Spionageaktion gegen den indigenen Aktivisten Leonidas Iza

Spionage
Leónidas Iza, 2021
Foto: Asamblea Nacional del Ecuador via wikimedia
CC BY-SA 2.0

(Cotopaxi, 27. August 2025, wambra).- Die Aufdeckung einer Spionageaktion gegen den indigenen Aktivisten Leonidas Iza hat in Ecuador hohe Wellen geschlagen. Im Zuge einer politischen Operation wurde ein falscher Journalist in indigene Zusammenhänge eingeschleust.

Wer Leonidas bedroht, bedroht das ganze Dorf

Am Nachmittag des 18. August wurde die Ruhe in San Ignacio jäh unterbrochen. Eine Stimme rief: „Los, überfahr ihn.“ Dann das abrupte Bremsen eines Kleinbusses. Mitten auf der Straße stand Leonidas Iza, ehemaliger CONAIE-Präsident, mit der Gelassenheit eines Menschen, der solche Dinge nicht zum ersten Mal erlebt. „Was macht ihr hier? Wie heißt ihr? Warum fahrt ihr dreimal an meinem Haus vorbei und filmt?“ Wer Leonidas bedroht, bedroht das ganze Dorf. Die Menschen umringten den Kleinbus und hinderten ihn am Entkommen. Derart in die Enge getrieben, entstiegen mehrere Männer dem Fahrzeug, in der Hand Kameras und Handys. Was machten sie hier? Woher kamen sie? Wer hatte sie geschickt? In einer Gemeinde wie San Ignacio kennt jeder jeden. Hier leben etwa 550 Familien, Panzaleos, die noch immer ihre roten Ponchos tragen und das Land so bewirtschaften, wie es ihre Vorfahren getan haben. Viele haben 2019 und 2022 die nationalen Streiks unterstützt. Es sind mutige Leute, die nicht auf den Kopf gefallen sind. Der Kleinbus war verdächtig oft aufgetaucht, nicht nur Leonidas hatte das bemerkt. Während in Quito die Entscheidung des Verfassungsgerichts, einige Gesetze teilweise auszusetzen, zu politischen Unruhen führte und viele Menschen unter der Führung von Präsident Daniel Noboa zum Protest gegen mögliche Grundrechtsverletzungen auf die Straße trieb, zeigte sich in San Ignacio, was die neuen Gesetze in der Praxis bedeuten: Machtmissbrauch in Form von Überwachung sozialer Aktivist*innen und politischer Gegner*innen unter dem Deckmantel eines Sicherheitsversprechens.

Indigene Justiz

Wie sich herausstellte, befanden sich dem Kleinbus Carlos Uvidia, Bryan Díaz und Kevin Guamán, Geheimdienstagenten der Nationalpolizei. Sie hatten Ausweise des Innenministeriums, offizielle Dokumente und Mobiltelefone dabei, auf denen Tausende von Bildern gespeichert waren. Sie waren keine Durchreisenden, und sie kamen auch nicht, um irgendwelche Waren anzubieten. Sie waren Spione, die auf das Gemeindeland von San Ignacio und die Indigenen- und Bauernbewegung von Cotopaxi (MICC) angesetzt waren. Als die Gemeinde sie zur Rede stellte und sie fragte, warum sie dort waren, reagierten die Agenten mit jenem Fluchtversuch, der Iza beinahe das Leben gekostet hätte. Die Gemeinde reagierte schnell auf den Vorfall. Über die sozialen Netzwerke des MICC mit Unterstützung der Union der Bauernorganisationen des Nordens von Cotopaxi (UNOCANC) wurde eine öffentliche Anhörung bekanntgegeben, bei der die drei Beteiligten sich der indigenen Justiz stellen sollten. 510 Gemeinden und 33 Mitgliedsverbände der Organisationsstruktur sowie alle, die sich von dem Vorfall angesprochen fühlten, waren aufgerufen, dem historischen Prozess zur Verteidigung des Lebens, des Territoriums und der indigenen Justiz beizuwohnen. Darüber, was „indigene Justiz“ bedeutet, herrschen in der Öffentlichkeit teils krude Vorstellungen. Es ging jedoch nicht darum, mit Brennnesseln und Peitschenhieben gegen Diebe und gemeinschaftssschädigende Subjekte vorzugehen. Der Fall hat vielmehr gezeigt, dass die indigene Organisation über ein effektives Ermittlungsverfahren verfügt, und die Geheimdienstagenten wurden nach der legitimen Ausübung des autonomen indigenen Rechts freigelassen.

