Herzlichen Glückwunsch, IMPA! – 20 Jahre Selbstverwaltung

(Buenos Aires, 18. Mai 2018, la vaca).- Die sagenumwobene Fabrik feiert ihren 20. Geburtstag mit einem Festival aus Vorträgen, Theater, Kino, Kunst, unabhängiger Information und weiteren Aktivitäten, die den großen Erfahrungsschatz erahnen lassen, der auf dem Fabrikgelände in Almagro, Buenos Aires, schlummert. IMPA ist nicht nur eine Aluminium-Fabrik, in der eine Arbeiter*innen-Kooperative ohne Chef*innen Verpackungsmaterial herstellt. Es ist auch nicht nur eine aus der Not entstandene Wiederaneignung, um den Arbeitsplatz zu erhalten -obwohl es auch hier ökonomische und politische Schwierigkeiten gab. Und es ist auch kein gewöhnliches Kulturzentrum oder ein klassischer Ausbildungsplatz. IMPA ist das alles, und noch viel mehr.

Fabrik der Ideen

Es gibt mehrere Möglichkeiten das große Gelände zu erkunden, das einen halben Block im Herzen des Viertels Almagro in Buenos Aires einnimmt, wenige Blocks vom Parque Centenario entfernt. Auf dem Gelände befindet sich das Gebäude Mirta Baravalle mit einem Theater, verschiedenen Werkstätten, dem alternativen Radio Semilla und dem Studio von Barricada TV. Hier finden wir auch das Kulturzentrum und die Büros, wo sich die landesweite Bewegung der wiedergewonnenen Fabriken jede Woche versammelt. Auch eine selbst organisierte Schule hat Platz auf dem Gelände. Dort lernen Jugendliche und Erwachsene, die aus dem offiziellen Bildungssystem ausgeschlossen wurden.

Natalia Vinelli, Barricada TV und Eduardo Murúa, IMPA.
Foto: la vaca

Eduardo „Vasco“ Murúa ist ein Vorbild innerhalb der Bewegung der wiedergewonnenen Fabriken und der IMPA, der -nicht ohne Konflikte- den gesamten Prozess der Wiederaneignung durchlaufen hat. „Im Unterschied zu anderen wiedergewonnenen Fabriken, wurde IMPA neben den Arbeiter*innen auch von gewerkschaftlichen und politischen Aktivist*innen zurückerobert“, erzählt Murúa. „Wir befinden uns im Jahr 1998, es brodelt in der Bevölkerung. Ein Modell hat ausgedient, aber es gab noch kein neues. Als Aktivist*innen wollen wir einen Ort der Debatte schaffen: Eine Fabrik der Ideen“, fügt er hinzu.

Die Fabrik öffnen, sie für die ganze Bevölkerung und nicht nur die Arbeiter*innen zurückerobern, die industrielle Produktion mit Kultur und Bildung verbinden; das sind einige der Schwerpunkte, die diesen kollektiven Körper, der sich immer weiter entwickelt, strukturieren. So entstanden unmittelbar nach der Wiederaneignung eine selbst organisierte Schule und das Kulturzentrum. „Der Akt der Rückeroberung der Fabrik, war nicht so schwer, wie der Aufbau des dazugehörigen Kulturzentrums. Denn es gab ja schon Umstrukturierungen in geschlossenen Fabriken, aber unsere war die einzige, wo gearbeitet wurde und es gleichzeitig ein Kulturzentrum gab“, fährt Murúa fort.

