Peru

Doe Run in La Oroya bekommt erneut Aufschub zur Erfüllung der Umweltauflagen


von Marisol Acuña

(Lima, 16. April 2009, noticias aliadas).- Seitdem der Konzern Doe Run Perú Insolvenz angemeldet hat, kommt es in der peruanischen Stadt La Oroya zu heftigen Protesten und Diskussionen. Die bei Doe Run Perú angestellten Arbeiter*innen, Mitglieder der Metallergewerkschaft La Oroya, sind nicht nur besorgt um ihre Arbeitsplätze. Sie fordern auch, der Konzern müsse endlich seine Verpflichtungen zum Schutz der Umwelt und der Gesundheit der Arbeiter*innen vor Ort einhalten. Umweltkativist*innen beschuldigen den Konzern seit einigen Jahren, die im Umweltschutzprogramm PAMA (Programa de Adecuación y Manejo Ambiental) enthaltenen Auflagen nicht fristgerecht eingehalten zu haben. Nun hat die Regierung dem Unternehmen angesichts der wirtschaftlichen Krise zudem eine erneute Fristverlängerung zur Erfüllung der Auflagen eingeräumt.

„Der Konzern soll endlich Platz machen, damit sich ein neues Unternehmen etablieren kann, das die Rechte der Arbeiter*innen respektiert und die Opfer, die sie bringen, zu würdigen weiß. Vor allem soll die Geschäftsleitung transparent gestaltet werden“, lauteten die einhelligen Forderungen bei der Versammlung der Arbeiter*innen des Unternehmens Doe Run Perú Ende März.

Doe Run Perú betreibt die Metall verarbeitende Industrie in La Oroya. Die im Andenhochland gelegene Stadt zählt zu zehn Städten auf der Welt, die am stärksten verschmutzt sind.

Nachdem am 24. Februar ein Zusammenschluss von französischen, peruanischen und südafrikanischen Banken (BNP Paribas, Banco de Crédito und Standard Bank) einen Antrag des Konzerns auf einen Revolving-Kredit in Höhe von 75 Millionen Dollar abgelehnt bzw. den Kreditrahmen für den Materialankauf gekürzt hatte, sah sich Doe Run Perú gezwungen, den Gießereibereich für die Raffination von Gold, Zink, Blei und anderen Metallen bis auf weiteres auf Eis zu legen. Man verfüge nicht über die nötigen Mittel, um die für die Produktion notwendigen Konzentrate einzukaufen. Die zwischenzeitliche Stillegung der Unternehmensbereiche gefährdet die Stellen von rund 3.500 Arbeiter*innen. Nach heftigen Protesten der Belegschaft nahm der Konzern seine Entscheidung zurück, 75 Prozent der Arbeiter*innen für 30 Tage ohne Lohnausgleich freizustellen.

Doe Run Perú hatte zudem ein staatliches Darlehen in Höhe von 150 Millionen US-Dollar beantragt, um die PAMA-Auflagen erfüllen zu können. „Warum bittet der Konzern Doe Run den Staat Peru um Unterstützung mit der Begründung, er sei angeschlagen von der Weltwirtschaftskrise, obwohl er doch in den Jahren 2006, 2007 und 2008 enorme Gewinne zu verzeichnen hatte? Wenn Doe Run es nicht mehr schafft, dann soll doch eine andere Firma kommen, die sich mehr für unsere Gesundheit und für die Einhaltung der PAMA-Auflagen einsetzt“, übte Rosa Amaro, Präsidentin der Gesundheitsbewegung in La Oroya, Kritik am Konzern.

Als Doe Run Perú 1997 den Metallverarbeitungszweig in La Oroya übernahm, verpflichtete sich der Konzern dazu, in einem Zeitraum von zehn Jahren die PAMA-Umweltauflagen zu erfüllen. In dieser Zeit hätten neun Projekte ausgeführt werden müssen, darunter der Bau von Anlagen, die zur Verminderung des Schadstoffausstoßes in der Produktion beitragen sollen.

Bis heute hat Doe Run diese Auflagen nicht erfüllt. Seit Vertragsbeginn hatte der Konzern vielmehr vier Änderungen der PAMA-Auflagen sowie eine Fristverlängerung zur Erfüllung der Bedingungen im Jahr 2006 durchsetzen können. Dafür wurde die peruanische Regierung aus dem In- und Ausland heftig kritisiert, man sieht in der laschen Haltung der Regierung eine gravierende Gefährdung der Gesundheit der Menschen von La Oroya.

