Rektor spricht Klartext: Bildungswesen verschärft Klassenunterschiede

Rektor
Der Rektor der Iberoamerikanischen Universität von Mexiko-Stadt, David Fernández Dávalos, findet deutliche Worte für das mexikanische Bildungswesen. Foto: Flickr/Arturo Alfaro Galán (CC BY-NC-ND 2.0)

(Mexiko-Stadt, 14. Juni 2017, la jornada/poonal). – Ausgerechnet der Rektor einer Privatuniversität rechnete schonungslos mit dem mexikanischen Bildungswesen und der sozialen Spaltung in Mexiko ab. David Fernández Dávalos steht der den Jesuiten gehörenden Iberoamerikanischen Universität UIA in Mexiko-Stadt vor, vor Jahren leitete er das bekannte mexikanische Menschenrechtszentrum Miguel Agustín Pro Juárez. Anlässlich seines dritten Arbeitsberichtes als Rektor war seine Botschaft an die universitäre Gemeinschaft und die anwesenden Journalist*innen zutiefst politisch. Die Situation des Bildungswesens in Mexiko habe sich so verschlimmert, dass sie keine Klassenunterschiede überwinde, sondern sie verfestige.

Jede Bildungsreform müsse darauf ausgerichtet sein, die Benachteiligten zu begünstigen, so Dávalos. Die Ungleichheit betreffe die jungen Leute „brutal“. Die einkommensschwachen Schichten im Land hätten so gut wie keinen Zugang zu Bibliotheken, Auslandsaufenthalten, anderen Sprachen. Bei seinen Ausführungen gegenüber der Universitätsgemeinschaft berief er sich auf den portugiesischen Soziologen Boaventura de Sousa Santos. Als Beispiel für den „Faschismus der sozialen Apartheid“, der die städtische Landschaft in zivilisierte und wilde Zonen unterteile, nannte er den Stadtteil Santa Fé, in dem sich die Iberoamerikanische Universität befindet. Auf der einen Seite seien die Konzerne, auf der anderen die Bevölkerung. Letztere sei von Gewalt dominiert, sowohl der Gewalt des repressiven (Polizei-)Staates als auch der Gewalt innerhalb der ausgeschlossen Gruppen. In den zivilisierten Zonen würden dagegen mit gewisser Konsistenz die bürgerschaftlichen Rechte gestärkt. Die zivilisierten Zonen lebten unter ständiger Bedrohung der wilden Zonen und transformierten sich zu ihrer Verteidigung in neofeudale Schlösser, festungsartige Enklaven.

„In den wilden Zonen handelt der Staat faschistisch“

Diese Trennung werde in Mexiko zu einem allgemeinen Umgangskriterium, das alle gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Verhältnisse durchziehe und zu einer neuen Form des Parallelstaates führe: „In den zivilisierten Zonen agiert der Staat demokratisch als schützender Staat, wenn auch häufig ineffizient und unzuverlässig. In den wilden Zonen agiert der Staat dagegen faschistisch, als verfolgender Staat ohne jegliche Absicht, und sei es nur scheinbar, das Recht zu achten.“ Die Jugend des Landes erleide aufgrund der sozialen Spaltung eine schwerwiegende „Verletzung“, so der Rektor im Interview mit der Tageszeitung La Jornada. Junge Bäuer*innen, Arbeiter*innen und Arme hätten keine Alternativen. Sie würden an privaten wie öffentlichen Universitäten zurückgewiesen, könnten keine eigenen Unternehmen aufbauen. Es blieben Migration, Armut, informeller Sektor oder die „Eingliederung in die kriminelle Ökonomie“.

An der Iberoamerikanischen Universität studieren viele Kinder reicher Familien. Die Jesuiten-Universität vergibt aber auch relativ viele Stipendien. In den letzten Jahren kommen sowohl aus der Uni-Spitze wie Teilen der Studentenschaft häufig kritischere Töne als von den staatlichen Universitäten. Bekannt wurde die Iberoamerikanische Universität unter anderem in 2012 als ein wichtiger Ausgangspunkt heftiger Proteste gegen die Präsidentschaftskandidatur des aktuellen mexikanischen Staatsoberhauptes Enrique Peña Nieto.

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