Die Reaktion schläft nicht

Die Aufbruchstimmung zu Jahresbeginn löst heftige Gegenreaktionen aus. Die christdemokratische Tageszeitung La Prensa hetzt, Indigene würden unter Drogen stehend, militärisch für bewaffnete Landnahmen ausgebildet. Am 13. Januar empfiehlt der rechte Senator Raúl Morales auf einer Kundgebung, die Regierung zu stürzen. Drei Tage später verüben Unbekannte einen Sprengstoffanschlag auf Präsident Salvador Allende. Das Attentat missglückt.

Währenddessen in der Welt…

Am 14. Januar werden in Brasilien sieben politische Gefangene freigelassen und ihnen die Ausreise erlaubt. Als Exil wählen sie Santiago de Chile.

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Unidad Popular startet mit Volldampf ins neue Jahr

In den ersten Januartagen 1971 beginnt die Regierung mit der Verstaatlichung der chilenischen Banken. Zugleich wird im Rahmen der Agrarreform die größte private Agrarfläche Feuerlands (173.000 Hektar) enteignet. Und ein emblematisches Wahlversprechen wird Wirklichkeit: seit dem 4. Januar erhält jedes Schulkind täglich kostenlos einen halben Liter Milch.

Währenddessen in der Welt…

Am 8. Januar entführt die uruguayische Guerillabewegung der Tupamaros den britischen Botschafter Geoffrey Jackson. Erst im September wird Jackson wieder freikommen.

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Startschuss für Verstaatlichung des chilenischen Bankwesens

Am 29. Dezember, verkündet die Regierung im Rundfunk ein verspätetes Weihnachtsgeschenk: die Verstaatlichung des Bankwesens. Zwei Tage später verstaatlicht die Regierung die größte Kohlemine des Landes im südchilenischen Lota.

Währenddessen in der Welt…

Am 31. Dezember verklagt Paul McCartney die übrigen vier Mitglieder seiner Band, um eine legale Auflösung der Beatles zu erzwingen. Der Rechtsstreit sollte länger dauern als die Regierungszeit der Unidad Popular…

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Verfassungsänderung soll Bodenschätze vergesellschaften

Präsident Salvador Allende legt dem Kongress eine Verfassungsänderung vor, die dem chilenischen Staat eine absolute, exklusive, unveräußerliche und unantastbare Herrschaft über alle Bodenschätze garantiert. Sollte der Kongress zustimmen, wäre der legale Grundstein für die Enteignung aller ausländischen Bergbauunternehmen gelegt.

Währenddessen in der Welt…

Am 23. Dezember wird der französische Journalist Régis Debray, ein ehemaliger Begleiter Che Guevaras, in Bolivien nach dreijähriger Haft freigelassen. Debray reist nach Chile aus.

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Sendestart des Musikprogramms Música libre

Am 15. Dezember feiert im staatlichen TV-Kanal TVN die Musik-Sendung Música libre ihr Debüt. Die Show richtet sich an ein junges Publikum und wird moderiert von Musikproduzent Camilo Fernandéz, einem wichtigen Wegbereiter der chilenischen Neofolklore.

Währenddessen in der Welt…

Die BRD und die DDR unterzeichnen in der selben Woche ein Transitabkommen für den zivilen Transport von Gütern und Personen zwischen beiden Ländern.

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Nie gekannte Einigkeit

Der Gewerkschaftsdachverband CUT und die regierende Unidad Popular einigen sich über Gehalts- und Arbeitsrechtsreformen. Die Christdemokratische Partei (DC) gibt bekannt, die Verstaatlichung des Bankwesens zu unterstützen. Und die Kommunistische Partei (PC) ist offen für Gespräche mit der Bewegung der revolutionären Linken (MIR), um eine gemeinsame Unterstützung der Regierung auszuloten.

Währenddessen in der Welt… Am 7.