Alicia Umzala ist aktiv im Projekt, das 2009 seinen Anfang nahm: „Niemand hat uns zwei Pesos gegeben. Wir hatten nichts und alles schien unmöglich. Aber hier sind wir. Mit 25-30 Workshops pro Jahr. Mit zwei bis drei Theaterstücken pro Woche. Wir bekommen Anerkennung. Mit qualitativen und exzellenten Angeboten, die die Kunst als eine würdige und rebellische Arbeit betrachten.“

Kollektive Bildung, Widerstand und Produktion

Die selbst organisierte Schule ist die erste ihrer Art in Buenos Aires und kämpft wieder einmal mit externen Problemen. Zum einen wegen der sozialen Situation der Studierenden, die zu den ökonomisch Ärmsten gehören und Probleme haben die Kurse zu belegen, „weil sie z.B. das Ticket nicht bezahlen können“, sagt eine Lehrerin. Zum anderen möchte das Bildungsministerium die Abschlüsse nicht anerkennen.

Laura Vorboril und Lucía Wainstein sind die Koordinatorinnen des Projekts. Laura: „Die Schule wurde nach einer Befragung im Viertel im Jahr 2003 eröffnet. Bei der Umfrage kam heraus, dass es nicht an Nachhilfe, sondern an Schulen fehlt. Von 2004-11 arbeiteten die Lehrenden ehrenamtlich und aus einer zunächst privaten wurde eine öffentliche und alternative Schule“. Lucía: „Die Schule ist auf Basis eines qualitativen Angebots organisiert und richtet sich an ein spezielles Publikum: Jugendliche und Erwachsene, die im traditionellen Bildungssystem keinen Platz finden.“ Die Schule ist kooperativ organisiert, das merkt man bis hin zu den Klotüren: Dort befindet sich der Putzplan, der zwischen den einzelnen Klassen rotiert. Geputzt wird von Lehrenden wie Lernenden.

Bei IMPA finden wir auch Barricada-TV, ein selbstorganisiertes Fernsehen, das nach einem Kampf um eine digitale Übertragungsmöglichkeit, nun um die Erlaubnis für die Übertragung im Kabelfernsehen kämpft. Lucía Maccagno, Mitglied des Projekts sagt: „Das was alle IMPA-Kollektive vereint, ist die Solidarität; dass alle sich auf eine Seite schlagen, hin zu einem gerechten Land, in dem die Arbeiter*innen Entscheidungen treffen. Hier arbeiten wir kollektiv und solidarisch, es gibt einen Austausch und eine konstanten Zuwachs an gegenseitiger Unterstützung im Kampf für jedes einzelne Projekt.“

„Da verstanden wir, dass wir nicht verlieren konnten.“

Arbeiter*innen-Uni in der IMPA
Foto: Sebastián Vélez

In den vergangenen 20 Jahren wurde nicht nur das Gelände mit Leben erfüllt, indem Brücken zwischen Arbeiter*innen und Jugendlichen, die von der Schule ausgeschlossen wurden, Künstler*innen und Medienschaffenden, Radiojournalist*innen und Schauspieler*innen gebaut wurden; IMPA strahlt auch über die eigenen Grenzen hinaus: ins Viertel, in die Stadt und die Bewegung der wiedergewonnenen Fabriken und stand dort als Pionierin immer unterstützend und begleitend zur Seite.

Vasco erinnert sich: „Wir haben die Fabrik gegen die Meinung von 90% der politischen Eliten zurückerobert. Die Rechte sagte natürlich, dass wir das Gelände unrechtmäßig besetzt hätten, die Progressiven sagten, wenn es der Chef schon nicht geschafft hätte, würden wir es auch nicht schaffen, die traditionelle Linke sagte, dass wir die Arbeiter*innen zu Chef*innen machen würden. Es war sehr hart und wir fragten uns, ob es das wert sei. Dann gingen wir zur Versammlung und wir waren besorgt, weil wir keinen Pfennig hatten, um Aluminium zu kaufen und als wir ankamen, lachten alle: Und da verstanden wir, dass wir nicht verlieren konnten.“

