Costa Rica

„Stoppt den Haifischflossenfang“


von Leslie Josephs

(Lima, 23. April 2010, noticias aliadas).- Ein Interview mit Randall Arauz, Gewinner des Goldman Environmental Prize.

Costa Rica ist bekannt für seine im Vergleich mit den lateinamerikanischen Nachbarn strenge Umweltpolitik. Der costa-ricanische Meeresbiologe und Umweltschützer Randall Arauz kämpft seit zwei Jahrzehnten für schärfere Schutzmaßnahmen, während die Regierungen versuchten, aus wirtschaftlichen Profitgründen Gesetze zu umgehen. Der Gründer des Meeresschildkröten-Schutzprojektes PRETOMA (Programa Restauración de Tortugas Marinas) wurde 2010 mit dem Goldman Environmental Prize, einem der bedeutendsten Umweltschutzpreise der Welt, ausgezeichnet.

Die Jury würdigte seinen Einsatz für ein Verbot des Haifischflossenfangs. Diese Praxis besteht darin, den Hai zu fangen, ihm die Flossen abzuschneiden und ihn daraufhin wieder lebend ins Wasser zu werfen. Es ist auch den Protesten von PRETOMA zu verdanken, dass Costa Rica diese Praxis inzwischen verboten hat. Allerdings ist der Haifischfang als solcher weiterhin legal. Leslie Josephs, die Herausgeberin von Latinamerica Press, sprach in der costa-ricanischen Hauptstadt San José mit Randall Arauz über PRETOMA, den Kampf gegen den Haifischflossenfang und die umweltpolitische Bilanz von Ex-Präsident Óscar Arias.

Was bedeutet Ihre preisgekrönte Arbeit gegen den Haifischflossenfang?

Randall Arauz: Eigentlich ist es ja unglaublich, wenn man darüber nachdenkt. Bei PRETOMA handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Organisation. Unser Jahresbudget beträgt 200.000 US-Dollar, aber wir haben großen Einfluss auf die costa-ricanische Politik gehabt, die Gesetze gegen den Haifischflossenfang verabschiedet hat. Wir waren bei den Vereinten Nationen. Und jetzt folgen alle dem, was als „Politik Costa Ricas gegen den Haifischflossenfang“ bekannt ist.

In den Jahren 2003 und 2004 gab es Debatten über die Frage, wie dem Haifischflossenfang Einhalt geboten werden könne, und Costa Rica sagte als einer der ersten Staaten der Welt: „Warum fordern wir die Fischer nicht dazu auf, die Flossen der Haie nicht abzuschneiden? Wir sagen ja gar nicht, ‚hört auf mit dem Fischen von Haien‘, sondern fordern, lasst uns den Haifischflossenfang beenden, Schluss mit der Verschwendung“. Eigentlich erscheint das ja sehr einfach, aber es war die Hölle. Unmengen von Prozessen, wir mussten gegen die Fischfang-Industrie kämpfen. Aber letztlich setzte sich das heute in Costa Rica gültige Gesetz gegen den Haifischflossenfang durch.

Inzwischen sind uns andere Staaten gefolgt: Kolumbien, Ecuador, Panama, El Salvador, die USA. Alle diese Staaten betreiben jetzt die gleiche Politik. Länder wie Spanien, die Volksrepublik China und Taiwan hingegen setzen den Haifischflossenfang fort. Für einen lokalen Fischer ist es sicher kein Problem, einen Hai mit seinen Flossen zu konservieren. Aber wer für vier oder fünf Monate aufs offene Meer hinausfährt, muss die gefangenen Haie einfrieren, und dann wird es schwierig, die Flossen der toten Tiere abzuschneiden. Im August 2006 ist hier eine entsprechende Regelung in Kraft getreten.

Welche Auswirkungen hat der Haifischflossenfang auf das Ökosystem?

Randall Arauz: In Costa Rica könnte der Haifischflossenfang auf unterschiedlichen Ebenen eine verheerende Auswirkung haben. Die ganze Nahrungskette könnte zusammenbrechen. Und wir sehen bereits einige wichtige Veränderungen in verschiedenen Gegenden der Welt. Wir wissen beispielsweise, dass in Costa Rica im Zeitraum von 1991 bis zum Jahr 2000 die Haifisch-Population um 60 Prozent abgenommen hat. Und natürlich werden Haie schon sehr viel länger gefischt.

