G20-Bericht warnt vor globalem Ungleichheitsnotstand

Foto: Frank Vincentz via wikimedia commons, CC BY-SA 3.0.

(22. November 2025, Red Eco Alternativo, poonal).- Der erste von den G20 beauftragte Bericht zur weltweiten Ungleichheit wurde unter der Leitung des Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz erstellt. Darin wird aufgezeigt, dass seit dem Jahr 2000 ganze 41 Prozent des neu geschaffenen globalen Vermögens beim reichsten ein Prozent der Weltbevölkerung gelandet sind. Die beteiligten Fachleute warnen davor, dass diese Entwicklung demokratische Strukturen untergrabe, und plädieren für die Einrichtung eines „internationalen Gremiums“, das diesem Trend entgegenwirken soll. Über die Ergebnisse berichtete unter anderem das uruguayische Nachrichtenportal Caras y Caretas, das den Bericht ausführlich zusammenfasste.

Laut dem Bericht, der von einem unabhängigen sechsköpfigen Expert*innenteam erarbeitet und am 4. November den G20 vorgestellt wurde, befindet sich die Welt in einem akuten Ungleichheitsnotstand. Das Dokument wurde während des südafrikanischen Vorsitzes unter Präsident Cyril Ramaphosa in Auftrag gegeben und zeigt ein drastisches Bild: Zwischen 2000 und 2024 entfielen 41 Prozent des neu entstandenen Reichtums auf das oberste Prozent der Vermögenden, während die ärmere Hälfte der Menschheit lediglich ein Prozent erhielt. Stiglitz erläuterte gegenüber Medienvertreter*innen, dass sich eine Krise mit wirtschaftlichen und demokratischen Auswirkungen zuspitze. Ohne Gegenmaßnahmen würden die Wohlhabendsten zunehmend die Regeln bestimmen, um ihre Macht zu sichern – ein Zustand, aus dem es nur schwer wieder herauszukommen sei.

Die brasilianische Sozialwissenschaftlerin Adriana E. Abdenur, Mitautorin des Berichts, fand noch schärfere Worte. Das aktuelle Wirtschaftssystem könne für die Mehrheit weder ein würdiges Leben noch grundlegendes Wohlergehen gewährleisten. Einkommensungleichheit ziehe systematisch ungleiche Chancen, Gesundheitsrisiken und ungleichen Zugang zur Justiz nach sich.

Extrem konzentrierter Reichtum bei gleichzeitiger Verarmung

Die präsentierten Daten fallen eindeutig aus: Seit 2000 ist der Besitz des reichsten Prozents durchschnittlich um rund 1,3 Millionen Dollar pro Kopf gewachsen. Die ärmsten 50 Prozent verbuchten im gleichen Zeitraum lediglich ein Plus von 585 Dollar pro Person. Zugleich hat das Vermögen der Multimillionär*innen inzwischen 16 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erreicht – ein Rekordwert. Gleichzeitig leben laut Bericht 2,3 Milliarden Menschen in moderater bis schwerer Ernährungsunsicherheit.

83 Prozent der Staaten, in denen zusammen 90 Prozent der Weltbevölkerung leben, entsprechen der Weltbankdefinition für „hohe Ungleichheit“. Zwar haben Länder wie China manche globalen Disparitäten reduziert, doch innerhalb der Staaten selbst hat die Ungleichheit häufig massiv zugenommen. Die Gräben zwischen Globalem Norden und Globalem Süden bestehen weiterhin in großer Tiefe.

Eine Bedrohung für demokratische Systeme

Die Autor*innen des Berichts warnen, dass extrem konzentrierter Wohlstand demokratische Institutionen destabilisieren könne. Staaten mit besonders hoher Ungleichheit hätten eine siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit, demokratische Rückschritte zu erleben. Stiglitz verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Macht technologischer Plattformen: Einige wenige Multimillionäre kontrollierten heute soziale Netzwerke – den öffentlichen Raum des 21. Jahrhunderts. Algorithmen beeinflussten, was Menschen wahrnehmen und wie sie gesellschaftliche Entwicklungen einordnen.

Abdenur betonte mit Blick auf Brasilien, dass fehlende Regulierung digitaler Plattformen dort zu einer weiteren Konzentration von Vermögen beitrage und demokratische Prozesse schwäche. Dies sei allerdings ein globales Phänomen, das sowohl den Norden als auch den Süden betreffe.

Ungleichheit als dauerhaftes Erbe

Der Bericht macht deutlich, dass es sich bei der Ungleichheit nicht um ein temporäres Problem handelt. In den kommenden zehn Jahren werden voraussichtlich 70 Billionen Dollar vererbt – ein Vorgang, der die Vermögenskonzentration weiter verschärfen und soziale Aufstiegschancen zusätzlich einschränken dürfte. Abdenur warnte, dass sich die Spaltungen ohne entschlossenes Handeln noch intensivieren würden und zukünftige Generationen in noch stärker polarisierten Gesellschaften aufwachsen müssten.

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa brachte die Kernaussage auf den Punkt: Ungleichheit verletze die Menschenwürde, behindere inklusives wirtschaftliches Wachstum und gefährde demokratische Prinzipien.

Empfehlungen des Berichts

Der Bericht enthält eine Reihe konkreter politischer Vorschläge:

  • Globale Reformen: Anpassung von Steuer-, Handels- und Urheberrechtsregeln, um große Unternehmen und Vermögen angemessen zu besteuern.

  • Nationale Maßnahmen: Stärkung arbeitsrechtlicher Standards, Einführung progressiver Steuersysteme und Ausbau öffentlicher Investitionen in zentrale Dienste.

  • Internationale Kooperation: Entwicklung neuer Instrumente zur Steuerkoordination sowie für den ökologischen Wandel.

Im Zentrum steht die Forderung nach einem Internationalen Gremium für Ungleichheit (International Panel on Inequality, IPI) – nach dem Vorbild des IPCC für den Klimawandel –, das verlässliche Daten, Erkenntnisse und langfristige politische Empfehlungen bereitstellen soll.

Abdenur fasste die Lage abschließend zusammen: Das Verständnis von Ungleichheit sei eine technische Aufgabe – doch ihre Bekämpfung sei eine politische Entscheidung.

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