Erfolge und Niederlagen

Murúa geht in der Geschichte der wiedergewonnenen Fabriken zurück und fasst die Erfolge und Niederlagen zusammen: „Wir sind nicht so stark geworden, dass wir dem Staat den Arm umdrehen können. Wir haben ein nationales Gesetz zur Enteignung verfasst, aber es wurde nie verabschiedet. Wir haben Startkapital und technische Anpassung für die wiedergewonnenen Fabriken beantragt, aber nicht bekommen. Wir haben Rente und gleiche Sozialleistungen für unsere Arbeiter*innen gefordert, aber auch diese nicht bekommen.“ Die Erfolge: „Wir haben eine neue Methode des Kampfes ins Leben gerufen, das ja. Wenn heute eine Fabrik zusammenbricht, weiß die Belegschaft, dass sie die Möglichkeit hat, sich diese Fabrik anzueignen. Wir haben es mit Kühnheit und Solidarität geschafft; aus eigener Kraft, ohne das wir jemandem zur Last gefallen sind. Und das ist nicht gerade wenig.“

Edith Garay arbeitet in der Kooperative La Matanza, einem Unternehmen, das Schrauben herstellt und 2001 angeeignet wurde. Sie ist eine der Jüngsten: „Die einzige Frau, die einzige Verwalterin und die Kassenwartin der Kooperative“, sagen die Genossen. Bevor sie darauf antwortet, was IMPA für sie bedeutet, zeichnet sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ab: „Für uns bedeutete IMPA Alles. Es hat uns gezeigt, dass wenn ein*e Chef*in geht, es eine weitere Option gibt. Dass eine Fabrik nicht vom/von der Chef*in am Leben gehalten wird, sondern von den Arbeiter*innen. Denn ohne Chef*in geht’s, aber nicht ohne Angestellte. IMPA bedeutet Kampf, Ausdauer und Hilfe in konkreten Situationen, wie z.B. Probleme bei der Enteignung oder mit den Tarifen. Und es gibt auch außerhalb der eigentlichen Arbeit Dinge, für die man sich öffnen muss: die Kultur, Gesundheit und Bildung.“

Vorwärts!

Die Geschichte von IMPA ist weder nur Vergangenheit noch alleinige Gegenwart. Sie ist auch ein Ausblick nach vorn, in einem Kontext, in dem deutlich wird, dass man neue Formen der Organisation, der Beziehungen, der Arbeit und der Kämpfe erfinden muss.

Murúa sagt: “Macri haben wir schon von Weitem kommen sehen. Er ist nicht so wichtig. Das Thema ist, dass der internationale Kontext sich komplett gewandelt hat. Schon vor einigen Jahren haben wir über ein Dokument diskutiert, in dem stand, dass uns in der Region eine schwere Krise ereilen wird. Das ist Macri: Die Verschärfung der Krise in der Region.” Das Dokument auf das Murúa sich bezieht, wurde in und rund um die IMPA verteilt, auf dem Buchdeckel sind Evita, Perón, Che Guevara und Jesus abgebildet, Vascos Vorbilder.

In einem anderen Raum auf dem Gelände schließt Alicia: “Ich erinnere mich daran, als aus der IMPA die Wagen rollten, um anderen Arbeiter*innen zu helfen ihre Fabriken zurückzugewinnen, Ich denke das wird wieder passieren, das IMPA wieder diesen Platz einnimmt.”

Edith: “Viele sagen, dass das, was gerade kommt, wie 2001 ist. Das glaube ich nicht. De La Rúa ist nicht mehr da. Und diese können nicht gehen, denn es ist ihr Land. Es ist ihre Wirtschaft. Deswegen brauchen wir etwas Neues. Ich weiß nicht was, aber vielleicht können wir von hier aus darüber nachdenken.”

Post von Zanon:

Hier findet ihr ein Audio über eine Solidaritätsaktion mit der wiedergewonnenen Fabrik Zanon.

CC BY-SA 4.0 Herzlichen Glückwunsch, IMPA! – 20 Jahre Selbstverwaltung von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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