Bevölkerung von Manaus improvisiert Covid-19-Behandlungen zu Hause

Für das medizinische Personal ist es unmöglich, mit der Anzahl aller Erkrankten zurecht zu kommen / Foto: Márcio James/Amazônia Real/Fotos Publicas (CC BY-NC 2.0)

(Manaus, 15. Januar 2021, Brasil de Fato).- Die Drastik der zweiten Welle der Coronapandemie äußert sich im brasilianischen Bundesstaat Amazonas gleich in mehreren alarmierenden Zahlen: Daten des Nationalrats der Gesundheitsminister (CONASS) zeigen, dass sich sowohl die Anzahl der Todesfälle als auch die der neuen Ansteckungen in den letzten Wochen mehr als verdoppelt haben. Brasil de Fato hat mit Bewohner*innen von Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaats, gesprochen. Sie beschreiben ein Szenario der Angst, des Zornes und des Protestes.

„Es mangelt an Betten und Sauerstoff – vor allem für Personen, die intubiert werden müssen“, erzählt die 34-jährige Verwaltungsassistentin Lilian Gato. Sie selbst war bereits mit dem Coronavirus infiziert und hatte leichte Symptome. Im Moment befinden sich zwei infizierte Freundinnen in schlechtem Gesundheitszustand. Eine von ihnen ist zur Beobachtung im Krankenhaus 28 de Agosto in Manaus. Die andere hat einen Sauerstoffzylinder bei sich zu Hause, ihre Behandlung findet dort statt. „Wir konnten beobachten, dass sich die Krankheit so stark ausgebreitet hat, dass es gar keine Risikogruppen mehr gibt. Es gibt nicht mehr diese eine Gruppe von Menschen, die das Virus besonders trifft. Wir sind alle das Ziel“, so Gato.

Behandlung zu Hause als Verzweiflungsakt

Laut der Verwaltungsassistentin hätten fehlende Plätze auf den Intensivstationen und die Bedingungen in den Krankenhäusern inzwischen zum Verzweiflungsakt geführt, „die Behandlungen vom Krankenhaus in die Wohnungen zu verlagern […]. Wir sehen hier in Manaus, dass viel mehr Sauerstoffzylinder verkauft oder verliehen werden und dass die Leute in WhatsApp-Gruppen immer mehr nach Sauerstoffmessgeräten fragen. Die Nachfrage ist sehr groß, weil die Leute Angst haben, ins Krankenhaus eingeliefert werden zu müssen, denn dort gibt es gar keine Plätze. Sie suchen nach Alternativen bei sich zu Hause“, berichtet sie.

Immer häufiger werden Sauerstoffflaschen zur Behandlung von Covid-19-Patient*innen privat verliehen oder verkauft / Foto: Márcio James/Amazônia Real/Fotos Publicas (CC BY-NC 2.0)

Die Zahlen des CONASS vom 14. Januar um 18 Uhr zeigen ganze 5.920 Todesfälle und 223.360 Infektionen im Bundesstaat. In der ersten Januarwoche wurden 344 Todesfälle gemeldet, in der Woche davor waren es 152 Tote. Der Anstieg lässt sich auch in den neuen Zahlen der Ansteckungen bemerken. Zwischen dem 3. und 9. Januar haben sich 11.129 Personen mit dem Virus infiziert, während sich in der Woche zuvor – 27. Dezember bis 2. Januar – 5.930 Menschen angesteckt haben. Das sind weniger als die Hälfte.

„Das ganze Krankenhaus ist jetzt eine Notaufnahme“

Ein Mitarbeiter einer Basisklinik (UBS) in Manaus sprach mit Brasil de Fato über die Situation im Krankenhaus, in dem er arbeitet. Damit ihm keine Sanktionen widerfahren, bleibt er anonym. Er erzählt, dass es trotz aller Anstrengungen der Ärzt*innen und Pfleger*innen unmöglich sei, mit der Anzahl aller Erkrankten zurecht zu kommen. In seinem Krankenhaus, wie auch in vielen anderen der Stadt, könnten nur noch Patient*innen mit Covid-19 behandelt werden: „Die Ärzt*innen wollen Patient*innen mit anderen Krankheiten nicht mehr behandeln, weil sie Angst haben, dass sie sich auf der Station anstecken“, berichtet der Mitarbeiter.

In der Basisklinik, in der er arbeitet, haben eigentlich 23 Menschen Platz – aktuell sind dort 40 Personen. Neben der Notaufnahme wurden auch die Überwachungsstation, die Räume für Sozialarbeit und die Räume für Zahnbehandlungen für Covid-Patient*innen umfunktioniert. „Das ganze Krankenhaus ist jetzt eine Notaufnahme. Wir kümmern uns nur noch um intubierte Personen. Sie kommen da an und es gibt eine Liste. Wenn jemand stirbt, wird direkt die nächste Person in dieses Bett gelegt. Es ist eine besorgniserregende, schreckliche Sache“, sagt er.

Dem Mitarbeiter zufolge ist die Situation im Bundesstaat Amazonas schlimmer als während der ersten Welle. Dazu komme, dass die Behörden nicht auf die Entwicklung vorbereitet gewesen seien. „Wir wussten, dass es eine zweite Welle geben würde. Alle meinten ‚es wird furchtbar, wenn die zweite Welle kommt‘, aber die Regierung hat sich nicht darauf vorbereitet. Vielleicht haben sie gedacht, dass nichts mehr passieren würde, aber es kam noch viel schlimmer. Wir haben sogar Ärzt*innen, die infiziert sind und trotzdem weiterarbeiten.“

„Die extra Plätze helfen, aber sie werden den Bedarf nicht decken“

Seit dem 13. Januar werden in der Basisklinik Nilton Lins Covid-Patient*innen nach dem „Maßnahmenpaket der Stadtverwaltung von Manaus zur Bekämpfung der wachsenden Fallzahlen und schwereren Krankheitsverläufen durch den neuen Coronavirus in der Stadt“ behandelt, so die Pressestelle der Stadtverwaltung. Insgesamt hat die städtische Gesundheitsbehörde 17 Basiskliniken, eine Familienklinik und drei mobile Basiskliniken, die ausschließlich Patient*innen mit Covid- oder Grippesymptomen behandeln.

„Als eines der Mittel zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus sowie der Verschlimmerung der Krankheit bei bereits infizierten Patienten wird die Stadtverwaltung außerdem mehr medizinische Fachkräfte auf Zeit einstellen müssen“, lautet es in der Pressemitteilung vom Mittwoch. Trotz der Eröffnung des Krankenhauses Nilton Lins mit 80 Intensivbetten meint der Mitarbeiter der Basisklinik, der anonym mit Brasil de Fato gesprochen hat, dass die Situation sich in den nächsten Tagen vermutlich verschlimmern werde: „Die extra Plätze helfen, aber sie werden nicht den Bedarf decken. […] Jeden Tag wird es immer schlimmer und so wird es weiter gehen. Die einzige Lösung ist das Hoffen auf die Impfung. Die Rettung ist die Impfung, denn wenn diese nicht kommt, wird es ein Massensterben geben“, sagt der Mitarbeiter.

Am 6. Januar hatte die Stadtverwaltung von Manaus Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie für einen Zeitraum von 15 Tagen angekündigt. Dazu gehören die Schließungen von Konzerthäusern und Nachtclubs und Verbote öffentlicher Versammlungen, Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und weiterer Veranstaltungen. Am 7. Januar wurde in Manaus außerdem ein Corona-Krisenkabinett eingerichtet, um die Maßnahmen zwischen Stadt- und Landesebene zu  koordinieren.

 

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