Dezember wird in Polen der Warschauer Vertrag unterzeichnet, der die Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland normalisieren soll. Beim Besuch im ehemaligen Warschauer Ghetto lässt sich Willy Brand als Demutsgeste am Ehrenmal für die Toten auf die Knie fallen, ferner bekannt als „Kniefall von Warschau”.
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Wachsende Produktion, sinkende Einnahmen

Die chilenische Industrieproduktion wächst in der ersten Jahreshälfte um acht Prozent. Bis Jahresende werden 12 Prozent Wachstum prognostiziert. Wegen des niedrigen Kupferpreises droht dennoch ein Haushaltsdefizit von 150 Millionen US$.

Währenddessen in der Welt…

Am 1. Dezember legalisiert Italien die Ehescheidung, trotz vehementem Protests der Katholischen Kirche. Am gleichen Tag wird in Mexiko Luis Echeverria Alvarez als Präsident vereidigt. Als Innenminister war Echeverria 1968 maßgeblich verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Studierendenproteste am Vorabend der Olympischen Sommerspiele.

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Die Allende-Doktrin

Am 28. November verkündet die UP-Regierung die Gehälter aller chilenischen Arbeiter um 66% zu erhöhen. Zugleich wird erstmals die Enteignung ausländischer Unternehmen programmatisch begründet: Alle Länder der sogenannten Dritten Welt hätten dazu ein Recht, um ihre Schuldenlast zu senken und eine exzessive Bereicherung zu verhindern. Die internationale Presse spricht fortan von der „Allende-Doktrin“.

Währenddessen in der Welt…

Am 29. November wird unter dem Titel „Taxi nach Leipzig” die erste Folge der Krimiserie Tatort im bundesdeutschen Fernsehen ausgestrahlt.

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USA und Chile auf Konfrontationskurs

Die chilenische Regierung enteignet die Tierfutterfirma Purina und den Armaturenhersteller Nibsa – beide anteilig von US-Kapital kontrolliert. Grund für die staatliche Intervention ist der unrechtmäßige Ausschluss von Arbeitenden. Etwa zur gleichen Zeit stellt die CIA-Gruppe „Operation 40” bis Jahresende 750.000 US$ für verdeckte Aktionen in Chile zur Verfügung.

Währenddessen in der Welt… Am 17.

November setzt die sowjetische Raumsonde Luna 17 das erste Mondfahrzeug mit Fernsteuerung Lunochod 1 auf dem Erdtrabanten ab. In der gleichen Woche lässt sich der US-amerikanische Erfinder Douglas C. Engelbart die Entwicklung der Computermaus patentieren.

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Kuba und Chile auf Annäherungskurs

Nachdem bereits am 8. November in La Legua, einem Stadtteil Santiagos, die erste Che-Guevara-Statue der Welt eingeweiht wurde, legt die Regierung nun auf diplomatischen Parkett nach. Präsident Allende nimmt wieder offiziellen Beziehungen zu Kuba auf, die von der rechten Vorgängerregierung 1964 eingestellt wurden. Die USA protestiert.

Währenddessen in der Welt…

Im Schweizer Kanton Zürich stimmt bei einer Volksabstimmung die Mehrheit für die vollständige politische Gleichberechtigung von Mann und Frau. Im Kanton Solothurn stimmte ebenfalls die Mehrheit für eine Verfassungsänderung, um das Frauenstimmrecht- und wahlrecht einzuführen.

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Amtsantritt Allendes als 31. Präsident Chiles

Am 3. November tritt Salvador Allende offiziell sein Amt an. Im 15-köpfigen Kabinett sind erstmals auch „vier Arbeiter” vertreten. Für Frauen ist bis zur Ernennung Mireya Baltras im Juni 1971 in diesem „Männerverein“ zunächst kein Platz.

