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(São Paulo, 7. Oktober 2026, Brasil de Fato).- Bei den Wahlen 2026 gehörten Frauen mit konservativem Diskurs zu den herausragenden Gewinnerinnen. Eduarda Campopiano (PL), die sich selbst als „größte Feindin der Feministinnen“ bezeichnet, räumte in São Paulo 1.956.238 Stimmen ab. Die 23-Jährige möchte ihre Amtszeit gar dem Kampf gegen den Feminismus widmen. In Rio de Janeiro hatte Índia Armelau (PL) die Beschränkung der Nutzung von Damentoiletten durch Transfrauen zu einem ihrer wichtigsten parlamentarischen Anliegen gemacht. Armelau ist Abtreibungsgegnerin; von dem Vorschlag, Frauenfeindlichkeit zum Straftatbestand zu erklären, hält sie nichts und befürwortet stattdessen die Ausweitung des privaten Waffenbesitzes – auch als Mittel zum Schutz von Frauen. Diese Positionen brachten ihr 248.504 Stimmen ein. Nach der Wahl erklärte Armelau, der „Krieg“ gegen die Feministinnen habe gerade erst begonnen.
Die Präsenz konservativer Frauen hat auch den Senat erreicht. Von den 54 zu vergebenden Sitzen gingen zwölf an Frauen – die höchste Zahl seit der Wiederherstellung der Demokratie. Zu ihnen gehören Michelle Bolsonaro und Bia Kicis, beide PL, für den Bundesdistrikt, Carol de Toni (PL-SC) und Gracinha Caiado (União-GO). Im Bundesdistrikt werden Michelle und Bia gemeinsam mit der Republikanerin Damares Alves die erste ausschließlich aus Frauen bestehende Fraktion in der Geschichte des Senats bilden. Auch linke Frauen sind stärker geworden, reichen jedoch nicht an die Zunahme bei den Konservativen heran. Rechte Frauen stellen die Mehrheit der Abgeordneten, rechte Männer bilden die überwältigende Mehrheit im Kongress, und mehrheitlich weiß sind sowieso alle. Insgesamt hat das Ergebnis dieser Wahl die Präsenz von Frauen in Machtpositionen verstärkt und eine Debatte über die Bedeutung von Repräsentanz ausgelöst. „Einen Sitz zu bekommen bedeutet nicht automatisch, ihn für die Bekämfung von Ungleichheiten zu nutzen“, so die gewählte Senatorin Marília Arraes (PDT-PE) gegenüber Brasil de Fato. Die Präsenz von Frauen an sich bedeute noch kein Bekenntnis zu einer Politik der Gleichstellung. „Wir müssen darauf achten, wofür jede Abgeordnete eintritt, wie sie abstimmt und welche Konsequenzen ihre Vorschläge haben“, erklärte Arraes.
Die Rechte hat gelernt, mit Frauen zu sprechen
Irina Frare ist Politikwissenschaftlerin, hat einen Master in öffentlicher Verwaltung und einen Posten am Institut „Levante Mulheres Vivas“. Ihrer Ansicht nach ist der Anstieg konservativer Kandidaturen auch das Ergebnis einer gezielten Förderung weiblicher Führungskräfte. Hier sei keine spontane Entwicklung zu beobachten, vielmehr habe das rechte Spektrum in den letzten Jahren ganz klar in den Aufbau weiblicher Führungskräfte investiert, „insbesondere durch religiöse und soziale Netzwerke, konservative Bewegungen und Parteistrukturen“, berichtet Frare und verweist auf das Engagement von Michelle Bolsonaro und Damares Alves bei der Mobilisierung konservativer Frauen. Diese neue Riege weiblicher Führungskräfte spreche gezielt die Themen an, die im Alltag vieler Frauen eine Rolle spielen: Mutterschaft, Familie, Gewalt, Fürsorge und Sicherheit, wobei sich ihre politischen Antworten von denen der feministischen Bewegungen unterscheiden. „Politikerinnen, die über Angst, Kinder, Gewalt, Familie, Fürsorge und Unsicherheit sprechen, thematisieren die Probleme, denen Frauen in ihrem Leben real begegnen. Entscheidend ist, wie sie die Ursachen dieser Probleme erklären und welche Lösungen sie vorschlagen.