Pharmaindustrie: Wenn der Geldbeutel über die Gesundheit bestimmt

Bild: ContraInfo

(Santiago de Chile/Berlin, 17. Juni 2020, npla).- Armut ist der Krankmacher Nummer 1: Beengter Wohnraum, einseitige Ernährung, mangelnde Sanitäranlagen und gesundheitsgefährdende Arbeitsplätze begünstigen die Ausbreitung von Krankheiten. Die nötige medizinische Versorgung fehlt häufig. Medikamente sind nicht bezahlbar oder es gibt keine adäquaten Arzneimittel. Denn im Bereich der Krankheiten, die vor allem ärmere Menschen betreffen, wird nicht aureichend nach Medikamenten geforscht.

Für eine global gerechte Arzneimittelversorgung und sinnvolle Medikamentenforschung

Die Pharma-Kampagne des unabhängigen Dachverbandes Bundeskoordination Internationalismus BUKO setzt sich für eine global gerechte Arzneimittelversorgung und sinnvolle Medikamentenforschung ein, um das Menschenrecht auf Gesundheit zu erfüllen. Max Klein, Referent der Kampagne, erklärt, dass sich die marktwirtschaftlich orientierte Pharmaindustrie weniger am Wohlergehen und der Gesundheit aller Menschen ausrichtet als an den Gewinnaussichten, die ein neues Medikament verspricht: „Dadurch, dass Medikamente wie Autos oder Spielzeug behandelt werden, richtet sich das sehr stark nach Angebot und Nachfrage. Bei der Nachfrage geht es gar nicht so sehr darum, wie viele Leute das Medikament benötigen, sondern darum, was insgesamt für Geld in dem Ganzen steckt.“ So wird immer noch verstärkt an Mitteln gegen gewöhnliche Alterserscheinungen wie Haarausfall geforscht – statt an Präparaten, die das Leiden vieler Menschen lindern würden. In Lateinamerika etwa kämpfen viele mit „vergessenen Krankheiten“ wie Chagas, Leishmaniose oder Wurmerkrankungen. Da diese Erkrankungen aber vor allem arme Menschen betreffen, sind sie „für die globale Pharmabranche von geringem Interesse“, so Max Klein.

Endemische Verbreitung der Chagas-Krankheit, Quelle: Tomato356 via Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Überteuerte Medikamente, die sich nur wenige leisten können, stellen mittlerweile auch im globalen Norden ein Problem dar. Klein erklärt, „dass Menschen sich die Behandlung mit neuen Hepatitis-C-Präparaten nicht leisten können oder monströs teure Krebsmedikamente auf den Markt kommen, dass sogar so ein Land wie die Schweiz mittlerweile sagt: »Das können wir in der öffentlichen Struktur nicht mehr stemmen.«“

Patente und das TRIPS-Abkommen

Bringt die Pharmaindustrie ein neues patentiertes Medikament auf den Markt, so hat das jeweilige Unternehmen dann meist für 20 Jahre das Monopol auf die Herstellung und den Verkauf des Medikaments. Diese Marktexklusivität führt zu sehr hohen Medikamentenpreisen, die die Gesundheitssysteme und die privaten Geldbeutel überfordern.

Das Patentwesen wird heute nahezu weltweit durch das TRIPS-Abkommen geregelt. Dieses Abkommen zum Schutz des geistigen Eigentums ist auf Drängen der Länder des globalen Nordens seit 1994 Teil des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen GATT der Welthandelsorganisation. Vorangetrieben wurde das TRIPS-Abkommen durch die Lobbyarbeit des Intellectual Property Committee, einem Zusammenschluss von 13 US-amerikanischen Firmen, darunter vier Pharma-Konzerne.

Die über 160 WTO-Mitgliedsländer müssen das TRIPS-Abkommen in nationales Recht umsetzen. Länder, die sich nicht daran halten, müssen mit Handelssanktionen rechnen. Anfang der Nullerjahre kommt es zur Doha-Runde. Mit dem Ziel, die Länder des globalen Südens zu stärken, sollen Teile der bisherigen WTO-Abkommen neu verhandelt werden, aber 2016 gilt die Doha-Runde als gescheitert. Aufgenommen wurde 2005 jedoch ein neuer Passus, der es den Mitgliedern erlaubt, trotz Patentschutz Medikamente einzusetzen, um Krisen im öffentlichen Gesundheitswesen zu bekämpfen. Dazu gehören die Zwangslizenzen, also eine staatlich verordnete Aufhebung eines Medikamentenpatents gegen Entschädigungszahlung; die Parallelimporte, das heißt, der Staat kann Medikamente aus Ländern importieren, in denen die Patentinhaberin sie günstiger verkauft und zuletzt die generelle Befreiung von TRIPS-Verpflichtungen für die „least-developed-countries“, also „am wenigsten entwickelte Länder“.

