Feminizid in Ciudad Juárez: Mutter lehnt „gütliche Einigung“ ab

Norma Andrade
Norma Andrade bei der Anhörung durch die CIDH. Foto: CIDH/Cimacnoticias

(Mexico-Stadt, 8. Mai 2018, cimacnoticias).- Die Menschenrechtlerin Norma Esther Andrade hat die von der mexikanischen Regierung vorgeschlagene „gütliche Einigung“ im Prozess um die Ermordung ihrer Tochter zurückgewiesen. Lilia Alejandra García Andrade wurde im Februar 2001 in Ciudad Juárez, im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua, ermordet. Der Fall wurde der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte (CIDH) vorgelegt.

Nachdem die Lehrerin Norma Andrade 17 Jahre lang für Gerechtigkeit und Aufklärung der Ermordung ihrer Tochter gekämpft, bekannte sich die mexikanische Regierung nun am 7. Mai vor der CIDH-Kommission zu ihrer Verantwortung für die Verzögerungen bei der juristischen Aufarbeitung und die Fahrlässigkeiten bei den Ermittlungen um den Mord an Lilia Alejandra.

Während der 168. Sitzungsperiode der CIDH, die vom 3. bis zum 11. Mai in Santo Domingo, Dominikanische Republik, stattfand, wurde Norma Andrade zur Ermordung ihrer Tochter als Zeugin gehört. Die 17-jährige Maquila-Arbeiterin Lilia García Andrade wurde am 14. Februar 2001 in Ciudad Juárez entführt. Eine Woche später, am 21. Februar, fand man ihre Leiche in einem verlassenen Gelände. An ihrem Körper fanden sich Spuren sexualisierter Misshandlung.

Die mexikanische Regierung ließ 17 Jahre verstreichen und wandte sich erst, nachdem der Fall dem Interamerikanischen Gerichtshof vorgelegt worden war, an Norma Andrade, um ihr eine Beilegung der gerichtlichen Untersuchung vorzuschlagen, was diese jedoch ablehnte.

Nach 17 Jahren verspricht die Regierung eine sorgfältige Untersuchung

Seit die CIDH im März 2012 entschieden hatte, den Femizid an Lilia Alejandra zu übernehmen, war die mexikanische Regierung weder der wiederholten Aufforderung des Gerichtshofs, Berichte über die Untersuchung des Falls vorzulegen noch der Einladung, an der öffentlichen Verhandlung teilzunehmen, nachgekommen. Erst im März 2018 legten die Behörden doch einen Bericht vor; begleitet von einem Vorschlag an Andrade für eine „gütliche Einigung“: die Aufnahme der beiden Kinder ihrer Tochter Lilia in Sozialprogramme, eine öffentliche Entschuldigung sowie die Zusage, den Fall „dieses Mal“ sorgfältig zu untersuchen.

Vor der CIDH-Präsidentin Margarette May Macaulay und der Vizepräsidentin Esmeralda Arosemena de Troitiño erklärte der Staatssekretär der Menschenrechtsabteilung des Innenministeriums (Segob), Rafael Adrián Avante Juárez, was das Angebot im einzelnen beinhaltete: eine Wiedergutmachung aus dem Segob-Entschädigungfonds für den entstandenen materiellen und immateriellen Schaden, Übernahme der Krankenversicherung der Familie durch das Gesundheitsministerium Chihuahua, Bildungsstipendien für die beiden Kinder des Mordopfers sowie eines öffentliches Schuldeingeständnis der mexikanischen Regierung hinsichtlich ihres Versagens bei der Untersuchung des Verbrechens, so wie es die Familie gefordert hatte.

Andrade: „Alle haben mich belogen“

Norma Andrade wies die Vorschläge prompt zurück und erklärte: „An diesen Programmen hätte ich auch teilnehmen können, wenn meine Tochter nicht ermordet worden wäre.“ Dasselbe sei ihr in den letzten 17 Jahren von vier Gouverneuren von Chihuahua, neun Richtern und drei Staatspräsidenten versprochen worden, jedoch: „Sie haben mich alle belogen, alle.“

Mit einem Brief an ihre tote Tochter verschaffte Andrade sich in der Verhandlung Gehör: „Meine geliebte Tochter, 17 Jahre warst du alt, als du aus meinem Leben gerissen wurdest, und genau 17 Jahre ist das nun her, und immer noch fordern wir Gerechtigkeit. Man hat mir das Recht verweigert, dich in die Arme zu nehmen und mich von dir zu verabschieden, man hat mir das Privileg vorenthalten, deine Augen zu schließen […] und als sie dich nach sieben Tagen in einem Sarg wieder zu mir zurückbrachten, habe ich dir versprochen, dass ich nicht ruhen werde, bis dir Gerechtigkeit widerfahren ist. Naiv wie ich war, vertraute ich der Regierung und glaubte daran, dass sie ihre Arbeit tun und deine Mörder verhaften würden und uns die Erklärungen geben würden, auf die dein Vater und ich warteten“.

Norma steht zu ihrem Versprechen, nicht aufzugeben, bis ihrer Tochter Gerechtigkeit widerfährt. Mit der Vorlage des Falls beim CIDH kommt sie ihrem Ziel ein ganzes Stück näher. Ihre Enkel, die durch Lilias Ermordung mit fünf bzw. 18 Monaten zu Waisen wurden, sind mittlerweile fast volljährig und erwarten nun eine angemessene Entschädigung. Bei der Verhandlung trugen beide ein T-Shirt mit einem Foto ihrer Mutter.