Es wird 15 bis 20 Jahre dauern, bis wir eine wie auch immer geartete Erholung der Bestände sehen. Was wir aber jetzt schon sehen können ist, dass früher jedes Jahr 400 Schiffe unter internationaler Flagge Haifischflossenfang betrieben haben. Jetzt sind es nur noch 100. Viele dieser Schiffe nahmen Kurs auf El Salvador. Wir gingen dann auch nach El Salvador und machten eine Kampagne… woraufhin die Flotte nach Guatemala weiterzog. Man kann sagen, dass wir sie von einem Land ins andere verjagen.

Wie viel bringt das Geschäft mit Haifischflossen denn jährlich ein?

Randall Arauz: Costa Rica exportiert jedes Jahr zwischen 500 und 700 Tonnen Haifischflossen. Früher waren es mehr. Die Fischer bekommen für ein Kilo zwischen 70 und 100 US-Dollar. Beim Zoll allerdings geben die Fischer dann einen Preis von 10 US-Dollar je Kilo an, denn bis zu diesem Betrag werden keine Steuern fällig. Man fragt sich, wie viel Geld mit Haifischflossenfang wirklich verdient wird. Der Markt schlechthin ist Hongkong. Der ganze Handel mit Haifischflossen wiederum, ich glaube weltweit, zumindest aber in Mittelamerika, wird von den Taiwaner*innen beherrscht.

Und was ist mit Ecuador, das den unbeabsichtigten Fang von Haifischen erlaubt?

Randall Arauz: Das ist eine wirklich üble Sache. Ecuador war eigentlich einer der ersten und wahrscheinlich auch einer der hierfür anerkanntesten Staaten, der den Haifischfang verboten hat. Aber da es in Ecuador sehr viel Korruption gibt, wurden die Haifischflossen illegal nach Kolumbien exportiert. Mehrere Razzien fanden statt. Es wurde viel über die Effizienz dieser Maßnahmen gestritten. Denn Fakt ist, dass zahlreiche Fischer nicht nach Haien fischen. Sie fischen nach Goldmakrelen oder Schwertfischen – die Haie lassen sich sozusagen nicht vorhersehen. Wenn sie also zufällig einen Hai im Netz haben, hatten sie das eigentlich nicht vor. Mit Haifischflossen lassen sich aber Hunderte US-Dollar verdienen. Es ist nicht ihr Ziel, Haie zu fischen, doch manchmal fangen sie mehrere große Exemplare. Wie soll man da entscheiden, ab wann der Fang eines Hais Zufall ist?

Wie beurteilen Sie die Umweltpolitik von Ex-Präsident Óscar Arias?

Randall Arauz: Es ist das altbekannte Spiel: Kurz vor Ende seiner Amtszeit hob Óscar Arias umweltpolitische Entscheidungen wieder auf. Es ist eine Katastrophe, ein Rückschritt. Es nahm viele Jahre in Anspruch, Fortschritte zu erzielen, ich nenne hier das Moratorium für den Goldbergbau, das (der frühere Präsident) Abel Pacheco (Amtszeit: 2002 bis 2006) erließ. Das Ganze zieht sich bis zu eben jenem Thema Haifischfang hin. Wir kamen auf bestimmten Gebieten voran, wie beim Gesetz, welches das Abschneiden der Haifischflossen bei lebendigem Leib verbietet. Aber dann kommen diese ganzen internationalen Schiffe, die den Haien die Flossen abschneiden und sie in costa-ricanischen Häfen entladen. Was heißt das? Es wird illegal an privaten Molen in Puntarenas entladen.

Dem Zollgesetz zufolge muss der Import von Waren über öffentliche Anlagen abgewickelt werden, und diese Personen entladen dann eben einfach an privaten Molen. Es gibt sogar ein Urteil des costa-ricanischen Verfassungsgerichts aus dem Jahr 2006, das diese Praxis für gesetzeswidrig erklärt, und trotzdem halten sie sich nicht daran. Das ist aktuell unser großes Thema, und wir werden das Ganze nicht durchgehen lassen.

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