“ Die Überlegungen der Landtagsabgeordneten Sofia Favero (PSOL-SP) gehen noch einen Schritt weiter: Ihrer Meinung nach verwandelt die extreme Rechte geschlechtsspezifische Themen in Bedrohungen, um Angst und Ressentiments zu schüren. „Es ist eine Strategie der Dämonisierung, die Minderheiten zu Feinden macht, um die wirklichen Probleme zu verschleiern“, erklärt sie. Ein Beispiel für diese Verschleiherungstaktik sei die politische Instrumentalisierung der Debatten über Toiletten für Transpersonen, Geschlechtsidentität und die Teilnahme am Sport. „Die extreme Rechte beharrt darauf, dass Toiletten, geschlechtsneutrale Pronomen und Sport als Themen von nationaler Tragweite diskutiert werden, während Menschen im realen Leben um ihre Wohnungen fürchten, von ihrer Rente nicht leben können oder keinen Zugang zu hochwertigen öffentlichen Dienstleistungen erhalten“, so Favero.
Frauenkämpfe ebneten den Weg für die heutigen Antifeministinnen
Während die Wählerstimmen für konservative Kandidatinnen ansteigen, nehmen international Diskursen zu, die traditionelle Geschlechterrollen wiederbeleben. Eines der sichtbarsten Phänomene in den sozialen Netzwerken sind die sogenannten „Tradwives“, Frauen, die bewusst ein konservatives Rollenbild leben, das sich auf Haushalt, Ehe, Familie und Kindererziehung konzentriert. Jacqueline Pitanguy, Gründerin und geschäftsführende Koordinatorin der Menschenrechtsorganisation „Cidadania, Estudo, Pesquisa, Informação e Ação“ (Cepia), erinnert an den Einfluss religiöser und politischer Bewegungen, die ebenfalls ein konservatives Frauenbild propagieren und die Gleichstellung von Männern und Frauen in Frage stellen. Der Idealtypus ist die Hausfrau, die sich ihrem Ehemann unterordnet und sich in eine hierarchische Familienstruktur einfügt. „Diese archaische patriarchale Vorstellung wird in den heutigen Diskursen von Frauen der extremen Rechten wieder aufgewärmt“, so die Soziologin. Pitanguy greift auf die Geschichte zurück, um die Bewegung einzuordnen. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1916 stufte verheiratete Frauen als bedingt geschäftsfähig ein. Der heutige Diskurs über die Unterordnung der Frau knüpfe an die Ideen an, die das brasilianische Recht im Laufe des vergangenen Jahrhunderts überwunden habe. Die Soziologin verweist auf den historischen Widerspruch im politischen Aufstieg von Frauen, die sich als Gegnerinnen des Feminismus präsentieren. „Diese Frauen konnten nur deshalb soweit kommen, weil die Suffragetten für uns das Wahlrecht gekämpft haben.“ In den letzten Jahrzehnten habe die feministische Bewegungen für eine stärkere Präsenz von Frauen in Entscheidungsgremien und gegen geschlechtsspezifische politische Gewalt gekämpft. Gerade das Bestreben der neuen konservativen Führungskräfte, sich vom Feminismus abzugrenzen, zeige, welche Bedeutung die Bewegung mittlerweile erlangt hat. „Ihr Diskurs überrascht mich nicht. Was mich jedoch ungemein überrascht, ist, dass sie in der Gesellschaft so große Unterstützung finden.“ Sie wolle verstehen, warum man mit der Befürwortung hierarchischer Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf einmal wieder Wählerstimmen mobilisieren kann, und das in einer Gesellschaft, in der Frauen ihre Teilhabe am Arbeitsmarkt, ihren Zugang zu Hochschulbildung und die Öffnung für ein neues Familienmodell mühsam erkämpft haben, betont Pitanguy.
