Quechua und die Dominanz des Spanischen als Amtssprache

Quechua
Linguistische Karte der Quechua-Sprachen
SPQRobin (and Huhsunqu) via wikimedia
CC BY-SA 3.0

(Quito, 1. Juli 2025, rebelion).- Die indoeuropäischen Sprachen sind analytisch-flektierend aufgebaut; dieser Logik folgt auch Spanisch. Quechua (Quichua) hingegen ist eine synthetisch-agglutinierende Sprache: Grammatische Funktionen werden durch die Aneinanderreihung von Affixen an den Wortstamm ausgedrückt. Erstes Unterscheidungsmerkmal ist die Position des Verbs am Satzende. So heißt es: Urkuhananpipaqarinichupishchuwayakupishintiillarimantakancharin. „Oben auf dem Berg glänzen bei Sonnenaufgang das Stroh und das kristallklare Wasser im Sonnenlicht.“

Auch für Albert Einstein galten Raum und Zeit als untrennbare Einheit

Um einen Einblick in die Logik des Quechua zu geben, sei vorangestellt, dass das Konzept pacha, das zugleich Zeit und Raum bedeutet, der Weltsicht von Albert Einstein entspricht. Auch für ihn waren Zeit und Raum untrennbar miteinander verbunden und standen in Wechselwirkung zur Materie. Was die Sprache angeht, weist Quechua allerdings weitere Besonderheiten auf. Das Wort ñaupapacha heißt sowohl „Vergangenheit“ als auch „vorne“, während kipapacha „hinten“ als auch „Zukunft“ bedeutet. Außerdem gibt es im Quechua zwei Vergangenheitsformen: Eine, um auszudrücken, dass die Person die Handlung selbst erlebt hat, und eine andere, wenn die Person z. B. von Dritten weiß, dass diese Handlung in der Vergangenheit passiert ist, sie sie aber nicht selbst erlebt hat: Paykallamkarka: „Er hat gearbeitet“ und paykallamkashka:„Er soll gearbeitet haben“ (siehe César Guardia Mayorga). Nun zu einem anderen Unterscheidungsmerkmal. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das auszudrücken, was in unserer Sprache durch den Genitivvermittelt wird: Das Suffix -yuk vermittelt unveräußerliche Zugehörigkeit: Tukuyllaktayukruna: „Die Gemeinschaft gehört jedem“; -pa hingegen umstandsbedingte Zugehörigkeit: warmipamutki: „Damenparfum“. Ebenso gibt es die Möglichkeit, die beiden Elemente ohne Suffix zu verbinden: rumichaca bedeutet „Steinbrücke“.

Die makellose Struktur des Quechua

Wie im Mongolischen, Türkischen, Ungarischen, Finnischen und in anderen Sprachen gibt es in der Quechua-Sprache ein für agglutierende Sprachen typisches Suffix, um eine Union, ein Abhängigkeitsverhältnis, auszudrücken. Im Quechua lautet es -ntin und kann Begleitung, innige Verbindung bedeuten. Wenn es mit Personen verwendet wird, wird diejenige, die begleitet, der Logik nach weggelassen: Mamantin: „mit seiner Mutter“ anstelle von „die Mutter mit ihrem Kind“. Das Suffix befindet sich auch im Wort Tahuantinsuyo, das die vier Regionen bezeichnet, die den Inkastaat bildeten.

Das Gerundium kann zwei Formen haben: Wenn es nur eine Handlung gibt, lautet die Endung -shpa: Hatun mallquikauchillakunamanllantutaquiwashpa: „Der große Baum spendet den kleinen [Bäumen] Schatten“. Wenn sich die Handlung auf zwei Subjekte bezieht, wird das Suffix -kpi (-stin) verwendet: Kankiwaylluykawañukpikañukapaskwañushami„Wenn deine Liebe stirbt, werde ich auch sterben“.

Mikuy kann je nach Kontext Nominalisierung oder Imperativ eines Verbs sein: Kechuamikuymayallíkan, shinachoclohumita: „Das Quechua-Essen ist sehr gut, ein Beispiel sind die Mais-Humitas“ [Humitas bestehen aus einem Teig aus Mais, Gewürzen und anderen Zutaten, der in Maisblätter gewickelt gegart wird.]  bzw. mikuyyujratakaynaapamurkan: „Iss die Garnelen, sie haben sie gestern gebracht“.

Einige Quechua-Begriffe drücken auf besondere Weise bestimmte kulturspezifische Ideen aus und können ins Spanische nur mit Wendungen oder ganzen Sätzen übersetzt werden, wie es zum Beispiel bei folgenden Wörtern der Fall ist: Kaphchi: „Akt von höchster Kultur“, kero: „hölzernes Zeremoniengefäß mit Szenenmalereien“ und atau: „günstiges Schicksal in organisierten Einheiten“.

Der Quetchua-Wortschatz reflektiert die im Tahuatinsuyo vorhandene gesellschaftliche Spaltung; es gibt viele Begriffe, die sich auf den hohen sozialen Status der Inkas beziehen und sich einfach neu semantisieren und an die Gegenwart anpassen lassen: kapac: „berühmt, mächtig“, kamachiy: „gehorchen, Mandat, Gesetz, Verordnung, Staat“.

Quechua ist eine Sprache mit makelloser Struktur, aber auf ihr lastet die Dominanz des Spanischen als Amtssprache, die ihre soziale Funktionen beansprucht und verhindert, dass Quechua von einer gesprochenen zu einer geschriebenen Sprache wird.

Ileana Almeida ist Philologin, Universitätsdozentin und Autorin. Sie hat unter anderem das Buch „Mitos cosmogónicos de los pueblos indígenas del Ecuador“ (Kosmogonische Mythen der indigenen Völker Ecuadors) verfasst.

Übersetzung: Christa Röpstorff

Weiterführende Links:

https://de.m.wikiBOOKS.org/wiki/Quechua

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Quechua

https://openlibrary.org/search?q=Guardia+Mayorga+kechwa

 

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