„Durch die Musik habe ich entdeckt, dass ich ein Mapuche bin“

Foto: Helodie Fazzalari

(Santiago de Chile, 01. Februar 2020, pressenza).- Interview mit Jaime Kurakeo, Musiker und Mapuche.

Können Sie uns von Ihrer Mapuche-Herkunft erzählen? Wie entdeckten Sie Ihre indigenen Wurzeln?

Mein Familienname stammt aus dem Süden Chiles, aus einer Gegend nahe der Stadt Temuco in Chiles IX. Region (auch bekannt als Región de la Araucanía). Von dort ging mein Großvater mit knapp 18 Jahren nach Santiago und heiratete meine Großmutter, die aus der VII. Region stammt. Zwei Kinder wurden geboren, eines davon ist mein Vater. Ich habe drei Brüder und bin von uns derjenige, der sich am meisten dafür interessiert, unsere Identität als Mapuche wiederzuerlangen. Für mich lautet eine der wichtigsten Fragen: „Was bedeutet es, Mapuche zu sein?“. Oft ist es sehr schwierig, darauf zu antworten, und daher habe ich viel Zeit damit verbracht, mich wieder neu mit der indigenen Kultur zu identifizieren.

Ich bin in Santiago geboren und mit (nicht-indigenen) Chilen*innen aufgewachsen, weil mein Vater anfangs seine Herkunft verleugnete. Dank der Musik entdeckte ich dann, dass ich ein Mapuche bin. Ich begann, mich für meine indigenen Wurzeln zu interessieren, als ich in Verbindung mit der Folklore und der chilenischen Musik trat:  Als Kind tanzte ich alle möglichen folkloristischen chilenischen Tänze und schloss mich einer Gruppe an, die folkloristische Musik spielte. Innerhalb dieser Gruppe gab es immer irgendetwas, das Mapuche-Wurzeln hatte. Von diesem Moment an begann ich, musikalische Bezüge zu schaffen. Und sofort wurde mir klar, dass die Musik ein wichtiger Teil meines Lebens werden würde. Das ging bis zu meinem Studium an der Universität. Wir reden jetzt über die Zeit der Diktatur, als Namen mit Mapuche- oder anderem indigenem Ursprung lieber verborgen blieben. Damals begann ich, mir Gedanken über meinen Familiennamen zu machen und mich zu fragen, wer ich überhaupt war. Ich habe verschiedene Arten von Musik erlernt und ein Repertoire mit meinen eigenen Liedern geschaffen, die einen Bezug dazu hatten, ein Mapuche zu sein, um auf dieser Grundlage meine eigene Identität zu bauen. Musik hat eine wichtige pädagogische Funktion; die Musik, die ich hörte, behandelte in ihren Liedern Themen, die mich zum Nachdenken brachten. So begann ich, mich mit dem chilenischen Staat, den politischen Fragen und dem Bildungssystem auseinanderzusetzen.

Bekanntlich versuchte der chilenische Staat während der Diktatur, indigene Traditionen zu assimilieren. Geschah das auch in der Musik? Oder gelang es ihr, ihre eigene Identität beizubehalten?

Dem Diktator Pinochet gelangen einige sehr intelligente Schachzüge. Zum Beispiel ist Puelche heute ein chilenischer Nationaltanz. Eigentlich hat er aber indigene Wurzeln, weil er aus der Begegnung zwischen der spanischen und der indigenen Kultur entstand. Dieser Nationaltanz also wurde standardisiert und zu etwas Chilenischem gemacht. Pinochet sorgte dafür, dass aus dem Puelche, der ursprünglich sozusagen Teil der Streetart war, ein Salon-Tanz wurde.

Heute befinden sich die Medien in Chile in den Händen zweier wirtschaftlicher Gruppen, es handelt sich um ein Duopol. Für eine indigene Ausdrucksform, wie die Musik es sein kann, ist es sehr schwierig, wahrgenommen zu werden. Im Fernsehen werden Mapuche nur als terroristenartige Vermummte dargestellt.

