Wir dokumentieren: Die Gründung Amerikas (Eduardo Galeano)

Eduardo Galeano (Foto: Desinformémonos)

(Mexiko-Stadt/Barcelona, 12. Oktober 2020, desinformémonos/El Viejo Topo).- Hier veröffentlichen wir die übersetzte Fassung eines Auszugs aus Eduardo Galeanos Fast eine Weltgeschichte: Spiegelungen (Espejos. Una historia casi universal):

 

Die Gründung Amerikas

In Kuba, so lesen wir bei Christoph Kolumbus, lebten Meerjungfrauen mit Männergesichtern und Hahnenfedern.

In Guyana, schreibt Sir Walter Raleigh, gab es Menschen, die die Augen auf den Schultern und den Mund auf der Brust hatten.

Im Venezuela, wie es Pater Pedro Simón beschreibt, lebten Indigene mit Ohren, so groß, dass sie diese hinter sich herziehen mussten.

Am Ufer des Amazonas, berichtet uns Cristóbal de Acuña, gab es Einheimische mit verdrehten Füßen. Die Fersen hatten sie vorne und die Zehen hinten.

Pedro Martín de Anglería schrieb die erste Geschichte Amerikas, ohne je selbst dort gewesen zu sein. Er beschreibt eine neue Welt voll von Männern und Frauen mit Schwänzen, die so lang waren, dass sie sich nur auf Sitze mit Löchern setzen konnten.

Amerikaner

Die offizielle Geschichtsschreibung besagt, dass Vasco Núñez de Balboa der erste Mensch war, der von einem Gipfel in Panama aus gleichzeitig beide Ozeane sah. Was ist mit denen, die dort lebten, waren sie blind?

Wer gab dem Mais, der Kartoffel, der Tomate oder der Schokolade zu allererst einen Namen? Wer gab den Bergen und den Flüssen von Amerika als Erster Namen? Hernán Cortés, Francisco Pizarro? Aber was ist mit denen, die dort lebten, waren sie etwa stumm?

Die Pilger auf der Mayflower hörten Gott zu ihnen sagen, dass Amerika das gelobte Land sei. Waren die, die dort lebten, taub?

Es waren die Enkel ebendieser Pilger aus dem Norden, die sich später des Namens und auch allem sonst auf diesem Erdteil bemächtigten. Die Amerikaner sind jetzt sie. Und wir, die wir in den anderen Amerikas leben, wer sind dann wir?

Gesichter und Masken

Vor jedem Überfall auf eines der Dörfer erklärte das Requerimiento-Dokument den Einheimischen, dass Gott auf die Erde gekommen sei und als seinen Vertreter Petrus gewählt habe. Dessen Nachfolger sei wiederum der Heilige Vater. Der Heilige Vater habe all dieses Land der Königin von Kastilien übertragen und deswegen müssten die Indigenen verschwinden oder Abgaben in Gold zahlen. Täten sie dies nicht oder zu spät, werde ihnen der Krieg erklärt und sie würden mit ihren Frauen und Kindern zu Sklaven gemacht.

Das Requerimiento wurde in den meisten Fällen auf einem Hügel vorgelesen. Mitten in der Nacht, auf Spanisch und ohne Übersetzer. Anwesend war meist ein Notar, aber kein einziger Einheimischer.

Die Erfindung des bakteriellen Krieges

Für Amerika war die Umarmung Europas tödlich. Neun von zehn Indigenen starben auf dem Kontinent.

Die kleinsten Krieger waren gleichzeitig die schlimmsten. Viren und Bakterien kamen, wie die Konquistadoren, aus anderen Ländern, anderen Gewässern, anderen Lüften; und die Einheimischen hatten keine Abwehr gegen dieses Heer, das unsichtbar zwischen den Truppen voranschritt.

Die zahlreichen Bewohner der karibischen Inseln verschwanden von dieser Welt, heute erinnern wir uns nicht einmal mehr ihrer Namen. Viel mehr starben an den Seuchen als durch Sklaverei und Selbstmord.

Das Pockenvirus tötete den Aztekenkönig Cuitláhuac und den Inkakönig Huayna Cápac. In Mexiko-Stadt forderte es so viele Opfer, dass man diese mit ihren eigenen Häusern bedecken musste.

Der erste Gouverneur von Massachusetts, John Winthrop, sagte, die Pocken seien von Gott geschickt worden, um das Land für seine Auserwählten zu säubern. Die Indigenen hätten sich in ihrer Heimat geirrt. Siedler aus dem Norden unterstützten den Allmächtigen, indem sie den Indigenen mehr als einmal mit dem Pockenvirus infizierte Decken schenkten:

Um diese verabscheuungswürdige Rasse zu entfernen“ – erklärte der Kommandant Jeffrey Amherst im Jahr 1763.

Andere Landkarten, aber die gleiche Geschichte

Fast drei Jahrhunderte nach Kolumbus‘ Ankunft in Amerika besegelte der Kapitän James Cook die Südsee, rammte die britische Flagge in Australien und Neuseeland und machte den Weg frei für die Eroberung der unzähligen Inseln Ozeaniens.

Wegen deren weißer Haut hielten die Einheimischen diese Segler für Tote, die auf die Welt der Lebenden zurückgekehrt waren. Und durch ihr Handeln wussten sie, dass sie zurückgekehrt waren, um sich zu rächen.

Und so wiederholte sich die Geschichte.

Wie in Amerika bemächtigten sich die Neuankömmlinge der fruchtbaren Felder und der Wasserquellen und trieben die dort Lebenden in die Wüste.

Und sie unterwarfen sie wie in Amerika in Zwangsarbeit und verboten ihnen ihre Erinnerungen und Bräuche.

Wie in Amerika sprengten oder verbrannten die christlichen Missionare die heidnischen Bildnisse aus Stein oder Holz. Ein paar wenige wurden verschont und nach Europa geschickt. Davor wurde diesen allerdings der Penis amputiert, um den Krieg gegen die Vergötterung zu bezeugen. Der Gott Rao, der heute im Louvre ausgestellt ist, erreichte Paris mit einem Etikett, das ihn wie folgt beschreibt: „Vorbild der Unreinheit, des Lasters und der schamlosen Leidenschaft.“

Wie in Amerika überlebten nur wenige Indigene. Diejenigen, die nicht an der Erschöpfung oder durch eine Kugel starben, wurden durch unbekannte Krankheiten vernichtet, gegen die ihre Körper keine Abwehr kannten.

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