Die CIDH-Vizepräsidentin Esmeralda Arosemena bezeichnete den Vorschlag als Schnellschuss in Reaktion auf die bald mögliche Vorlage des Falls beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte: Das hätte die zweite Verurteilung des mexikanischen Staats wegen Feminizids zur Folge. Das erste Urteil erging im Jahr 2012 aufgrund einer Mordserie mit mindestens acht Mordopfern in Ciudad Juárez, die als „Campo Algodonero” bekannt wurde.

CIDH rät, Ablehnung der gütlichen Einigung zu überdenken

Zum Stand der Ermittlungen zum Mörder oder den Mördern von Lilia Alejandra wollte der nun zuständige Staatsanwalt von Ciudad Juárez, Sergio Castro Guevara, sich nicht öffentlich äußern, da dies die Untersuchungen gefährden könne. Er lud jedoch Norma Andrade und ihre Anwält*innen Karla Micheel Salas Ramírez und David Peña Rodríguez zu einem privaten Treffen in Anwesenheit von CIDH–Vertreter*innen ein, um ihr nähere Informationen zukommen zu lassen.

Die auf Gewalt gegen Frauen spezialisierte Anwältin Micheel Salas, die seinerzeit zusammen mit David Peña den Fall Campo Algodonero vor den Interamerikanischen Gerichtshof gebracht hatte, antwortete, man werde an dem Treffen teilnehmen, wenn auch mit großer Skepsis, denn auch nach 17 Jahren gebe es keine klare Ermittlungslinie und auch keine Ergebnisse. Nach Angaben der Anwälte ist Staatsanwalt Sergio Castro erst seit kurzem mit dem Fall befasst; daher habe er es eilig, ihn abzuschließen.

Bisher sei lediglich bekannt, dass Lilia Alejandra von einer Gruppe von Männern umgebracht worden sein könnte, die in der Grenzstadt Ciudad Juárez von 1994 bis 2005 mehrere zehn- bis 17-jährige Mädchen ermordet hatte, erklärte der Anwalt David Peña vor der CIDH. Dies habe im Jahr 2008 die Untersuchung des Verbands Demokratischer Anwälte ergeben. Die Organisation musste mit ihren Ermittlungen praktisch bei null anfangen; die Staatsanwaltschaft Chihuahua verfolgte seinerzeit sieben Ermittlungslinien, die auf anonyme Hinweise zurückgingen.

Spuren der Täter sind vorhanden

Das Anwaltsteam verlangte, sämtlichen vorhandenen Spuren nachzugehen: Auf der Decke, in die Lilia Alejandras Leiche eingewickelt war, befand sich ein Blutfleck; wie die genetische Untersuchung ergab, war es das Blut eines Mannes, es gelang jedoch nie, das genetische Profil einer Person zuzuordnen. Die Anwält*innen regten außerdem an, den Mord an Lilia Alejandra mit anderen Femiziden abzugleichen. Tatsächlich konnte anhand der bei der Toten gefundenen Spermaspuren festgestellt werden, dass der Mörder auch Rocío Cordero Esquivel, Coral Arrieta Medina, Sonia Iveth Sánchez Ramírez und Rosa Antena Quintanilla, vier minderjährige junge Frauen, missbraucht hatte:

Durch den Abgleich des genetischen Profils mit der Datenbank der Staatsanwaltschaft Chihuahua fand Man im Jahr 2010 heraus, dass es sich bei dem Täter um einen Verwandten des Ministeriumsbeamten Enrique Castañeda Ogaz aus Ciudad Juárez handelte, der im selben Jahr ermordet wurde.

CIDH sichert Andrade volle Unterstützung zu

Die Fragen der CIDH-Präsidentin Margarette May Macaulay zu den übrigen ermordeten Mädchen blieben unbeantwortet. Umso mehr begrüßte sie das Angebot der mexikanischen Regierung, sich zu einem nichtöffentlichen Treffen zusammenzufinden, und empfahl Norma Andrade, ihre Entscheidung, das gütliche Angebot der Regierung zurückzuweisen, noch einmal zu überdenken, obwohl selbstverständlich sie das letzte Wort habe. Sie sicherte Andrade erneut die volle Unterstützung des CIDH zu, bis der Gerechtigkeit Rechnung getragen und ihre Arbeit als Menschenrechtsaktivistin anerkannt sei.

Die Präsidentin des internationalen Organs forderte die Regierung außerdem auf, die Untersuchung des Falls zügig abzuschließen und das massive Problem der Frauenmorde im Land zu lösen. Je nachdem, wie Norma Andrade sich entscheide, werde auch der CIDH eine gründliche Untersuchung des Falls vornehmen.

Zwei Anschläge auf Andrade

Auch die beiden auf Norma Andrade verübten Anschläge kamen zur Sprache. Im Jahr 2011 wurden mehrere Schüsse auf sie abgefeuert; sie erlitt Verletzungen im Brustkorb sowie an der rechten Schulter und Hand, woraufhin sie Ciudad Juárez verließ, um sich in der Hauptstadt in Sicherheit zu bringen. Dort jedoch wurde sie zwei Monate wieder angegriffen; diesmal mit einer Stichwaffe. Ein Unbekannter setzte ihr ein Messer an die Kehle und verletzte sie am Hals. Beide Angriffe wurden im Beisein ihrer Enkel*innen verübt.

Der CIDH-Ausschuss befragte die mexikanische Regierung, ob ihnen bekannt sei, ob die Angriffe auf Andrade etwas mit ihrer Tätigkeit als Menschenrechtsaktivistin zu tun hätten oder mit ihrer Suche nach den Mördern ihrer Tochter zu tun hätten. Die Regierung ließ diese Frage unbeantwortet und bot lediglich an, sie in ein Schutzprogramm der Staatsanwaltschaft für Menschenrechtler*innen und Journalist*innen aufzunehmen. Norma Andrade erhält jedoch bereits Personenschutz.

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