Guaidó, die Narcos und mediale Vertuschung

Foto: Colombia Informa

(Buenos Aires, 17. September 2019, ecupres).- Am 22. Februar war der selbst ernannte Interimspräsident Venezuelas Juan Guaidó in Begleitung von zwei Anführern des kolumbianischen Verbrechersyndikats Los Rastrojos – trotz Ausreisverbot – nach Kolumbien eingereist, angeblich auf Wunsch der kolumbianischen Regierung. Die wenig später im Netz veröffentlichten Fotos und ein Video der drei, kam für Spitzenpolitiker*innen, Leiter*innen von Medienanstalten, Journalist*innen und oppositionelle Blogger*innen dem Ausbruch einer Krise gleich.

Guaidó behauptete, nicht gewusst zu haben, wer seine beiden Begleiter waren. Politiker*innen der Opposition stellten seine Aussage in Frage und bezweifelten, dass er nicht gewusst habe, von wem er begleitet wurde. Insbesondere weil auf den Fotos der als Anführer einer paramilitärischen Gruppe bekannte Begleiter eine Waffe am Gürtel trägt.

Reaktionen auf Guiadós Begleitschutz

Der Präsident Nicolás Maduro kommentierte: „Da hat die US-Regierung sich ja einen schönen Kriminellen als Oppositionsführer ausgesucht, einen richtigen Banditen. Bestimmt war es Álvaro Uribe Vélez, der den Rastrojos aufgetragen hat, Juan Guaidó Geleitschutz zu geben. Früher oder später erhält jeder seine gerechte Strafe.“ Die spanische Tageszeitung El País titelte: „Die umstrittenen Fotos von Juan Guaidó mit den Rastrojos an der Grenze“. Der kolumbianische Oppositionsführer Gustavo Petro erklärte: „Wäre der Mann auf dem Foto ein Mitglied des kolumbianischen Senats, würde er umgehend vor dem Obersten Gerichtshof landen”. In Venezuela twitterte der Philosoph und oppositionelle Influencer Erick Del Bufalo, dass eine Person, die wie ein Rastrojo-Anführer auftritt, mindestens zehn Morde auf dem Gewissen habe. Der kolumbianische El País-Korrespondent Francesco Manetto betonte, die Fotos reichten aus, um sehr schwere Vorwürfe bezüglich möglicher Verbindungen Guaidós zu paramilitärischen Gruppen und Drogenkartellen zu erheben.

Natürlich entfiel die Erklärungsnot zum größten Teil auf Alberto Federico Ravell, Medienunternehmer und „Informationsminister“ Guaidós. Da auch ihm keine rechte Erklärung einfiel, beriefe er sich auf die außerordentliche Beliebtheit Guaidós und seine charismatische Ausstrahlung: Tausende Menschen rissen sich doch darum, mit ihm zusammen fotografiert zu werden, darunter auch einige hochkarätige Kriminelle wie John Jairo Durán Contreras, genannt “el Costeño” oder “el Menor” und Albeiro Lobo Quintero alias “el Brother”.

Ließen sich die Fotos noch mit Guaidós Naivität erklären, der angeblich immer bereit ist, mit x-beliebigen Leuten Selfies zu schießen, so funktioniert das mit den Videos nicht mehr. Man sieht deutlich, wie er die Brücke nach Kolumbien überquert, ausschließlich umgeben von Drogenhändlern und einigen ihrer Helfer. „Vielleicht ist die Geschichte von der Naivität einfach das, was die Opposition hören will, weil sie im Grunde bereit ist, die unglaubwürdigsten Geschichten zu akzeptieren, solange sie nur die bestehenden Überzeugungen und Sichtweisen bestätigen. Die soziologische Basis des Phänomens der postfaktischen Wahrheit arbeitet in diesem Fall zugunsten der rechten Führung“, meint Clodovaldo Hernández.

Humberto Calderón Berti, der 2019 von Guaidó zum Botschafter in Kolumbien ernannt wurde, erklärte nach Art der konservativen Diplomaten aus dem vergangenen Jahrhundert, große Staatsmänner könnten schließlich nicht immer erst das Vorstrafenregister abfragen, wenn sich jemand mit ihnen fotografieren lassen wolle. Bereits wenige Stunden später ging Guaidó in die Offensive: Die Leute sollten sich nicht fragen, warum er sich mit Kriminellen ablichten lasse, sondern, über welche kriminellen Verbindungen diese Fotos in die Hände der venezolanischen Regierung gelangt seien.

Nun traten auch der kolumbianische Präsident Iván Duque, der Ex-Präsident Andrés Pastrana und weitere Personen aus dem Dunstkreis auf den Plan, um Guaidó aus der Patsche zu helfen. Duque ist von dem Skandal direkt betroffen, denn es war – wie es scheint – seine Regierung, die mit Hilfe des Verbrechersyndikats, Guaidó nach Kolumbien brachte. Duque bezeichnete Guaidó als Titanen, als Held, und wer mit ihm auf den Fotos sei, spiele keine Rolle. Pastrana hingegen behauptete, man habe Guaidó eine Falle gestellt.

In den großen Medien wurde geschönt oder vertuscht

Transnationale Nachrichtenagenturen und Fernsehsender versuchten, den Skandal um die Fotos mit den Drogenhändlern zu vertuschen. Die kolumbianischen Medien wählten blutleere, aseptische Bezeichnungen wie „unbequem“ oder „umstritten“ und verschanzten sich hinter Annahmen und Vermutungen, um die Wahrheit zu verschleiern, statt das Offensichtliche zu benennen. Dass es Wilfredo Cañizares war, der die Fotos in Umlauf gebracht hatte, wurde bewusst verschwiegen. Der Menschenrechtsaktivist hatte die kriminellen Machenschaften der Rastrojos bereits öffentlich angeprangert. Darunter die sogenannten Casas de Pique, Orte an denen die Verbrecherorganisation Menschen foltert und zerstückelt.

„Dies alles macht deutlich, dass die Führung der venezolanischen Rechten keine Skrupel hat, mit ausländischen Regierungen und multilateralen Instanzen der untersten Schublade, Intrigen gegen ihren eigenen Staat zu schmieden. Darüber hinaus arbeiten sie bei ihren Operationen mit kriminellen Banden und ihren Anführern zusammen, ohne sich daran zu stören, was für brutale Verbrechen diese Menschen auf dem Kerbholz haben“, schreibt die mexikanische Tageszeitung La Jornada. Und weiter: „Hier zeigt sich zum x-ten Mal der moralische Bankrott der venezolanischen Rechten, oder zumindest jenes Teils der Rechten, der von den USA und ihren Satellitenstaaten in der Region ausgewählt wurde, um die rechtmäßige Regierung Venezuelas zu destabilisieren und einen gewaltvollen Weg aus der Krise vorzubereiten, die den Karibikstaat in Atem hält.

* Die venezolanische Journalistin Victoria Korn arbeitet für das Lateinamerikanische Zentrum für strategische Analyse CLAE (Centro Latinoamericano de Análisis Estratégico).

 

Übersetzung: Lui Lüdicke

CC BY-SA 4.0 Guaidó, die Narcos und mediale Vertuschung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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