rassismus in Uruguay ausdrückt: Ein paar Blocks weiter befindet sich die Rambla, die die wohlhabenden Viertel säumt. Hier gehen die Einwohner*innen der Stadt spazieren, treiben Sport treiben und verbringen ihre Freizeit. „Wenn du drauf achtest, wirst du sehen, dass es auf der Rambla keine Schwarzen gibt”, bemerkt Beatriz Santos.
Auf der Rambla triffst du keine Schwarzen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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