Was bleibt nach dem Tod von unserer Identität?


von Dauder. Pikara Magazine

Santa Muerte die Totenheilige. Foto: Wikipedia(Lima, 04. November 2013, pikara).- Fünf Geschichten, die uns von Erfahrungen mit Transsexualität erzählen und durchdrungen sind von Identitätswechseln, verschiedenen Lebenswegen, Gewalt und Tod.

Neun Bilder für dich

Unter den Favoriten in meinem Email-Konto befindet sich die Nachricht “neun Bilder für dich”, eine Email, die mir eine sehr nahestehende Person schickte, als sie einen Friedhof in Oaxaca, Mexiko, besuchte. Ich möchte euch die Bilder gerne beschreiben. Das Vokabular über Friedhöfe beherrsche ich allerdings nicht und zum Tod habe ich auch nicht wirklich eine Beziehung; ich bin westlich geprägt und mir wurde über das Thema nichts beigebracht. Ein Grabstein mit Erde und Blumen, ein kleiner Altar mit einem Kreuz. Auf dem Altar, hinter einem kleinen Stahlgitter, eine Coca-Cola Plastikflasche, ein paar Kerzen, etwas, das nach Bonbons aussieht und die Santa Muerte im langen roten Gewand, mit Hut und einer Nelke im Mund. Im Hintergrund ein Foto von einem jungen Mädchen mit brauner Hautfarbe, langem schwarzen Haar, mit enganliegendem schwarz-gelb gestreiften T-Shirt, um das ein breiter Gürtel geschnallt ist, eine Kette und Leggings auf die elegant ihre gestreckten Arme fallen. Stehend, ein Knie leicht gebeugt, lächelt sie in die Kamera. Auf allen der sechs Bilder, auf denen ihr Foto erscheint, wirkt sie sehr gelassen. Auf dem neunten Foto ist das Kreuz zu sehen, auf dem ihr Name steht: Miguel. Ich denke an sie, ich denke an ihren Namen auf dem Grabstein, ich denke an den Namen, den sie in ihrem Leben trug und frage mich, was nach dem Tod von unserer Identität übrig bleibt.

Ein Versprechen

Nach vielen, vielen Briefen, in denen wir unsere “Entwicklungen” beschrieben haben, lernten wir uns bei einem Gespräch in einem Café endlich persönlich kennen. Sie ist wunderschön und tapfer und machte ihre Veränderung erst als Erwachsene. Sie sprach über die Trennung von ihrer Frau und davon, dass sie ihre zwei Kinder schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte. Auch erzählte sie vom Verlust und von der Angst vor einem möglichen Wiedersehen mit den Kindern, wenn diese groß sind und vielleicht entscheiden, sie sehen zu wollen – falls sie sie sehen wollen. Lächelnd fügt sie hinzu, dass sie manchmal mit ihrer Mutter Klamotten kaufen geht. Sie sieht es als ein Zeichen, dass diese akzeptiert, wer sie ist. Dann fügt sie noch hinzu: “Meine Mama sagte mir einmal, ‘du musst mir etwas versprechen: wenn ich sterbe, will ich, dass du zu meiner Beerdigung als Mann verkleidet kommst, nicht als Frau’.” Ich stelle mir die Szene vor, die Trauer um den Tod einer Mutter und die Melancholie aufgrund eines nicht verlorenen Verlusts, einer Identität, die keine Tränen zulässt, da sie nicht völlig gelebt wird.

Nach dem Tod, ein mögliches Leben

Zwei Unbekannte, die sich seltsamerweise nahestehen. Eine magische Begegnung zweier Papierdrachen, die abstürzen zwischen Gefühlen und Intimitäten, um erneut in die Lüfte zu steigen. Sie erzählt mir von ihrer jungen Schwester, davon als diese sich für die Veränderung entschied. Er war das Lieblingsenkelkind des Großvaters, da er der einzige Junge war. Zuhause lebten sie gemeinsam mit ihrer Mutter und dem alten und kranken Großvater. Ihre Schwester, sagt sie, sei ein junges Mädchen, allerdings nur auf der Straße; wenn sie das Haus betritt, zieht sie sich eine Kapuzenjacke über, um die Linie zu überschreiten, die sie erneut zu dem Enkelsohn macht, der sie war – der Enkelsohn, der Angst davor hat, den Patriarchen zu betrügen, der Enkelsohn, der das Haus hütet. Erst oben in ihrem Zimmer kann sie wieder sie selbst sein. Eines Tages wird dem Großvater in der Wohnung schlecht. Die Schwester rennt aus dem Zimmer und die Treppe hinunter, um ihm zu Hilfe zu eilen, aber als Mädchen kann sie ihm nicht helfen; sie rennt erneut nach oben, zieht sich ihre Jacke über und eilt zu ihm.