Antifeministinnen könnten den Rückbau der Gleichberechtigung einleiten
Estefane Maria ist Aktivistin des Weltfrauenmarschs in Rio Grande do Norte. Für sie ist der Wahlerfolg antifeministischer Kandidatinnen Teil eines umfassenderen Backlashs angesichts der von Frauen errungenen Fortschritte. Damit verbunden sei die Ausbreitung frauenfeindlicher Bewegungen in den sozialen Netzwerken nach dem Vorbild von „Red-Pill“ sowie die Gewalt gegen Frauen, die politische Führungspositionen bekleiden. Nach Marias Einschätzung stellen konservative Kandidaturen nicht nur die Vertretung von Frauen in Frage, sondern auch Rechte, die bereits in der Gesetzgebung und der öffentlichen Politik verankert sind. „Es reicht nicht aus, einfach nur Frauen zu wählen“, beharrt sie. Abgeordnete, die sich mit antifeministischen Projekten identifizieren, könnten Errungenschaften in der Geschlechtergleichstellung, den reproduktiven Rechte und der Bekämpfung von Gewalt źunichte machen. Ernesta Campopiano hat bereits erklärt, sie wolle sich gegen alle Vorschläge aus der feministischen Bewegung stellen und den ideologischen Konflikt zu einem der Markenzeichen ihrer Amtszeit machen. „Die Frauen aus dem rechtsextremen Lager haben ihren Wahlkampf auf antifeministischen Diskursen aufgebaut, die Frauen wieder zurück am Herd sehen wollen. An ihrem Wahlerfolg lässt sich die Neuausrichtung des Faschismus und des Bolsonarismus hier in Brasilien ablesen“, argumentiert Maria.
Selbstkritik und der Kampf um die Stimmen der Frauen
Den Aufstieg der Konservativen lediglich als Folge der Offensive der Rechten zu erklären sei zu kurz gedacht, mahnt Politologin Irina Frare. „Das feministische und progressive Lager muss den Mut zur Selbstkritik aufbringen.“ Nicht immer sei es den progressiven Kreisen gelungen, Frauen anzusprechen, die zwar einige Forderungen nach Gleichberechtigung teilen, aber in Fragen des Verhaltens, der öffentlichen Sicherheit oder der Geschlechtsidentität andere Ansichten vertreten. „Wenn wir mehr Frauen vertreten wollen, können wir uns nicht hinstellen und ihnen vorschreiben, was ihre Prioritäten sein sollten. Wir müssen ihnen zuhören und ihre konkreten Erfahrungen verstehen.“ Senatorin Marília Arraes ist der Ansicht, dass die Präsenz von Frauen im Kongress nur dann Veränderungen bewirkt, wenn diese sich auch für Gleichberechtigung, Schutz und Autonomie von Frauen einsetzen. „Eine Frau zu sein, garantiert an sich noch kein Engagement für die Rechte der Frauen“, erklärt sie. „Wenn eine Frau an die Macht kommt und sich gegen Gleichstellung, Autonomie und besonderen Schutz für Frauen oder einsetzt, bringt ihre Anwesenheit überhaupt keine Fortschritte für die anderen.“ Arraes nennt als Prioritäten ihrer Amtszeit die Bekämpfung von Gewalt, wirtschaftliche Autonomie, den Ausbau von Kindertagesstätten und die Gesundheit von Frauen. „Unsere Präsenz muss sich im Leben der Brasilianerinnen niederschlagen“, sagt sie. Selbstbestimmung hängt nach Einschätzung von Estefane Maria auch mit materiellen Lebensbedingungen zusammen. Die ungleiche Verteilung der Pflegearbeit und die Gestaltung der Arbeitszeit seien strukturelle Faktoren, die die Unabhängigkeit von Frauen behindere. „Wir müssen über Geschlechterrollen in der Gesellschaft sprechen: Wer hat das Sagen in der Wirtschaft, wer kümmert sich um die Organisation der Pflegearbeit, die unser Volk und unser Land am Leben erhält?“
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