Brasilien
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Tödliche Angriffe auf LGBT-Personen: Brasilien hält traurigen Rekord


Von Juliana Gonçalves

LGBT

Nach jüngsten Angaben der Grupo Gay in Bahia wird alle 25 Stunden in Brasilien eine LGBT-Person ermordet. Foto: Elza Fiuza/ Agencia Brasil

(Santiago, 10. Oktober 2017, medio a medio).- Luana Barbosa dos Reis, schwarz, arm und lesbisch, wurde 2016 in São Paulo von Polizist*innen totgeprügelt. Im selben Jahr wurde der 17-jährige Itaberlly Lozano von seiner Mutter ermordet, weil er schwul war. Der Straßenhändler Luis Carlos Ruas wurde erschlagen, weil er einer Transfrau, die gerade verprügelt wurde, helfen wollte. Im März dieses Jahres hat die Folterung und Ermordung der Transfrau Dandara dos Santos in Fortaleza im Bundesstaat Ceará Proteste hervorgerufen, nachdem ein Video des Verbrechens in sozialen Netzwerken kursiert war.

Dies sind nur einige Beispiele, die die tödliche Gewalt der LGBT-Phobie in Brasilien dokumentieren. Einem Bericht des Internationalen Verbands der Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen ILGA zufolge ist Brasilien das Land mit der höchsten Zahl tödlicher Angriffe auf LGBT-Personen in Lateinamerika.

Trotz dieser traurigen Bilanz hat die Regierung des Putsch-Präsidenten Michel Temer in diesem Jahr die Gelder für die Projekte zur Bekämpfung der LGBT-Feindlichkeit gekürzt. Dies ergab der Nachrichten- und Mediencheck der brasilianischen Agentur „Aos fatos“.

Regierung streicht Fördergelder

Nach Ansicht von Camila Furchi, Weltfrauenmarsch- und LGBT-Aktivistin der brasilianischen Arbeiterpartei PT, ist die Kürzung im Bereich LGBT und die Minderheitenpolitik im allgemeinen symptomatisch für den Aufschwung der konservativen Elite.

“Es geht nicht nur um die Kürzung von Zuschüssen und die Beeinträchtigung der Bemühungen um die Etablierung einer Politik, die es vorher in diesem Land nicht gegeben hat“ , so Furchi. „Wir erleben generell einen sehr starken konservativen Backlash im ganzen Land, in der Gesetzgebung und im Rechtssystem, der den politischen Fortschritt insgesamt hemmt. Und was noch schlimmer ist: Wir erleben Rückschritte in Bereichen, von denen wir dachten, dass wir die Konflikte bereits überwunden hätten.“

Nach Angaben der NGO Grupo Gay in Bahia wurden im vergangenen Jahr 343 LGBT-Personen ermordet. Die Hälfte waren Schwule, 144 waren Transsexuelle und Transvestiten.

Im Jahr 2008 hatte die Regierung eine Million Dollar zur Bekämpfung der LGBT-Feindlichkeit zur Verfügung gestellt; im vergangenen Jahr waren die Mittel auf nur 165.000 Dollar gekürzt worden. Ein großer Teil der Mittel floss in die Städte São Paulo und Sapucaia do Sul in Rio Grande do Sul sowie in die Provinz Bahia. Die Kürzung der Mittel werde sich sehr bald bemerkbar machen, glaubt  Furchi, insbesondere in São Paulo: Mit Hilfe des Programms Trans Ciudadanía konnten Transpersonen bisher eine Förderung erhalten, um die Schule abzuschließen und einen Beruf zu erlernen. Das Programm war vom ehemaligen PT-Bürgermeister São Paulos, Fernando Haddad, ins Leben gerufen worden.

„Natürlich wird das Konsequenzen haben. Die Schließungen und verkürzten Öffnungszeiten in den Beratungszentren werden spürbar sein. In São Paulo gibt es vier Beratungszentren für LGBT-Personen. Ohne staatliche Unterstützung können diese keine Beratung mehr anbieten. Wir wissen, dass der derzeitige Bürgermeister die Unterstützung nicht fortführen und stattdessen die Privatisierung oder die Schließung der Zentren vorschlagen wird“, kritisiert Furchi.

Imagekampagnen statt Prävention

Brasil de Fato versuchte mit der Pressestelle des Ministeriums für Menschenrechte in Verbindung zu treten, konnte aber bis Redaktionsschluss keine Antwort erhalten. Auf Anfrage von „Aos fatos“ ließ das Ministerium verlauten, man arbeite an einer öffentlichen Kampagne „Vorurteile überwinden, Unterschiede respektieren“ und bezahle die Reisekosten für die Aktivist*innen des Nationalen Rats für den Kampf gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen.

Furchi sieht zwar die Wichtigkeit solcher Kampagnen, betont aber auch, dass strukturelle Probleme nur im Kontext mit anderen Themen wie Gesundheit, Bildung und Arbeit gelöst werden können: „Dass die LGBT-Politik sich auf Kampagnen und die Erstattung von Reisekosten beschränkt, ist wirklich ein starkes Stück.“

Obwohl noch zwei Monate bis zum Jahresende bleiben, hat das Jahr 2017 bereits jetzt schon einen neuen Negativrekord eingebracht. Bis zum 20. September wurden bereits 227 LGBT-Personen in Brasilien ermordet, 125 davon Transvestiten und Transsexuelle. Damit ist Brasilien weltweit zum Land mit der höchsten Mordrate an Transvestiten und Transsexuellen avanciert.

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