Währenddessen in der Welt…

Im irischen Belfast wird Emma Groves bei Hausdurchsuchungen der British Army von einem Gummigeschoss im Gesicht getroffen und erblindet. Als Menschenrechts-Aktivistin kämpft sie in den kommenden Jahren für ein Verbot dieser Munition – leider erfolglos.
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Ermittlung nach Attentat

Am 26. Oktober erkennt der Fahrer von General Schneider zwei Täter des tödlichen Anschlags bei einer Gegenüberstellung wieder. Am 28. Oktober wird der Vordenker des Verbrechens, General Roberto Viaux Marambio festgenommen. Gegen mehr als 20 weitere zivile und militärische Unterstützer des Attentats wird ermittelt. Zugleich wird Carlos Prats González zum neuen Oberbefehlshaber des Militärs ernannt.

Währenddessen in der Welt…

Der seit einem Jahr eskalierende Nordirlandkonflikt soll mit einer Wahlreform entschärft werden. Doch die Idee das Proporzwahlrecht einzuführen, findet keinen breiten Widerhall. Am 30. Oktober kommt es in den überwiegend katholischen Vierteln Belfasts erneut zu Ausschreitungen.

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Tödlicher Anschlag auf Oberbefehlshaber Schneider

Am 22. Oktober wird René Schneider, Oberbefehlshabers des chilenischen Militärs, während einer versuchten Entführung getötet. Patria y Libertad (mit mutmaßlicher Unterstützung des CIA) versucht so die Bestätigung Allendes im Amt am 24. Oktober zu verhindern – vergeblich.

Währenddessen in der Welt…

In der BRD läuft die bis heute weltweit „erfolgreichste deutsche Kinoproduktion” (Wikipedia) an: der Schulmädchen-Report. Daimler-Benz meldet die derweil die Entwicklung eines Airbags beim deutsche Patentamt an.

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Bedingungen der Christdemokraten für die Wahl Allendes erfüllt

Am 14. Oktober berichtet die Kolumnistin Virginia Prewett von geheimen Absprachen südamerikanischer Staaten. Die brasilianische Militärregierung habe dazu aufgerufen, die Zusammenarbeit mit Chile zu beenden, solle Allende tatsächlich sein Amt antreten. Das brasilianische Außenministerium dementiert. In der gleichen Woche bestätigt das chilenische Parlament eine Verfassungsreform, die alle künftigen Regierungen zur Wahrung ziviler, ökonomischer und kultureller Rechte verpflichtet. Die Gesetzesänderung war eine Bedingung der Christdemokraten (DC), um Allendes anstehende Nominierung als Präsident zu unterstützen.

Währenddessen in der Welt…

Im kanadischen Vancouver findet am 16. Oktober ein Benefizkonzert zur Unterstützung der Anti-Atomtest-Kampagne der „Aktion Greenpeace” statt. Das Event gilt als Startschuss einer Umweltinitiative, die im folgenden Jahr zur Gründung der Umweltschutzorganisation Greenpeace führt.

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Allende vom Kongress bestätig

Aller Sabotage zum Trotz: Am 5. Oktober wird die Kandidatur Salvador Allendes vom Kongress mit 271 Fürstimmen, 191 Gegenstimmen und 91 Enthaltungen angenommen. Unterdessen steigt die Zahl extremistischer Anschläge auf neun. Senatspräsident Tomás Pablo sorgt mit einem Gerücht für Aufruhr: der chilenische Militärattaché in Ungarn habe vor 40 Guerilleros gewarnt, die bereit seien nach Chile zu reisen, um Allende als bewaffneter Arm zu unterstützen. Die noch regierenden Christdemokraten sprechen von einer „sehr schwerwiegenden“ Nachricht bis klar wird: Chile hat gar keinen Militärattaché in Ungarn.

Währenddessen in der Welt…

Am 5. Oktober stirbt die Rock- und Bluessängerin Janis Joplin an einer Überdosis Heroin in Los Angeles, USA. Sie war eine der Symbolfiguren der Hippibewegung. Mit ihrem Tod tritt Joplin in den sogenannten „Klub 27” ein, dem Künstler*innen angehören, die mit 27. Jahren ums Leben kamen, u.a. Brian Jones und Jimi Hendrix.

