Umgang mit Corona-Zahlen bringt Gesundheitsminister zu Fall

Neue Freunde? Chiles Präsident Sebastián Piñera und der neue Gesundheitsminister Enrique Paris im Regierungspalast La Moneda (Foto: la diaria)

(Montevideo, 15. Juni 2020, la diaria/poonal).- Diverse Online-Karten geben einen täglich aktualisierten Überblick über die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie in Lateinamerika. Eine von ihnen, die über Our World in Data abrufbar ist, zeigt farblich von zartrosa bis dunkelviolett markiert das Verhältnis zwischen den bestätigten Fällen und der Zahl der Einwohner*innen in den jeweiligen Ländern. War Chile vor kurzem noch ebenso wie Uruguay und Paraguay mit am hellsten, ist das Land nun genauso dunkelviolett gefärbt wie Brasilien, Peru und Ecuador. Die Situation hat sich verschlimmert, nicht nur was das Gesundheitssystem betrifft, sondern auch in der Politik – vor allem, seitdem Zweifel an den Zahlen aufkam, die die Regierung offiziell verbreitete.

Am 3. März wurde der erste Fall einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus in Chile bestätigt. Von da an schien es schnell so, dass Chile eines der Länder sei, die die Pandemie am besten eindämmen konnten. Das lag vor allem an der Vorbereitung einer Vielzahl von Tests, die von Anfang an in großem Maße durchgeführt werden konnten. Chile führt derzeit das Ranking der Testkapazitäten in der Region mit 43 Tests auf 1.000 Einwohner*innen an, gefolgt von Uruguay mit 15 Tests auf 1.000 Einwohner*innen.

Stellte die „dynamische Ausgangssperre“ die Wirtschaft vor die Gesundheit?

Basierend auf diesen Informationen veranlasste die Regierung von Sebastián Piñera eine „dynamische“ Ausgangssperre, die – ähnlich wie in Südkorea oder Deutschland – unterschiedliche Beschränkungen je nach Fallzahlen in den Regionen des Landes vorsieht, die entsprechend einzeln isoliert werden können. Zusätzlich wurde eine nächtliche Ausgangssperre im ganzen Land verhängt. Auf diese Weise, so die Regierung, könnte gleichzeitig für die Gesundheit der Einwohner*innen und die Sicherung wirtschaftlicher Tätigkeiten gesorgt werden. Die Opposition kritisierte unterdessen, der Wirtschaft würde trotz gesundheitspolitischer Risiken Vorrang gewährt.

Es schien, als würde das System in den ersten Monaten funktionieren, auch wenn medizinische Gremien davor warnten, dass die Regierung weder alle Informationen herausgeben noch die Wissenschaftler*innen dabei unterstützen würde, andere Maßnahmen zu entwickeln. Im Zentrum dieser Kritik stand Gesundheitsminister Jaime Mañalich, dessen Handeln sowohl von medizinischen Gremien als auch von der Opposition als überheblich bezeichnet wurde.

„Neue Normalität“ gescheitert

Mitte April machte die Regierung die ersten Schritte hin zu einer „neuen Normalität“, während derer nach und nach im ganzen Land Bereiche ihre Arbeit unter Abstandsregelungen wieder aufnahmen. Aber schon zehn Tage darauf musste die Regierung ihren Plan wegen des rasenden Anstiegs der Fälle von Corona-Infizierten wieder umkehren: In der letzten Aprilwoche wurden in Chile 500 neue Fälle registriert, am ersten Mai kletterte die Zahl der Neuinfizierten auf über 1.000 – ein Wert, der seitdem erst zweimal unterschritten wurde.

Die Opposition und Gesundheitsexpert*innen kritisierten, dass die Regierung eine neue Normalität ankündigte, beispielsweise Shoppingmalls wieder öffnen ließ und die Bevölkerung gleichzeitig dazu aufrief, zu Hause zu bleiben. Seitens der Regierung wurden die Bürger*innen verantwortlich gemacht: Sie hätten die Abstandsregeln nicht eingehalten. Innenminister Gonzalo Blumel etwa führte den rasanten Anstieg der Fallzahlen auf „menschliche Dummheit“ – und eben nicht auf Fehler der Regierung – zurück.

Die Hauptstadt Santiago und weite Teile der Metropolregion wurden Anfang Mai komplett unter Quarantäne gestellt. Kürzlich kamen auch die Küstenstädte Valparaíso und Viña del Mar hinzu, womit sich nun die Hälfte der 18 Millionen Chilen*innen in häuslicher Isolation befinden.

Berichtigung jagt Berichtigung – Recherchen beweisen doppelt so hohe Zahlen von Corona-Toten

Die offizielle Zählweise der Todesfälle durch Covid-19 wechselte in Chile mehrfach, was zu mehreren Berichtigungen der Todeszahlen führte. Eine der ersten stellte der damals noch-Gesundheitsminister Mañalich am 7. Juni vor: Es würden nur die Toten mit einem positiven Test auf Covid-19 gezählt, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) voraussetzt, dass auch Verdachtsfälle gezählt werden. In Chile, wo an diesem Tag ganze 6.500 neue Infektionen verzeichnet wurden, erhöhte sich die Zahl der Toten infolgedessen von 1.637 auf 2.290.

Am darauffolgenden Wochenende machte jedoch das journalistische Recherchezentrum Ciper öffentlich, dass das Gesundheitsministerium eine andere Zählweise verfolgt hatte, als sie an die WHO übermittelte. So wurde die Bevölkerung dank der investigativen Recherchen darüber informiert, dass die Zahl der Toten um 2.870 Fälle höher, nämlich bei über 5.000 Toten, liegt.

Diese doppelte Zählweise scheint der Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen und Präsident Piñera dazu brachte, Gesundheitsminister Mañalich (den er zu seinen persönlichen Freunden zählt) zum Rücktritt aufzufordern.

Auch der neue Gesundheitsminister steht in der Kritik

Mañalichs ehemaliger Posten wird nun von Enrique Paris besetzt, dem ehemaligen Präsidenten des Ärzt*innen-Berufsverbands Colegio Médico – einer Institution, die von Regierungsseite in den letzten Monaten wenig Lob abbekommen hatte. Auch Enrique Paris selbst hatte insbesondere die Arbeit seiner Nachfolgerin, der derzeitigen Präsidentin des Colegio Médico Izkia Siches, kritisiert. Oppositionspolitiker*innen und soziale Bewegungen werfen dem Arzt, der die Anordnung der Quarantäne vor einigen Wochen als „populistische“ Maßnahme bezeichnet hatte, vor, der Impfgegner*innen-Bewegung nahezustehen. Als Präsident des Colegio Médico hatte er sich 2013 gegen die Verwendung des Konservierungsstoffes Thiomersal in Impfstoffen ausgesprochen – ein häufiges Argument aus diesem Spektrum. Paris selbst wies die Vorwürfe zurück.

Als neuer Gesundheitsminister zeigte er sich kürzlich im chilenischen Fernsehen und gab Erklärungen über die Entwicklung der Pandemie und die aktuellen Zahlen ab. Paris informierte öffentlich über die Zahlen der Verstorbenen – mit oder ohne positiven Test auf Covid-19 – und betonte, auch „jene Todesfälle, die nicht die Kriterien erfüllen, könnten auf Covid-19 zurückgeführt werden.“ Dieser Richtungswechsel im Umgang mit der Pandemie zeigte sich auch symbolisch: Während der Ansprache waren einige hohe Tiere des Gesundheitsministeriums sowie der Präsident eines wichtigen medizinischen Gremiums anwesend.

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