“Schwarze Puppen” – Empowerment durch Spielzeug

Fotos: Acento

(Santo Domingo, 29. Dezember 2019, Acento).- „Ich finde es gut, schwarze Puppen herzustellen, weil ich damit etwas produziere, das mir ähnlich sieht, eine schwarze Figur mit krausen Haaren, wie ich. Außerdem fange ich dadurch an, darüber nachzudenken, wer ich bin. Es scheint mir nicht ok, dass die Mädchen mit Puppen spielen sollen, mit denen sie sich nicht identifizieren können. Die Puppen, die man normalerweise kaufen kann, sind alle weiß, blond und schmächtig. Aber so sieht hier kaum jemand aus“, erklärt Bileysi, eine junge Dominikanerin mit haitianischen Wurzeln.

Das Empowerment-Projekt “Muñecas negras” (Schwarze Puppen) richtet sich insbesondere an die Frauen aus den bateyes, kleinen ländliche Siedlungen, die an die riesigen Zuckerplantagen angeschlossen sind. Ana María Belique und Elena Lorac sind Begründerinnen der Initiative Reconoci.do, in der sich vorwiegend junge Menschen gegen rassistische Diskriminierung und für die Anerkennung von Menschen afrikanischer Abstammung in der Dominikanischen Republik einsetzen. Im Rahmen des Projekts „Muñecas negras” bieten sie wöchentliche Workshops zur Herstellung von Stoffpuppen und Möglichkeiten zum kritischen Austausch über Themen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, dazu zählen geschlechtsspezifische Gewalt und (natürlich) Rassismus. Die Mehrheit der teilnehmenden Frauen hat selbst einen afrikanischen Hintergrund. Die meisten sind junge Mädchen aus haitianischen Familien, die traditionell als Tagelöhner*innen unter sklavenähnlichen Bedingungen auf den Zuckerplantagen beschäftigt sind.

Gegen Alltagsrassismus und Gewalt

Weil sie in isolierten Gebieten leben, weil sie arm und schwarz sind und nicht zuletzt wegen ihres Geschlechts haben die Frauen keinen Zugang zum offiziellen Arbeitsmarkt und erleben alltäglich Diskriminierung und Gewalt. Obwohl die Bevölkerung der Dominikanischen Republik mehrheitlich schwarz ist, dominieren Rassismus und besondere Geringschätzung gegenüber dem Nachbarstaat Haiti, die ihren Niederschlag in einer explizit diskriminatorischen Regierungspolitik findet: Gemäß einer umstrittenen Verfassungsreform wurde im Jahr 2013 Tausenden von Menschen, die im Land geboren worden waren, die dominikanische Staatsbürgerschaft entzogen, weil ihre Eltern aus Haiti immigriert waren. So kamen Belique und Lorac zur Gründung der Initiative Reconoci.do, die sich für die Verteidigung der Rechte der Betroffenen einsetzt, Demos und öffentliche Diskussionen organisiert und die Forderungen der Menschen nach außen bringt. Mit der Zeit wurde jedoch klar, dass nicht nur die politische Öffentlichkeitsarbeit wichtig ist, sondern ebenso die Arbeit an der Basis, die im täglichen Leben ansetzt, Bewusstseinsarbeit, die sich an die am meisten Betroffenen richtet und die schwächsten Glieder der Kette in den Fokus nimmt, die Frauen in den bateyes, denen es an den kulturellen Strukturen fehlt, um so eine umfangreiche Aufgabe in Angriff zu nehmen.

So entstand die Idee zur Gründung der Initiative “Muñecas negras RD” als konkrete Aktionsform für den alltäglichen Widerstand. Ein so einfacher Gegenstand wie eine Stoffpuppe kann helfen, das Bewusstsein der Frauen zu stärken und – vielleicht – eine Art von Befreiung erwirken. „Ich komme selbst aus den bateyes und hatte schon lange davon geträumt, etwas mit den Frauen zu machen, etwas Praktisches, etwas Unmittelbares, das Theorie und Praxis zusammenbringt. Es sollte das Nachdenken anregen und irgendwie dazu beitragen, die Schönheitsideale zu dekonstruieren, die uns von klein auf eingeimpft werden. Das war unser Ansatz: den jungen Mädchen helfen, sich selbst als Schwarze, tapfere und kämpferische Individuen zu sehen, die sich der alltäglichen Diskriminierung einer Gesellschaft entgegenstellen, die Schwarze Menschen verachtet und als minderwertig betrachtet“, erinnert sich Belique.

Empowerment für Frauen aus den bateyes

Der erste Workshop fand im März 2019 im batey Sabana Larga in der Provinz Monte Plata etwa 50 km nördlich der Hauptstadt Santo Domingo statt. Seither kommen jeden Samstag Frauen zusammen, um Schwarze Puppen herzustellen, und von Woche zu Woche werden es mehr. Die handgemachten Puppen sind absolute Einzelstücke, aber alle mit krausen Haaren und bunten Kleidern. Die Frauen arbeiten zusammen, lachen und plaudern, sprechen aber auch über ihr Leben, über Fragen, die sie beschäftigen und diskutieren Lösungsansätze bezüglich ihrer prekären gesellschaftlichen Lage. „Die Workshops stärken das Selbstbewusstsein der Frauen. Wir sprechen über Menschenrechte,  über strukturelle Diskriminierung, den Entzug der Staatsbürgerschaft und das Leben als Schwarze. Außerdem lernen die Frauen etwas Praktisches, womit sie Geld verdienen können“, erklärt Belique weiter.

Der Erlös der verkauften Puppen geht teils an das Projekt und teils an die Frauen. Im Moment sind es jedoch vor allem Freundinnen und Freunde, die die Finanzierung sichern, weil sie von der Wichtigkeit des Projekts überzeugt sind. Und der Plan für 2020? „Mehr bateyes einbinden und mehr Frauen erreichen. Dafür brauchen wir noch mehr Unterstützung. Es macht uns so stolz zu sehen, wie begeistert die Frauen von den Puppen sind. Das zeigt uns, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Die Frauen geben unserer Arbeit einen Sinn.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Italienisch bei Q Code Mag. Aufgrund seiner Bedeutung für die Dominikanische Republik veröffentlicht Acento die spanische Version.

CC BY-SA 4.0 “Schwarze Puppen” – Empowerment durch Spielzeug von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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