Wer steht hinter der Kamera?

Im Innenhof der interkulturellen Schule von Planchaloma hatte sich die Gemeinde versammelt. Korrespondenten lokaler und ausländischer Medien waren aus Quito angereist.Es wurde gemunkelt, dass die Insassen des Kleinbusses mehrere Tausend Dateien auf ihren Handys gespeichert hatten– Fotos, Videos, Karten, Aufzeichnungen über den Wohnort von Iza, seiner Frau und seinen Kindern, seinen Brüdern und anderen Führungspersönlichkeiten. Die drei Polizisten saßen da und blickten zu Boden. Die Anhörung konzentrierte sich auf drei Punkte: Erstens: Ñawinchina: Vorstellung der Beteiligten der Anhörung; zweitens: Allichina, Schilderung des Vorfalls: Infiltration von Geheimdienstagenten in die Gemeinde San Ignacio; drittens: Paktachina und Kunak, Verlesung und Verabschiedung des indigenen Urteils. Die Sichtung der Daten auf den Mobiltelefonen ergab, dass die Geheimagenten am Freitag, dem 15. August eine Überwachung dem Namen „Operation Asadero de Cuy” begonnen hatte, wobei Leonidas Iza als „Capibara” (Wasserschwein) oder „Cuy” (Meerschweinchen) bezeichnet wurde. Ebenso fand man weitere Chats, die die Infiltration der jüngsten Wahlen der CONAIE und die Überwachung der Führung der indigenen Bewegung belegten.

Die perfekte Tarnung: ein digitaler TV-Sender 

Auf die Frage, wer ihnen befohlen habe, den indigenen Führer zu überwachen, antwortete Obergefreiter Bryan Díaz mit gemessener Stimme: „Ich weiß es nicht, ich bin nur ein operativer Agent. Jorge Guzmán von Wilar TV ist derjenige, der alle Aktivitäten koordiniert.” Ein leises Murmeln ging durch die Reihen. Auf Nachfragen erklärte Carlos Uvidia mit einem Anflug von Resignation: „Ja, er ist von Beruf Journalist und hatte Zugang zu allen indigenen Organisationen.“ Damit wurde klar: Sergeant Jorge Guzmán hatte mehr als 10 Jahre lang seine journalistische Tätigkeit als Tarnung genutzt, um Zugang zur Struktur der indigenen Bewegung zu bekommen und über alle relevanten Ereignisse, Pressekonferenzen, Veranstaltungen und die nationalen Streiks von 2019 und 2022 zu berichten. Wilar RTV erklärte, man habe sich von Jorge Guzmán distanziert, machte aber keine Angaben zu dessen Verbindungen zur Polizei. In einem ähnlichen Fall hatte sich ein verdeckter Polizist während der Untersuchung des Femizids an der Anwältin María Belén Bernal durch die Untersuchungskommission als Wilar TV-Reporter ausgegeben. Er besaß einen gefälschten Ausweis, den er bis zu seiner Enttarnung vorlegte.

Wie die Untersuchungskommission feststellte, waren zahlreiche Führungskräfte und Sprecher sozialer Organisationen von der Überwachung betroffen: von der Unión de Organizaciones Campesinas del Norte de Cotopaxi (UNOCANC) – einer der 33 Organisationen des MICC, die etwa 510 Gemeinden umfasst – bis hin zu neuen Netzwerken, die mit der indigenen Partei Pachakutik und CONAIE zusammenarbeiten. Die digitalen Dateien waren ein deutlicher Beweis für eine systematische Überwachung: Chats, in denen das Kommen und Gehen von Versammlungen protokolliert wurde, Listen mit Namen von Kontakten, Adressen und Fahrzeugmodellen, Texte zur Planung von Protesten und Notizen zu strategischen Bewegungen, formuliert in bedrohlich-derbem Agentensprech. In einem der Chats die Rede davon, „das Capybara“ zu töten – nach Ansicht der Ermittler eine verschleierte Anspielung auf die Aktion, die die Polizisten vorbereiteten: ein Attentat auf Iza.

