Rätselhaftes Sterben von Grauwalen

Grauwal im mexikanischen Baja California 2019. Foto: Flickr/Gregory Smith (CC BY-SA 2.0)

(Mexiko-Stadt, 3. April 2021, desinformémonos).- Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat eine große Anzahl an verstorbenen Grauwalen (Eschrichtius robustus) in den Jahren 2019 und 2020 an der nordamerikanischen Pazifikküste festgestellt. Außerdem wurden mehrere Exemplare mit Gewichtsverlust entdeckt, was darauf hindeutet, dass ein Mangel an Nahrungsmitteln entlang der Wanderroute der Meeressäuger nach Alaska einer der Gründe für das Massensterben sein könnte.

Laut der im Magazin Inter-Research Science Publisher von einem internationalen Forscherteam veröffentlichten Studie wurden insgesamt 384 tote Grauwale an den Küsten Mexikos, der USA und Kanadas gefunden.

Dieses unter dem Namen UME (unusual mortality event) bekannte Phänomen ist so ähnlich bereits 20 Jahre zuvor, in den Jahren 1999 und 2000 aufgetreten. Damals wurde vermutet, dass der massenhafte Tod der Wale an einer Hungersnot gelegen haben könnte. Obwohl seitdem 20 Jahre vergangen sind, konnte die Expertengruppe keine eindeutige Schlussfolgerung ziehen und versucht noch immer festzustellen, was genau passiert ist und welche die Gründe für den Nahrungsmangel sind.

Etwa die Hälfte der in den vergangenen beiden Jahren gestorbenen Wale wurden auf mexikanischem Gebiet gefunden, die meisten im Bereich der Lagunen Ojo de Liebre und Guerrero Negro, zwei der wichtigsten Ankunftsorte der Wale im nordmexikanischen Bundesstaat Baja California.

Die riesigen Meeressäuger starben, nachdem bei ihnen zuvor bereits Zeichen von Schwäche festgestellt wurden. Mit Drohnen aufgenommene Fotos belegen den Gewichtsverlust der Wale. Diese Fotos von den mexikanischen Küsten stammen aus den Jahren 2017 bis 2019, also aus den Jahren vor dem Massensterben, das erst durch die Anfang 2021 veröffentlichte Studie bekannt geworden ist. Die Drohnenbilder zeigen Wale verschiedenen Alters und mit verschiedenen Charakteristiken: Jungwale, ältere Wale, und stillende Walkühe.

Anstieg der Wassertemperatur möglicher Grund für das Massensterben

Drohnenaufnahme einer Walkuh mit ihrem Kalb vor der Küste Kaliforniens. Foto: Flickr/NOAA Fisheries West Coast (CC BY-NC-ND 2.0)

Die Biologin Mariana Reyna, Expertin für Ozeane und Fischpopulationen der Meeresschutzorganisation Oceana erklärte, dass der Grauwal von allen Meeressäugern am meisten wandert und praktisch jedes Jahr zweimal die gesamte Pazifikküste Nordamerikas zurücklegt. Auf dieser Strecke von etwa 9.000 Kilometern suchen die Wale nach Nahrung und kommen dabei nah an die Küsten und flache Gewässer. „Sie ernähren sich auf dem gesamten Weg von wirbellosen Tieren. Das machen nicht alle Wale, der Grauwal ist da atypisch. Deshalb müssen sie nahe der Küsten schwimmen“, so die Expertin.

Obwohl die Gründe für das Massensterben noch unbekannt sind, gehen Forscher*innen wie Jorge Urbán Ramírez davon aus, dass der Anstieg der Wassertemperatur einer der Gründe ist, der die Gewohnheiten und Verhalten einiger Spezies beeinflussen, von denen sich die Wale ernähren. Der Forscher der Autonomen Universität Baja California Sur ist einer der Autoren der Studie. Laut Urbán Ramírez ist die Population der Grauwale in nur vier Jahren um 30 Prozent zurückgegangen, von 27.000 auf 20.000 Exemplare.

Auch Mariana Reyna sucht nach Hinweisen auf die Gründe für den Nahrungsmangel: „Viele der wirbellosen Tiere, von denen sich die Grauwale ernähren, befinden sich in der Mitte der Nahrungskette. Interessant ist, was am Anfang dieser Kette passiert. Es könnten Temperaturunterschiede sein, die etwa das erste Glied der Kette, pflanzliches Plankton, beeinträchtigen.“

Auch wenn man noch nicht den Gewichtsverlust der Wale erklären könne, fügt Reyna hinzu, könne dies doch mit einer Verringerung der Fülle der Organismen zusammenhängen, die entlang der gesamten Wanderroute der Wale leben und von denen diese sich ernähren. Der schlechte Gesundheitszustand und die hohe Sterberate der Grauwale könnte ein klarer Hinweis auf den Zustand der Ökosysteme sein, durch die die Wale wandern. „Der Grauwal könnte als Hinweisgeber auf die Qualität der Ökosysteme dienen, darauf, wie das Ökosystem entlang der gesamten Migrationsroute funktioniert“, so die Expertin.

