Guyana und Surinam – die vergessenen Länder Südamerikas

von Gerardo Szalkowicz*

Paramaribo (Surinam) Foto: Adital(Fortaleza, 13. Juli 2015, adital).- Bei den im Mai abgehaltenen Wahlen in Guyana kam es zum ersten Regierungswechsel seit 23 Jahren. Ebenfalls im Mai wurde bei der Präsidentschaftswahl in Surinam Desi Bouterse in seinem Amt bestätigt. In den südamerikanischen Medien wurde über beide Ereignisse nur wenig oder gar nicht berichtet. Da sind zum einen die kulturellen und sprachlichen Barrieren. Die Amtssprache Surinams ist Niederländisch, die von Guyana Englisch. Aber hiervon abgesehen hat die Integration Lateinamerikas, die sich seit einem Jahrzehnt vollzieht, die Region im kollektiven Unterbewusstsein schlicht übergangen.

Am Rand des iberischen Kolonialreichs

Im Norden Brasiliens und im Osten Venezuelas schließt sich an das seit 1966 von Großbritannien unabhängige Guyana und das seit 1975 von den Niederlanden unabhängige Surinam Französisch-Guyana an – das als Überseedépartement Frankreichs ein koloniales Überbleibsel in Südamerika darstellt, das ansonsten von Spanier*innen und Portugies*innen kolonisiert wurde.

Die historische Entwicklung Guyanas und Surinams verlief anders. Beide Länder wurden erst sehr spät zu Republiken. Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bande mit Großbritannien und den Niederlanden sind bis heute eng. Das restliche Südamerika muss Guyana und Surinam gegenüber eine gewisse Großzügigkeit walten lassen, um eine breitere Integration des Kontinents zu ermöglichen.

Guyana wählte erste Präsidentin in Südamerika

Die indigenen Völker der Arawak und der Kariben nannten das Gebiet, das die Niederlande Ende des 16. Jahrhunderts einnahmen, Guayana: „Wasserreiches Land.“ Es geriet später in englische Hände. Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1966 avancierte der People’s National Congress (PNC) zu der das Land dominierenden Partei. Er wurde 1992 von der linken People’s Progressive Party (PPP) besiegt, die 1997 mit Janet Rosemberg Jagan, einer in den USA geborenen Jüdin, die erste gewählte Präsidentin Südamerikas stellte.

Die PPP entwickelte sich zunehmend in eine sozialdemokratische Richtung, unterhielt aber dennoch gute Beziehungen mit Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Nach 23 Jahren an der Macht verlor die PPP dann vor zwei Monaten die Wahlen. Es fehlten weniger als 5.000 Stimmen – allerdings bei einer Bevölkerung Guyanas von nur 800.000 Menschen. Der PNC kehrte zurück an die Regierung, im Bündnis mit fünf anderen Parteien.

Territorialkonflikt Guyanas mit Venezuela

Der neue konservative Präsident David Granger ist ein in Großbritannien ausgebildeter, pensionierter General. Er setzt auf die Erdölindustrie und lädt internationale Unternehmen ein, in Guyana zu investieren. Der Regierungswechsel vollzog sich sehr zur Freude der US-Regierung. Kaum im Amt, ließ Granger den historischen Territorialstreit mit Venezuela wiederaufleben, indem er dem US-Unternehmen Exxon Mobil Ölbohrungen in umstrittenen Gewässern genehmigte.

Das aus geostrategischer Sicht interessante Gebiet birgt riesige Erzvorkommen und macht 70 Prozent der Landesfläche Guyanas aus, das etwas kleiner als Großbritannien ist. Venezuela erhebt seit mehr als 100 Jahren Anspruch auf dieses Gebiet, das ihm vom britischen Empire entrissen wurde. Das diplomatische Verhältnis zwischen Guyana und Venezuela ist derzeit höchst angespannt. Im Inneren Guyanas sorgt das Zusammenleben zweier großer ethnischer Gruppen für Konflikte. Die Nachkommen afrikanischer Sklav*innen bilden in den Städten die Mehrheit, wer von indischen Arbeiter*innen abstammt, die auf den Zuckerrohrplantagen arbeiteten, lebt meist auf dem Land. Der PNC stützt sich auf die Afroguyaner*innen, die PPP auf die Indoguyaner*innen.

Surinam: Brain drain nach der Unabhängigkeit 1975

In Surinam gewann die nationale demokratische Partei (NDP) von Präsident Desi Bouterse vor zwei Monaten 27 der 51 Sitze im Parlament. Da für die Wiederwahl aber zwei Drittel der Abgeordneten erforderlich sind, muss mit den Oppositionsparteien verhandelt werden. Alles deutet hier auf einen Erfolg hin.

Der 60-jährige, umstrittene Bouterse zieht in Surinam mit Unterbrechungen bereits seit 1980 politisch die Fäden. Seinerzeit brachte ihn ein Militäraufstand ins Präsidentenamt. Die Regierung verfolgte einen nationalistischen Kurs, der teilweise progressive Züge trug. Die Beziehungen zu Kuba und dem sandinistischen Nicaragua wurden verstärkt, ebenso wie zum Libyen unter Gaddafi.

1999 beschuldigte die niederländische Regierung Bouterse, für die Ermordung von 15 Oppositionellen verantwortlich und außerdem in den Kokainhandel verstrickt zu sein. Es folgte ein internationaler Haftbefehl, Bouterse konnte Surinam nicht mehr verlassen. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war er Abgeordneter, 2010 wurde er dann zum Präsidenten gewählt. Seither bemüht er sich um die regionale Kooperation. Surinam hat zahlreiche Abkommen abgeschlossen, vor allem mit Venezuela.

Südamerikas kleinster Staat, der mit 550.000 Einwohner*innen auch die kleinste Bevölkerungszahl hat, stand seit 1815 unter der Kontrolle der Niederlande. Dorthin zog es nach der Unabhängigkeit 1975 rund ein Drittel der Bewohner*innen, die sich ihre niederländische Staatsbürgerschaft zunutze machten. Die Folge war ein schwerwiegender Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften und Fachleuten in ihrem Herkunftsland.

Politik in Guyana und Surinam stark ethnisch bestimmt

Wie in Guyana wird auch in Surinam das politische Leben von ethnisch-religiösen Aspekten bestimmt, wobei das Bild noch komplexer ist als im Nachbarland. 1863 schafften die niederländischen Kolonien die Sklaverei ab. In der Folge kamen als Ersatz Arbeitskräfte aus Indien und von der Insel Java ins Land. Es bildete sich ein einzigartiges Mestizentum heraus, aus Einwanderergruppen von allen Kontinenten.

Auch wenn Guyana und Surinam noch ein gewisser kolonialer Hauch umweht und sie sehr viel engere Bande mit den englischsprachigen Ländern des amerikanischen Kontinents geknüpft haben – beide sind zum Beispiel Mitglieder der Karibischen Gemeinschaft CARICOM – so nähern sie sich, aufgrund der geographischen Lage fast zwangsläufig, Schritt für Schritt Südamerika an. Verstärkt geschieht dies seit 2008, dem Gründungsjahr des kontinentalen Bündnisses Unasur (Unión de Naciones Suramericanas), dem Guyana und Surinam angehören.

* Der Journalist schreibt für die Portale Nodal (www.nodal.am) und Marcha (www.marcha.org.ar).

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