Uruguay

In der Finsternis vereint


von Iván Krisman

goth. Foto: Flickr/R.Giannotti (CC BY-NC-ND 2.0)(Montevideo, 01. November 2012, la diaria).- RRRRRRR ist wohl die erste (oder einzige) Gothic-Rock-Band Uruguays und hat gerade ihr 25-jähriges Jubiläum gefeiert – was vielleicht etwas überraschend ist, für eine Gruppe mit solch einer todgeweihten Ästhetik. Die Band hat ihr Jubiläum mit einer Reihe von Konzerten gefeiert, die einen Überblick von ihren ersten bis zu den jüngsten Songs gaben. Am 2. November spielten sie in Montevideo. Über die ersten Jahre dieser wahrhaft düsteren Institution und ihre Pläne für die Zukunft sprachen wir mit Lady Ego (Gesang), Velvet Hierophant (Gitarre), Alejo (Keyboard) und Ludivan (Bass).

Wie hat die Band angefangen?

Lady Ego: Ich hatte vorher eine andere Band, aber seit 1987 singe ich bei RRRRRRR. 1986 hatte ich bei Insurrección gesungen, eine Punkrock- und Hardcoreband, mit der wir aber auch halbwegs düstere Sachen gemacht haben. Das ging ein Jahr lang, während des Übergangs zur Demokratie, und als sich die Band aufgelöst hat, habe ich RRRRRRR gegründet. Von den ersten Proben an war die Band ein Experiment. Wir wollten andere Musik machen als zuvor, was eher Düsteres, auch mit neuen Themen, was die Texte angeht. In der Band vorher waren die Texte sehr direkt und vor allem sozialkritisch: gegen die Regierung, die Polizei und so weiter. Aber mit RRRRRRR wollte ich mehr die poetische Seite ausprobieren, eher so in sich hineinblickend, mit Bildern die nicht so direkt sind.

Gab es damals noch mehr Bands mit derselben Richtung?

Lady Ego: Als ich mit RRRRRRR angefangen habe, mochte diese Musik niemand. Es gab ein paar Bands, wie Los Estómagos und Cadáveres Ilustres, die dann ihren Stil geändert haben. Ein paar Jahre später kamen Los Traidores, die auch sowas gemacht haben, also Postpunk. Diese Bands hatten was von Gothic und was von Punk und mischten das mit spanischem oder eher baskischem Punk.

Wie seid ihr angekommen?

Lady Ego: Das erste Mal, als wir live gespielt haben, war der Hammer. Die Leute haben uns gratuliert, sie meinten, ihnen hätte die Show total gefallen und auch die Stilrichtung der Band. Allerdings haben wir danach Probleme hgehabt, wir haben uns getrennt und so fingen die Veränderungen an. Am Anfang lief es total gut. Das erste Line-Up war mit einem Schlagzeuger, aber nach ein paar Jahren verließen der Bassist und der Schlagzeuger die Band und sie gründeten La Trampa. Es war schwer, einen Schlagzeuger zu finden, also fingen wir an, einen Drumcomputer zu benutzen. Nachdem wir erstmal damit angefangen haben fing es an, uns zu gefallen und bis heute programmieren wir die Rythmen mit dem Computer.

War es am Anfang nicht schwer, mit einem Drumcomputer von einem eher rockorientierten Publikum akzeptiert zu werden?

Lady Ego: Ich habe Bands live gesehen, die mit Synthesizern aufgetreten sind und trotzdem Rock gemacht haben. Es gibt Bands, die nicht das Rockfeeling verlieren, nur weil sie Computerrythmen haben, aber es stimmt schon: Wenn die Leute sehen, dass du mit Maschinen auftrittst oder kein Schlagzeug hast, dann gibt es dieses Vorurteil. Später dann kam elektronische Musik und wurde modern, und alle wollten mit Synthesizern spielen. Aber schon vor uns haben Níquel und La Fábrica einen Drumcomputer benutzt, zumindest, wenn sie ihre Platten aufgenommen haben.

Welche Bedeutung hat für euch euer Outfit und das Bühnenbild?

Velvet Hierophant: Wir passen in verschiedener Hinsicht gut zusammen. Zum Beispiel, wenn wir auf die Bühne gehen, gibt es eine Einigkeit, die nicht geplant ist. Keiner sagt uns, “zieh dies an und du ziehst das an”.

Ludivan: Das Bühnenbild bei den Konzerten ist für uns sehr wichtig und auch, wie sich jeder bei Auftritten verhält.

Alejo: Wir wollen eine einheitliche Show abliefern, die Power hat. Normalerweise gibt es viele Band, die einen Sänger haben der Druck macht und der Rest der Band ist halbtot. Es ist besser, eine Atmosphäre zu schaffen, die die Leute ansteckt und wo eher so eine Partystimmung entsteht. Denn darum geht es: Die Leute unterhalten und Spaß haben.