Nach den Enthüllungen verbreiteten sich die Namen der verdeckten Ermittler wie ein Lauffeuer in der Presse. Jorge Guzmán wurde aus mehr als 30 Chats von Presse-, sozialen und politischen Organisationen ausgeschlossen, in denen er mindestens zwei öffentliche Nummern hatte, ebenso wie seine Mitarbeiter, die sich mit mehr als einem Namen und Pseudonym vorstellten. „Sie haben sich bei der Berichterstattung immer mit uns fotografieren lassen”, erinnerte sich ein Journalist. Wirklich eine perfekte Tarnung! Die Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen an, dass die Beamten die Vorarbeit für eine geplantes Verbrechen leisteten, und sprachen sich für einen Dialog zwischen der indigenen und der staatlichen Justiz aus. Dennoch wurde der Vorwurf der mutmaßlicher Entführung gegen Iza in den Raum gestellt. Die Gemeinden wiesen den Vorwurf als Missachtung der indigenen Justiz zurück und bezeichneten ihn als politische Verfolgung.

Überstellung der drei festgehaltenen Polizisten

Während der öffentlichen Anhörung in Planchaloma erklärte das indigene Gericht (UNOCANC) die Polizisten Carlos Uvidia, Bryan Díaz und Kevin Guamán für schuldig, ohne richterliche Anordnung „indigenes Gebiet betreten” zu haben. Sie wurden aufgefordert:

  • öffentlich klarzustellen, dass sie nicht von Leonidas Iza entführt worden waren.
  • zuzugeben, dass sie keine gültigen Dokumente hatten, die ihre Anwesenheit rechtfertigten.
  • sich öffentlich bei der indigenen Führungspersönlichkeit zu entschuldigen.

Ferner wurde ihnen für einen Zeitraum von zehn Jahren ein Betretungsverbot für das Gebiet der Gemeinde auferlegt. Nachdem sie sich entschuldigt hatten, wurden die Polizisten noch am selben Nachmittag freigelassen und vom indigenen Gericht für „unversehrt” erklärt. Die Beamten betonten, dass sie nicht misshandelt worden seien. „Wir wurden angemessen verpflegt und konnten uns ausruhen”, erklärte Carlos Uvidia während der Anhörung. Aber dies war ja auch keine Polizeistation, sondern ein Gericht, das vom Widerstand der Völker eingesetzt wurde. Die Beamten wurden unter Aufsicht des Beauftragten der Ombudsstelle, Vertretern des Roten Kreuzes und des politischen Leutnants der Gemeinde Toacaso überstellt. Dabei wurde auf traditionelle Rituale (wie Reinigungsbäder) verzichtet.

Wer ist für die Überwachungsaktion verantwortlich?

Die Freilassung der Polizisten am 21. August markierte das physische Ende einer Episode, aber ihre Folgen waren damit noch nicht abgeschlossen. Die indigene Kommission erklärte, dass sei dies kein Einzelfall, sondern Teil eines anhaltenden Musters politischer Spionage. Die CONAIE forderte die Regierung auf, die Schikanen zu beenden und soziale Führungspersonen nicht länger mit „Spionage, Verfolgung und Einschüchterung“ zu behelligen, Die Organisation warnte vor der möglichen Existenz einer „Einheit für politische Spionage innerhalb staatlicher Institutionen“. Als unmittelbare Folge der Ereignisse schlossen die Organisationen verdächtige „Journalisten“ – wie diejenigen, die mit Wilar RTV in Verbindung stehen –  aus den sozialen Netzwerken der Gemeinschaft aus und distanzierten sich von Medien, die dem Staat als Hintertüren dienen könnten. Die Polizisten verpflichteten sich, keine Anzeige wegen Entführung gegen die Gemeinde zu erstatten, doch parallel dazu reichte die Nationalpolizei einen Antrag auf Prüfung des Vorfalls ein, dem ein Richter des Kantons Latacunga noch am selben Abend (nach 21:27 Uhr) stattgab und im Anschluss die Freilassung formal bestätigte. Die Conaie und die Indigene Bewegung von Cotopaxi (MICC) machten den ecuadorianischen Staat für jeden Angriff auf die Unversehrtheit ihrer führenden Aktivist*innen verantwortlich und wiesen darauf hin, dass Spionage Teil eines systematischen Musters politischer Verfolgung sei. Auch die Existenz eines „Büros für politische Spionage” innerhalb staatlicher Institutionen werde nicht ausgeschlossen.

CC BY-SA 4.0 Spionageaktion gegen den indigenen Aktivisten Leonidas Iza von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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