Venezolaner*innen beklagen rassistische Angriffe in Ecuador

„Nicht die Nationalität, sondern der Machismus tötet uns.“ Hunderte Frauen haben am 21. Januar gegen Femizide und geschlechtsspezifische Gewalt in Ecuador demonstriert. Foto: @denisseteleSUR

(Montevideo, 22. Januar 2019, la diaria).- Organisationen venezolanischer Bürger*innen in Ecuador haben am 21. Januar 2019 Dutzende Übergriffe gegen ihre Landsleute beklagt. „In verschiedenen Städten des Landes bewarf man sie mit Steinen und schlug auf sie ein. Insgesamt wurden 82 Menschen […] unter fremdenfeindlichen Umständen verletzt und angegriffen“, sagte der Präsident der Stiftung ‚Venezolaner*innen im Ausland“, Eduardo Febres.

Die Gewalt flammte nach dem Mord an einer schwangeren Frau auf. Ein Mann, mit dem diese ein Beziehung geführt hatte, hielt die zweiundzwanzigjährige Frau auf einer Straße der Stadt Ibarra fest und bedrohte sie mit einem Messer. Danach erstach er sie vor den Augen einer Gruppe von Menschen, unter ihnen einige Polizist*innen. Der Täter ist Venezolaner und das Opfer Ecuadorianerin. Diese Tatsache rückte in den Fokus, nachdem der Präsident Ecuadors, Lenín Moreno, das Verbrechen in Verbindung mit den jeweiligen Nationalitäten brachte und als Antwort darauf Maßnahmen gegen Migrant*innen ankündigte.

Moreno rückte Nationalität in den Mittelpunkt

„Ich habe die sofortige Bildung einer Einheit angeordnet, die die rechtliche Situation der venezolanischen Migrant*innen auf den Straßen, an den Arbeitsplätzen und an der Grenze kontrollieren soll“, kündigte er in einer Mitteilung auf Twitter mit dem Titel „Wir alle sind Diana!“ an und nahm so Bezug auf die ermordete Frau. „Wir haben ihnen die Türen geöffnet, aber wir werden nicht unsere Sicherheit opfern“, sagte Moreno und fügte hinzu: „Die Unversehrtheit unserer Mütter, Töchter und Kameradinnen hat oberste Priorität für mich“.

In derselben Mitteilung kündigte Moreno am 19. Januar an, seine Regierung prüfe die Möglichkeit, eine „spezielle“ Einreiseerlaubnis zu schaffen. Am 21. Januar 2019 bestätigte Vizepräsident Otto Sonnenholzner, dass man ab sofort damit beginnen werde, von venezolanischen Einwander*innen ein beglaubigtes Führungszeugnis zu verlangen, welches über bisherige Vorstrafen Auskunft geben soll.

Führungszeugnis für Einwander*innen

Der Präsident der Bürgervereinigung der Venezolaner*innen in Ecuador, Daniel Regalado, erklärte hingegen, dass das Verfahren, um dieses Dokument in Venezuela zu erhalten, „mindestens sechs Monate“ in Anspruch nehme, informierte die Nachrichtenagentur Efe. Für diejenigen, die sich bereits in Venezuela befänden, seien die Laufzeiten kürzer, fügte er hinzu. Febres stellte in Frage, ob es richtig sei „ die Tat eines Einzelnen zu verallgemeinern und die venezolanische Gemeinschaft dafür verantwortlich zu machen“.

Während der Ankündigung der neuen Maßnahmen argumentierte Sonnenholzner: „Ohne Verallgemeinerungen, aber entschlossen müssen wir unterscheiden zwischen Venezolanern, die vor der Regierung Maduros flüchten und den anderen, die diese Situation ausnutzen, um Straftaten zu begehen“. Der Staatssekretär für Kommunikation, Andrés Michelena, ging noch weiter. Seiner Meinung nach schicke die Regierung Maduros Personen nach Ecuador, die „in ihren Gefängnissen inhaftiert sind“.

„Unverantwortliche“ Rede von Moreno

Als Antwort darauf verlas der Außenminister Venezuelas, Jorge Arreaza, eine Mitteilung, in der er Moreno für „jede Verletzung der physischen, moralischen und bürgerlichen Integrität der Venezolaner*innen, die sich in Ecuador befinden“ verantwortlich machte. Er bezeichnete die Rede von Moreno außerdem als „unentschuldbar“ und „unverantwortlich“, da sie versuche, eine „nicht haltbare Beziehung zwischen der Gewalt gegen Frauen in Ecuador und den Bürgern venezolanischer Herkunft“ herzustellen.

Arreaza bezog sich auf die Schaffung von „Einheiten, um die rechtliche Situation der Venezolaner*innen zu kontrollieren“, die er als „verallgemeinerten Angriff“ bezeichnete. Sein Land behalte sich die Entscheidung vor, „internationale Instanzen“ anzurufen, um diese Angelegenheit zu regeln. Gleichermaßen äußerte sich auch die regierende Sozialistische Partei Venezuelas PSUV (Partido Socialista Unido de Venezuela). Sie werde die Hohe Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Michelle Bachelet, auffordern, gegen den ecuadorianischen Präsident zu ermitteln – wegen „den Angriffen auf das venezolanische Volk in seinem Land“.

Gewalt gegen Frauen kennt keine Grenzen

In Ecuador leben etwa 250.000 Venezolaner*innen. Fünf Organisationen, die diese vertreten, meldeten gewalttätige oder diskriminierende Handlungen ihnen gegenüber. Die Tageszeitung ‚El Comerico‘ berichtete von Vorwürfen über Angriffe in verschiedenen Städten – Ibarra, Latacunga, Cuenca, Manta und Santo Domingo – und zitierte den Sprecher des Verbandes der Venezolaner*innen in Ecuador, Egleth Noda. Er berichtete von Fällen, in denen die Menschen sich in Häusern anderer Familien verstecken mussten, nicht mehr zur Arbeit gehen konnten oder entschieden, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken.

Sowohl die Opposition also auch soziale Organisationen kritisierten die Ankündigungen und Erklärungen der Regierung Morenos. Der Dachverband der indigenen Nationalitäten Ecuadors CONAIE (Confederación de las Nacionalidades Indígenas de Ecuador) erklärte, dass geschlechtsspezifische Gewalt „weder Grenzen noch Nationen“ kenne. Der Verband zeigte sich beunruhigt, dass „die Landesregierung Stellungnahmen abgibt, die den Fremdenhass schüren […] und Einstellungen nähren, die noch mehr Gewalt hervorrufen“.

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