Ich stelle mir den Lieblingsenkel vor, wie er seinem Großvater helfen will, unter der Kapuze einer unmöglichen Identität; der ihm helfen will unter einer doppelten Angst. Ich stelle mir ein Haus vor, das in zwei Stockwerke geteilt und von einer imaginären Linie durchzogen ist, die für verschiedene Identitäten steht und zur Vorsicht mahnt. Sie sagt mir noch, dass ihre Schwester nicht ihre Schwester sein konnte, bis der Großvater starb.

Was zählt als Tod?

mexico muerte-trans. Foto: SemlacIch werde wach mit dem Morgenkaffee und dem Schreck einer Nachricht: “Am Ort des Geschehens wurde eine Leiche gefunden, die in eine rosa Decke gehüllt war und nur ein T-Shirt, ein schwarzes Höschen und an ihrem linken Arm ein Armband trug, auf dem der Name des Opfers stand”. Das Foto der Meldung erschüttert mich. Zwei Männer mit weißen Handschuhen, die eine Holzbahre tragen, auf der ein lebloser Körper liegt, der komplett in ein blaues Laken gewickelt ist. Daneben auf den Steinen liegt, wie etwas, das nicht dazugehört, die rosa Decke, die das Leben der “transsexuellen Beamtin der Hauptstadt”, die brutal ermordet wurde, umhüllte.

Es ist unerbittlich, wie die Chroniken des Geschehens einen doppelten Mord begehen; den Mord an einem Leben und an einer Identität. Ein doppeltes Trauma: jenes, das vom Schlag mit einem Stein ausgelöst wurde – und nach dem Tod die blutige und brutale Verwandlung einer mutigen und kämpferischen Aktivistin in den “toten Körper von Javier”.

Die Lektionen des “Herrn Robles”

Diesen Sommer entdeckte ich das faszinierende Leben des Amelio Robles. Der altgediente Oberst der Zapatisten, ausgezeichnet als Held der mexikanischen Revolution, lebte während der ersten drei Jahrzehnte seines Lebens als Amelia. Mit der Revolution lief er auf die Seite des freien Geschlechts über. Es heißt, “Herr Robles”, wie sie ihn nannten, verdiente sich den Respekt seiner neuen sexuellen Identität dank der Angst, die seine Reaktion vor einer möglichen Frage, Neugier oder Verwirrung auslöste: er zog seine zwei Pistolen und bedrohte sein leichtsinniges Gegenüber. Ich lese, dass der zutiefst katholische Oberst unsere Welt am 9. Dezember 1984 im Alter von 95 Jahren verließ.

Traurig und zugleich überrascht lese ich, dass er sich im Moment seines Todes zwei Dinge wünschte: dass ihm für seine militärischen Verdienste Ehre zukäme und dass er als Frau angezogen werden würde, um seine Seele an Gott zu übergeben. Ich fühle mich von seiner letzten Entscheidung provoziert. Ich frage mich, warum er entschieden hat, auf die Identität zu verzichten, die er in seinem Leben gewählt hatte und vor dem Erlöser wieder zur Frau werden wollte. Allerdings wird mir bewusst, dass das Problem in meiner eigenen Frage liegt und vor allem darin, was ich mich nicht frage: Warum reagiere ich auf diese Weise? Was für ein Problem habe ich mit Identitätsveränderungen, die umkehrbar sind und von Leben und Tod durchkreuzt werden? Können wir sie tatsächlich rückgängig machen oder sind Identitäten einfach nur veränderbar und machbar während unserer verschiedenen Lebenswege?

Artikel entnommen aus dem Píkara Magazine

CC BY-SA 4.0 Was bleibt nach dem Tod von unserer Identität? von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


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