“Party” und “Gothic”, das klingt eigentlich nach einem Widerspruch…

Alejo: Das hängt davon ab, wo auf der Welt du dich befindest. In Deutschland gibt es Festivals, wo die Leute zelten, die machen Party und tanzen und das ist kein Widerspruch, auch wenn es vielleicht nicht das ist, was ein Goth zu tun hat. Man macht einen Fehler wenn man denkt, das ein Goth deprimiert ist und zu Hause vor sich hin weint.

Lady Ego: Außerdem gibt es innerhalb der Gothic-Bewegung sehr viele Formen und Strömungen, die miteinander gar nichts zu tun haben. Das Etikett “gothic” heutzutage überzeugt mich nicht, es ist nicht dasselbe wie vor 20 Jahren. In Urugua hat Gothic mehr mit Metal oder elektronischer Musik zu tun.

Velvet Hierophant: Und Gothic wird nicht so sehr mit Punk in Verbindung gebracht, so wie wir das tun.

Alejo: Das merkt man auch auf den Parties und Festivals, die sich inzwischen eher in Modeschauen verwandelt haben als dass es darum geht, sich mit der Musikkultur zu beschäftigen. Dadurch gibt es wenig Leute, die sich dafür interessieren, welche Band gut ist. Es ist ihnen wichtiger, rumzuposen und auf Fotos gut auszusehen.

Velvet Hierophant: In anderen Ländern Lateinamerikas sieht man, dass es Leute gibt, die die Musiker anhimmeln und versuchen, sie nachzumachen und das machen sie gut. Es geht ihnen darum, eine Band gut zu finden und genau dasselbe zu machen und damit geht die ganze Originalität verloren. Hier ist das nicht so, was vielleicht daran liegt, dass es hier nicht wirklich eine Bewegung gibt.

Lady Ego: Und was ist denn hier das Motto? “Alle zusammen in der Finsternis?” Was hat eine Metalband mit Elektro zu tun? Am Ende ist doch alles Gothic: Gothic Elektro, Gothic Metal und eben auch Gothic Rock, und das sind wir.

Alejo: Eigentlich kenne ich hier gar keine Bands in dieser Richtung.

Lady Ego: Also es gibt zwar Gothic Bands in Lateinamerika, aber die Bewegung an sich ist in Europa, zumindest kriegen wir von dort am meisten mit.

Wie ist es euch im Ausland ergangen?

Ludivan: Unsere Minitour in Chile war ein voller Erfolg. Die Leute haben reagiert als würden sie eine Band sehen, von der sie alle Platten haben und auf die sie schon lange gewartet haben. Und dann denkst du, hier bist du die einzige Band, die solche Musik machst und spielst nur zweimal im Jahr.

Alejo: Mein erster Auftritt mit der Band war in Buenos Aires. Ich wusste zwar, dass wir dort angesagt waren, war dann aber doch überrascht, dass so viele Leute dort mitgingen und die ganzen Songs kannten.

Habt ihr nicht versucht, auszunutzen, dass ihr in Argentinien und Chile so angesagt seid?

Lady Ego: Wir haben das versucht, aber wir brauchen Unterstützung beim Management. Wir können nicht alles gleichzeitig machen, die Band muss auftreten und Songs schreiben. Jetzt zum Beispiel nehmen wir auf und haben keine Zeit zum proben, auftreten und plakatieren. Wir tun was wir können, aber wir brauchen eigentlich jemanden, der sich um das Management kümmert. Letztens habe ich im Fernsehen eine Band gesehen, die erst seit zwei Tagen aufgetreten ist, die redeten vom Manager und ihrem neuen Video und waren schrecklich. Wie machen die das?

Alejo: Man muss sich auch im Klaren darüber sein, dass man bei einem Stil bleibt, der nicht mehr so viele Fans hat wie früher. Aber das ist der Preis, den man zahlen muss.

Was sind eure weiteren Pläne?

Velvet Hierophant: Wenn wir die neue Platte fertig haben, werden wir erstmal die neuen Songs spielen.

Lady Ego: Dieses Jahr wollen wir noch die Vocals aufnehmen und alles abmischen. Wenn wir erstmal das Master haben, werden wir sehen wie wir das rausbringen können, denn wir haben nicht viel mit den Plattenlabels zu tun. Alle unsere Platten haben wir selbst und auf eigene Kosten rausgebracht. Man kann sie frei runterladen, auf Facebook und bei ladyego.com. Das was wir bisher aufgenommen haben, sehen wir als gratis an. Aber mit dieser neuen Platte wollen wir das anders machen und versuchen, sie zu verkaufen. Diese Platte ist sowas wie eine Zusammenfassung der Bandgeschichte und der besten Songs mit einem aktuelleren, besser abgemischten Sound.

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