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(Santiago de Chile, 17. November 2025, La Jornada) – Nach den Ergebnissen der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen erzielte die Kandidatin der linken Regierungspartei, Jeannette Jara, die meisten Stimmen (26,71 Prozent), dicht gefolgt vom rechtsextremen José Antonio Kast (24,12 Prozent). Mit größerem Abstand folgten Rechtspopulist Franco Parisi (19,42 Prozent), Trump-Anhänger Johannes Kaiser (13,93 Prozent) und die Vertreterin der traditionellen Rechten, Evelyn Matthei (12,7 Prozent).
Es sieht schlecht aus
Auch wenn der Erfolg von Jeannette Jara auf den ersten Blick beruhigend erscheinen mag, lässt die Aussicht auf die Stichwahl am 14. Dezember eine mögliche Niederlage der ehemaligen Arbeitsministerin unter der Regierung Boric erwarten: Sowohl Kaiser als auch Matthei haben Antonio Kast ihre Unterstützung angeboten. Damit bekäme der rechtsextreme Kandidat die absolute Mehrheit, auch ganz ohne die Stimmen von Franco Parisi, einem Mann ohne definierte ideologische Ausrichtung, der sich jedoch in seinem Bestreben, um jeden Preis Stimmen zu gewinnen, in seinen Vorschlägen der extremen Rechten angenähert hat.
Was ist passiert?
Der Hauptgrund für diese düstere Situation liegt vermutlich in der Enttäuschung über das progressive Projekt der aktuellen Regierung, das auf halbem Weg zusammengebrochen ist. Präsident Gabriel Boric gelang es nicht, das institutionelle Erbe der Pinochet-Diktatur hinter sich zu lassen, und schließlich mündete seine Politik in einer Mischung aus Resignation und Pragmatismus. Boric kam mit dem Vorschlag einer neuen Verfassung – ein Prozess, der scheiterte – und einem Programm, das auf Verbesserungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Ausweitung der Rechte und sozialer Wohlfahrt setzte. Vier Jahre später hat die öffentliche Debatte diese Themen hinter sich gelassen und wird von Unsicherheit, Fremdenfeindlichkeit gegenüber Migrant*innen (vor allem aus Lateinamerika), dem Abbau des Staates und Strafverfolgung dominiert. Die chilenische Gesellschaft hat eine ordentliche Wende zum Konservatismus vollzogen, die weitgehend von einer neuen Generation der Rechten angestoßen wurde. Es ist ein radikaler Backlash, der den Postulaten von Jair Bolsonaro, Donald Trump, Javier Milei und der spanischen Partei Vox nahesteht.
Angst ist kein guter Begleiter
Für den Ausgang der gestrigen Wahlen war nicht die Hoffnung entscheidend, sondern Angst: Angst vor Kriminalität, vor Fremden und sogar vor den Nachbarländern. Wenn es der von Jara angeführten Linken nicht gelingt, diese Stimmung innerhalb eines Monats zu ändern, wird der Aufstieg der extremen Rechten an die Macht unvermeidlich sein, und mit ihm die Angriffe des Präsidenten auf die demokratischen Institutionen, die laut Präsident Boric aus den gestrigen Wahlen „gestärkt hervorgehen” sollten.
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