Max Klein stellt fest, dass diese TRIPS-Flexibilität nur selten in Anspruch genommen wird, „weil der wirtschaftliche Druck immens ist. Dabei haben wir gesehen, dass zum Beipiel Brasilien, als es darum ging HIV-positive Menschen zu versorgen, durch Zwangslizenzen einen deutlichen Vorteil hatte. Wir haben in Kolumbien gesehen, da ging es bei den Zwangslizenzen um ein Krebsmedikament, dass sich dadurch auch Vorteile ergeben haben.“

„No-Free-Lunch!“ – Den Einfluss der Pharma-Industrie schmälern

Horrende Medikamentenpreise werden mit den hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung begründet. Was wirklich investiert wird, bleibt jedoch im Dunkeln. Nach Selbstauskunft geben die Pharmaunternehmen etwa 15 bis 20 Prozent ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Die Ausgaben für Marketing werden auf das Doppelte bis Dreifache geschätzt. Die Zeitschrift brand eins gibt an, dass die Pharmaindustrie in Deutschland pro niedergelassener Ärztin bzw. Arzt 35.000 Euro Marketingkosten investiert.

Rezepte ohne Markenprodukte, Foto: Medicos sin Marca

Gegen diese Einflussnahme haben sich Ärztinnen und Ärzte weltweit im No-Free-Lunch-Netzwerk organisiert. In Deutschland hat sich 2007 die Gruppe MEZIS – Mein Essen Zahl Ich Selbst – gegründet, in Lateinamerika nennen sie sich Medicos sin Marca – Ärzte ohne Marken. Dr. Rodrigo Salinas arbeitet als Chirurg und Neurologe in einem öffentlichen Krankenhaus in Santiago de Chile, lehrt dort an der Universität Chile und ist Mitglied bei Medicos sin Marca. Er stellt die Arbeit des Netzwerks vor: „Medicos sin Marca ist eine NGO, die sich dafür einsetzt, die Interessenkonflikte zwischen Ärzten und der Pharmaindustrie zu verringern. Um das zu erreichen, machen wir Öffentlichkeitsarbeit, z.B. auf Twitter oder über unsere Website. Wir organisieren Veranstaltungen, nehmen an Treffen in den Krankenhäusern teil und machen parlamentarische Lobbyarbeit, damit Gesetzesänderungen im Bereich der Bewilligung und Verschreibung von Medikamenten Thema bleiben.“

Salinas erklärt auch das Problem der Einflussnahme der Pharmaunternehmen auf die Ärztinnenschaft genauer: „Die Interessenkonflikte entstehen grundsätzlich durch den Transfer von Geldern und Geschenken von der Pharmaindustrie an die Ärzte. Das reicht von weniger wertvollen Geschenken wie Stiften und Schreibblöcken bis zu teuren Angeboten wie Auslandsreisen oder Treffen in Luxus-Resorts. Die ganze Bandbreite der Geschenke hat zum Ziel, die Produktmarken auf dem Markt zu positionieren. Das funktioniert so, dass der Arzt bei der Verschreibung eines Medikaments – bewusst oder unbewusst – jenes Markenprodukt favorisiert, das ihm durch die Geschenke einen Vorteil verschafft hat. Der größte Nachteil besteht darin, dass die Medikamente dadurch teurer werden. Das erschwert vor allem in Ländern wie Chile den Zugang.“

Unabhängigkeit und Transparenz im Gesundheitssektor

Das No-Free-Lunch-Netzwerk setzt sich weltweit für mehr Unabhängigkeit des Gesundheitssektors ein: Themen auf Fortbildungen und Kongressen, wissenschaftliche Empfehlungen an die Politik, klinische Leitlinien, die auch Medikamente empfehlen, dürfen nicht mehr durch die Pharmaindustrie direkt oder ihre Meinungsführer*innen beeinflusst werden. Um dies zu verhindern, gibt es in Deutschland bereits den MEZIS-Melder 2.0, bei dem unerlaubte Einflussnahmen der Pharmaindustrie auf Fortbildungen gemeldet werden können. Leitlinien-Watch bewertet die klinischen Leitlinien kritisch auf ihre Unabhängigkeit und macht Verflechtungen ärztlicher Autorinnen und Autoren mit der Industrie transparent.

