Schon 100 geheime Gräber in Hafenstadt Veracruz gefunden

Von Gerd Goertz

Fotos erinnern an die ermordete Studentin Deyanira Urritia. Foto: Desinformemonos
Fotos erinnern an die ermordete Studentin Deyanira Urritia. Foto: Desinformemonos

(Mexiko-Stadt, 13. Oktober 2016, npl).- Die schlimmste Nachricht ist vielleicht die, dass nicht einmal zehn Prozent des Geländes untersucht sind. Nach dem Aufdecken weiterer sechs geheimer Gräber durch die Gruppe „Colectivo Solecito“ (Kollektiv Kleine Sonne) am 10. Oktober, sind auf dem Areal Colinas de Santa Fe im Norden der Hafenstadt Veracruz inzwischen 100 Gruben mit Knochenresten offengelegt (siehe auch frühere Poonalausgaben). Die Suche des Kollektivs, in dem überwiegend Familienangehörige Verschwundener aktiv sind, begann Anfang August, also vor nicht einmal drei Monaten. Colectivo Solecito hat angekündigt mit der systematischen Suche fortzufahren, bis das gesamte Grundstück erkundet ist. Derweil kommen die Untersuchung der sterblichen Überreste von staatlicher Seite aufgrund Personalmangels und wohl auch fehlendem politischen Willen nicht nach. Bisher hat die Analyse von Knochenresten aus 27 Gräbern ergeben, dass ein Teil dieser Reste mindestens 62 verschiedenen Schädeln zuzuordnen ist.

Der Horror im Bundesstaat Veracruz geht unterdessen weiter. Am 29. September verschwanden am Rand der von den Städten Veracruz und Boca del Río gebildeten metropolitanen Region drei junge Leute. Eine gute Woche später wurden die zerstückelten Leichen der Studentin Deyanira Urritia, sowie der Universitätsabsolventen Leobardo Arroyo und Octavio García 70 Kilometer entfernt vom vermutlichen Tatort aufgefunden. An vielen Tagen sind die Mordzahlen in Veracruz zweistellig. Colectivo Solecito fragt öffentlich: „Wie viele Leben mehr sind nötig, damit die zuständigen Sicherheits- und Justizbehörden etwas unternehmen, so viel Gewalt und Unsicherheit zu stoppen?“

Gouverneur Duarte lässt sich freistellen

Javier Duarte, der Gouverneur von Veracruz, gab die Antwort auf seine Weise. Er ließ sich am 12. Oktober sechs Wochen vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit von der ihm noch hörigen Abgeordnetenmehrheit im Lokalparlament freistellen. Duarte, der von vielen als Hauptverantwortlicher für die desolate Menschenrechtssituation, die zahlreichen Journalist*innenmorde und das ungehinderte Agieren der Drogenkartelle in Veracruz verantwortlich gemacht wird, hat angekündigt, seinen Namen „reinwaschen“ zu wollen. Böswillig Denkende wie La Jornada-Analyst Julio Hernández López weisen auf ein möglicherweise abgekartetes Spiel mit der Regierungspartei PRI hin, die Duarte vor wenigen Tagen seiner Parteirechte entkleidete. Während die PRI sich als Kämpferin gegen Korruption und Unrecht darstellen könne, habe Duarte Zeit, sich juristisch gegen mögliche Anklagen vorzubereiten. Bittere Kommentare und Karikaturen ließen ebenfalls nicht auf sich warten. Ihr Tenor: Während die Opfer in Veracruz in geheimen Gräbern verschwinden, verschwinde nun der Gouverneur – in die Straffreiheit.

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