Wie der Kreislauf der Grauwale betroffen ist

Die mexikanischen Lagunen sind geschützte Orte, an denen die Grauwale zusammenkommen und sich fortpflanzen. Die riesigen Säugetiere kommen zu Beginn des Winters im Dezember an die mexikanischen Küsten und verlassen diese zu Frühlingsbeginn. Im Golf von Kalifornien finden sie die idealen Bedingungen für Nahrung und Temperatur und können sich zudem besser vor möglichen Angriffen der Orcas schützen.

„Man kann sie eigentlich als mexikanische Wale bezeichnen, weil die meisten Walkälber in Mexiko geboren wurden“, so die Biologin Mariana Reyna. Die Wale, die sich im Vorjahr gepaart haben, gebären auf mexikanischem Gebiet, dort bilden sich auch neue Paare und der Kreislauf wiederholt sich.

Obwohl sich die Forscher der Studie von dem Verlust der Körpermasse besorgt zeigen, scheint dieser Rückgang nicht allzu drastisch gewesen zu sein und hatte deshalb keine tödlichen Auswirkungen auf die weiblichen Wale. Diese zeigen sogar den geringsten Gewichtsverlust, allerdings „könnte ihre Reproduktionsfähigkeit zurückgegangen sein, indem die Erholungszeit nach dem Abstillen immer länger wird“. Die Autoren des Berichts glauben, dass dies die geringe Anzahl der Walkühe mit ihren Kälbern erkläre könnte, die 2018 und 2019 in der Lagune San Ignacio beobachtet wurde.

Ein weiteres Fazit aus der Studie bezieht sich auf die die heranwachsenden Wale und Jungtiere, die mit deutlich weniger Energie an die mexikanischen Küsten kommen. Es wird vermutet, dass ihre eingeschränkte körperliche Kondition die Wale bereits nahe an ihrer Überlebensgrenze gebracht haben könnte. Das könnte den hohen Anteil dieser Jungwale an den 384 tot aufgefundenen Walen 2019 und 2020 erklären.

Laut Reyna reproduzieren sich Wale nicht, wenn sie nicht über ausreichend Energiereserven verfügen, die wiederum mit einer Zunahme an Gewicht und Umfang zusammenhängen. „Wir passen gut auf sie auf, aber wenn ihre Ernährungsbedingungen nicht gut sind, ist das sehr gefährlich“, so die Biologin.

Da nicht wirklich klar ist, was mit den Walen passiert ist, sind weitere Untersuchungen notwendig. Der wissenschaftliche Artikel betont, dass die Ursache für den Verlust an Körpermasse unbekannt ist. Es wird lediglich erwähnt, dass die Entkräftung „wahrscheinlich zum ungewöhnlich hohen Walsterben 2019 und 2020 beigetragen hat“.

Unabdingbare Spezies im Pazifik

Der riesige Wassersäuger ist eine unabdingbare Spezies im nordamerikanischen Pazifikraum, weil er nicht nur ein wichtiges Glied im ökologischen Gleichgewicht seines Lebensraums darstellt, sondern auch weil er eine „Vorzeigespezies“ ist – und indem er die Aufmerksamkeit von Projekten erregt, die sich für seinen Schutz einsetzen, kommt dies auch dem Schutz vieler anderer Tiere zu Gute.

„Die lokalen Gemeinschaften sind sich bewusst, wie wichtig es ist, die Wale zu schützen. Diese Veränderung der Sichtweise von den Gesellschaften, die vom Tourismus leben, war wichtig“, betont Reyna. „Es wäre sehr traurig“, ergänzt sie, „wenn wir einen Rückgang der Population der Grauwale in der Zukunft beobachten müssen“ – aus Gründen, die sich nicht direkt durch ihren Schutz beeinflussen lassen, sondern die mit den Gefahren zusammenhängen, denen ihre Beutetiere ausgesetzt sind.

Erstveröffentlichung bei Mongabay Latam

Übersetzung: Darius Ossami

CC BY-SA 4.0 Rätselhaftes Sterben von Grauwalen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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