Gegen Pharma-Vertreter*innen in Arztpraxen, Quelle: Medicos sin Marca

Auch Rodrigo Salinas von Medicos sin Marca berichtet von der Notwendigkeit, die Unabhängigkeit und die Transparenz im Pharmabereich zu erhöhen: „Einer der Vorschläge von Medicos sin Marca hier in Chile ist, dass eine Datenbank ähnlich wie in den USA aufgesetzt wird. Dafür gibt es schon einen Gesetzesentwurf, der im Parlament diskutiert wird: Pharmaunternehmen sollen dazu verpflichtet sein, die Gelder und ihre Verwendungen, die an die Ärzte fließen, offenzulegen. Ein Ziel für Medicos sin Marca ist auch, dass es den Pharmafirmen nicht mehr erlaubt ist, den Ärzten Geschenke zu machen oder ihnen Einladungen zukommen zu lassen, denn damit schaffen sie eine Verbindlichkeit. Das heißt, dass jedwede Unterstützung der Industrie uneigennützig über die wissenschaftlichen Vereinigungen laufen muss. Dort wird die Unterstützung anonym und nach Bedürfnissen verteilt und nicht nach den Interessen der Pharmaunternehmen.“

Bezahlbare und wirklich wichtige Medikamente

Die Neuordnung des Bereichs Forschung und Entwicklung ist bei vielen lokalen Ablegern des No-Free-Lunch-Netzwerkes ein wichtiges Thema: Die Forschung soll stärker öffentlich gefördert werden, damit der Pharmaindustrie nicht die Beweisführung ihrer eigenen Wirkstoffe überlassen wird. Zur Zeit wird nur etwa die Hälfte der Ergebnisse klinischer Studien veröffentlicht. Manche Erkenntnisse werden verzerrt dargestellt, unerwünschte Ergebnisse lassen Sponsoren gerne ganz unter den Tisch fallen. Schon jetzt wird ein großer Anteil der Forschung staatlich gefördert, doch das wird oft übersehen, wie Max Klein von der BUKO-Pharma-Kampagne erläutert: „Es ist ein klassisches Missverständnis, dass alles, was am Ende privat auf den Markt gebracht wird, zu 100 Prozent von dieser Firma erarbeitet wurde. Extrem viel Grundlagenforschung wird durch die öffentliche Hand finanziert und zum Beispiel an den Universitäten gemacht. Das Problem für viele ist, dass ab einem bestimmten Punkt in den klinischen Tests die Sache oftmals zu teuer wird, sodass man dann das Patent für eine verhältnismäßig geringe Summe an den privaten Pharmabereich verkauft, anstatt diese Tests selbst vorzunehmen.“

Gefordert wird mehr Investition in Forschung und Entwicklung von wirklich notwendigen und bezahlbaren Medikamenten – ohne exklusive Lizenzen, mit Open-Access-Publikationen, transparentem Datenaustausch und bedarsforientierter Prioritätensetzung. Max Klein sagt, was noch passieren müsste:Es bräuchte erstmal den politischen Willen, da wirklich dranzugehen. Und was das Patentwesen selbst angeht: Es gibt genügend Push- und Pull-Mechanismen, die man hier anwenden könnte, sei es das Ausloben von Preisen für bestimmte Meilensteine in der Forschung oder ähnliche Ansätze im zivilgesellschaftlichen Bereich. Was wir auch sehr stark versuchen zu pushen, ist der Ansatz von Delinkage, also zu sagen, man versucht den Produktpreis zu entkoppeln von dem, was als Preis für die Forschung und Entwicklung angegeben wird.“ Das könnte durch Vorabfinanzierungen oder Produktentwicklungspartnerschaften realisiert werden. Wichtig ist, die Medikamente unabhängig vom Marktprofit zu entwickeln. Denn wenn die Marktexklusivität der Hauptanreiz für die Entwicklung neuer Medikamente ist und nicht die Ausrottung vieler Krankheiten, wird die Gesundheit und das Wohlergehen aller Menschen noch lange über 2030 hinaus eine Utopie bleiben.

Zu diesem Beitrag gibt es auch einen Podcast bei Radio onda!

CC BY-SA 4.0 Pharmaindustrie: Wenn der Geldbeutel über die Gesundheit bestimmt von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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