Irgendwann in deinem Leben, versuchst du, deinen Weg zu finden und zu verstehen, welche deine Prinzipien sind. Mapuche zu sein bedeutet für mich vor allem, „Mensch“ zu sein, eine Person, die ein Bewusstsein hat, eine Kultur, eine Person, die es versteht, gut zu sein, die ein reines Herz hat, eine spirituelle Kraft ebenso wie eine physische Kraft, denn der Körper ist sehr wichtig für die Arbeit. Diese ganzen Elemente muss sich ein Mapuche auf seiner Lebensreise aneignen, um als „Mensch“ betrachtet zu werden. All diese Prinzipien sind verbunden mit der politischen und der sozialen Frage. Denn im Besitz dieser Elemente zu sein bedeutet, dass du kämpfen kannst, um dein Land zu verteidigen, deine Identität. Es bedeutet, dass du Respekt für die Alten der Gemeinschaft haben kannst.

Fühlen Sie sich als Musiker und als Mapuche anerkannt?

Ich weiß es nicht, und ich glaube auch nicht, dass es besonders wichtig ist. Das Wichtigste ist, ehrlich gegenüber sich selbst zu sein und im Blick zu behalten, wer wir sind. Ich versuche, Musik zu machen, die eine Verbindung hat mit all dem, worüber wir gesprochen haben. Anfangs war es schwierig, Mapuche-Klänge in meine Liedern zu bringen. Ich habe dann damit begonnen, die Musikkultur der Mapuche zu studieren, um daraus irgendwie Elemente in meine Musik einzubauen. Innerhalb des Konzepts der Mapuche-Musik spielt die Dualität eine grundlegende Rolle. Wenn man nur vom Lonko als einzigem Anführer der Mapuche-Gemeinschaft spricht, ist das schlecht, denn er hat seine Ehefrau an seiner Seite. Auch meine Partnerin Mónica und ich empfinden es so, dass wir uns gegenseitig stark ergänzen, wir singen zum Beispiel gemeinsam in der Mapuche-Sprache Mapudungun. Oft machen wir Versionen beliebter Lieder auf Mapudungun, und ich glaube, das ist sehr wichtig, nicht nur um den Hörer*innen unsere Sprache näherzubringen, sondern unsere Kultur ganz allgemein.

Glauben Sie, dass die Musik ein Medium sein kann, um der Mapuche-Kultur in Chile ihren richtigen Wert zurückzugeben?

Ja, selbstverständlich. Die Musik ist eine lebendige gesellschaftliche Ausdrucksform. Für mich zum Beispiel war es eine ziemlich schwierige Aufgabe, weil ich aus einem Umfeld komme, das auf der chilenischen Kultur gründet. Es gibt Mapuche, die Gitarre spielen, aber es ist ein Instrument, das nicht Teil unserer Kultur ist, dennoch versuche ich, es in meine Musik zu integrieren. Insbesondere arbeite ich daran, den Klang der Gitarre den Mapuche-Melodien anzupassen. Ich glaube, die Musik ist ein geeignetes Mittel, um Menschen zum Nachdenken zu bringen, Bewusstsein zu erzeugen und Diskussionen anzustoßen. Die Musik ist eine Ausdrucksform, und die Mehrheit der beliebten Sänger erkennen sich in Autoren wie  Víctor Jara und Violeta Parra wieder, die den Wandel in der traditionellen Folkloremusik vorangebracht und sie zu einer Musik mit Wurzeln gemacht haben, die sich nicht auf Landschaft und Natur beschränkt, sondern beschreibt, was bei den Menschen passiert.

Abgesehen davon ist es immer gut, sich einer Sache bewusst zu sein: Ein grundlegender Teil der Anerkennung der Mapuche-Bevölkerung hängt mit dem Anspruch auf unsere Gebiete zusammen. Wir wurden hier geboren, aber das Mapuche-Land, das die Stütze des Mapuche-Volkes ist, muss zurückgewonnen werden. Dem müssen wir unsere Energien widmen und ein Teil unserer Arbeit muss dem gelten: der Wiedererlangung unseres Landes. Mapudungun sprechen zu können, sich auf traditionelle Weise zu kleiden und all diese Dinge bedeuten nichts ohne den Kampf für das eigene Land.

Abschließend möchte ich sagen: Widerstand ist nicht Terrorismus. Die Aktionen von Mapuche-Gruppen im Süden Chiles sind keine terroristischen Handlungen, sondern Widerstand gegen die Forstunternehmen. Widerstand verdient äußersten Respekt und hat mit Terrorismus nichts zu tun.

Übersetzung: Bernd Stößel

CC BY-SA 4.0 „Durch die Musik habe ich entdeckt, dass ich ein Mapuche bin“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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