Die Gesundheit ist bei den meisten Einwohner*innen der Stadt sehr in Mitleidenschaft gezogen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt der für den menschlichen Organismus verträgliche Höchstwert an Blei im Blut bei 10 mcg/dl (Mikrogramm pro Deziliter Blut). Doch die Menschen aus La Oroya erzählen von einer ganz anderen Realität: „Mein Mann hatte einen Bleigehalt von 89 mcg/dl im Blut. Er hat Schmerzen im Knie, ständig nimmt er dagegen das Medikament Diclofenac und geht trotzdem arbeiten. Wir werden ausgebeutet. Ich habe einen Bleigehalt von 90 ug/dl im Blut“, erzählt eine Hausfrau aus La Oroya Antigua, einer Siedlung, die direkt neben dem Metallverarbeitungsbetrieb liegt. Aus Angst vor Repressalien des Konzerns möchte sie ihren Namen nicht nennen.

„Doe Run behauptet, der Bleigehalt komme nicht von der Verschmutzung durch die Industrie, sondern aus dem Boden, durch mangelnde Hygiene und weil die Menschen sich nicht die Hände vor dem Essen waschen“, berichtet eine weitere Nachbarin, bei deren vierjähriger Tochter bereits ein Bleigehalt von 44 mcg/dl im Blut nachgewiesen wurde. Als das Mädchen drei Jahre alt war, stellte man bei ihr einen Bleigehalt von 63 mcg/dl im Blut fest. Sie kam in eine Gruppe von Kindern mit erhöhten Bleiwerten, die in Casaracra, etwa 30 Autominuten von La Oroya, untergebracht sind, da dort eine geringere Schadstoffbelastung gemessen wurde. Als sie nicht mehr der extremsten Verschmutzung ausgesetzt war, sank ihr Bleiwert im Blut auf 25 mcg/dl und damit unterhalb des Grenzwerts, der die Verschickung nach Casaracra gerechtfertigt hatte. Die Verschickung der Kinder mit erhöhtem Bleigehalt im Blut wird vom Gesundheitsministerium in Kooperation mit Doe Run Perú organisiert.

Seit 1999 wurden in La Oroya von NGOs, der Generaldirektion Umweltgesundheit DIGESA, der Sozialversicherung ESSALUD und der Universität Saint Louis, Missouri, USA, Gesundheitsstudien durchgeführt. Denen zufolge haben über 99 Prozent der Kinder unter sechs Jahren einen Bleigehalt im Blut, der die Richtwerte der WHO definitiv überschreitet. Auch bei Neugeborenen wurde ein erhöhter Bleiwert festgestellt, der während der Schwangerschaft durch die Plazenta übertragen wird.

Örtliche, regionale und nationale Gesundheitsbehörden zeigen sich von den Resultaten unbeeindruckt. Im Jahr 2002 trat eine Gruppe von Einwohner*innen aus La Oroya an das Verfassungstribunal zur Vollzugsklage gegen das Gesundheitsministerium MINSA (Tribunal Constitucional de Acción de Cumplimiento contra el Ministerio de Salud) heran. Im Juni 2006 erließ dieses Tribunal ein Urteil gegen das Gesundheitsministerium. Es solle unter anderem für den Entwurf und die Umsetzung eines „Notfallplans für die Gesundheit der Bevölkerung” der Stadt La Oroya sorgen. Eine Frist von 30 Tagen wurde gewährt, doch bis zum heutigen Tag ist nichts unternommen worden. Auch der Interamerikanische Gerichtshof empfahl am 31. August 2007 dringende Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung gegen die Verschmutzung.

Nun hat am 2. April eine Gruppe von 15 Bergwerksunternehmern aus dem Landesinneren Perus Doe Run ein Kredit-Rettungspaket in Höhe von 175 Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt. Dafür wurden zwar keine staatlichen Mittel verwendet, doch die Regierung bewilligte eine Verlängerung der Frist zur Erfüllung der PAMA-Auflagen bis 2010.

In einem am 7. April veröffentlichten Bericht fordern in La Oroya ansässige Unternehmen von der Regierung zum einen die Erfüllung der PAMA-Forderungen, darüber hinaus außerdem eine „drastische Begrenzung der Schadstoffausstöße gemäß den internationalen Richtlinien, um die Gesundheit der Bevölkerung von La Oroya nicht weiter zu gefährden. Darüber hinaus fordern wir eine Beseitigung der bisher entstandenen Umweltschäden sowie medizinische Versorgung für alle Betroffenen“.

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