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Falsches Spiel wird aufgedeckt

Die Attentäter der Gruppierung BOC werden vom Untersuchungsrichter als Ultrarechte identifiziert. Die Attentate sollten die Linke in Misskredit bringen. Unter ihren Mitgliedern ist auch der Sohn des geschädigten Bänkers Yarur Banna. In der gleichen Woche erfolgen weitere Anschläge auf zwei europäische Banken und die chilenische Börse.

Währenddessen in der Welt…

Die „Pille danach” bekommt Rückenwind: Eine Resolution der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie vertritt die Auffassung, dass individuelles Leben erst nach 13 Tagen nach der Befruchtung beginne.

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Anschläge vor Allendes Vereidigung

Am 26. September erfolgen zeitgleich Anschläge auf das Stromnetz, Supermärkte und den Wohnsitz von Jorge Yarur Banna, Präsident der Banco de Crédito e Inversiones (BCI). Zur Tat bekennt sich die Brigada Obrero Campesina (BOC), eine mutmaßlich linksradikale Gruppierung. Die Attentäter werden einen Tag später von Spezialeinheiten festgenommen.

Währenddessen in der Welt…

Der Wirtschaftsminister der BRD, Karl Schiller, führt mit der Sowjetunion Gespräche über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. Bereits zuvor verhandelt eine russische Delegation in Stuttgart über die Errichtung eines LKW-Werkes von Daimler-Benz in der Sowjetunion.

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Mobilmachung gegen den Amtsantritt Allendes

Am 19. September wird Arturo Marshall, Mayor des chilenischen Heeres festgenommen, der hinter einem Mordkomplott am designierten Präsidenten Salvador Allende stecken soll. In der gleichen Woche erhält der US-Botschafter in Chile, Edward M. Korry, die Anweisung, alles in seiner Macht stehende zu tun, um den Amtsantritt Allendes doch noch zu verhindern. In den folgenden Tagen misslingt ein geplantes Attentat der Ultrarechten – ein Vorzeichen kommender Konflikte.

Währenddessen in der Welt…

In der BRD beschließt die Koalitionsregierung von SPD und FDP ein Sofortprogramm zum Schutz der Umwelt mit Maßnahmen gegen Luftverschmutzung durch Autoabgase, Insektizide und Gewässerverunreinigung.

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Rechte Reaktionen auf Wahlsieg sorgen für Spannungen

Nach Anschlägen und Sprengstofffunden demonstrieren Zehntausende für die „Verteidigung des Wahlsiegs“ der UP. Der junge Rechtsanwalt Pablo Rodríguez gründet indes die rechte paramilitärische Gruppe Patria y Libertad und droht mit Bürgerkrieg.

Währenddessen in der Welt…

n Jordanien entführt die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) ein Flugzeug und ermordet alle jüdischen Geiseln. König Hussein verhängte daraufhin das Kriegsrecht. Es ist der Beginn des Jordanischen Bürgerkriegs, auch bekannt als Schwarzer September.

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Bekanntgabe des Wahlsiegs der UP

Am 5. September um 1 Uhr morgens steht fest: Mit einem Vorsprung von nur 34.000 Stimmen gewinnt das Bündnis Unidad Popular die Präsidentschaftswahlen. Salvador Allende dankt den “anonymen Männern” […] “bescheidenen Frauen” und verspricht die „historische Verpflichtung” zu erfüllen.

Währenddessen in der Welt…

In der selben Woche löst in Jordanien ein missglückter Anschlag auf Jordaniens König Hussein einen Aufstand unter den palästinensischen Flüchtlingen im Land aus.

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24.10. 2019 Memoria en movimiento. Ein Austausch zur Erinnerungsarbeit in Chile. Offene Debatte, Berlin

2020 jährt sich zum 50. Mal die Wahl Salvador Allendes vom linken Bündnis der Unidad Popular zum Präsidenten Chiles. Sein Amtsantritt war zugleich der Beginn eines Weges, der das Land in den demokratischen Sozialismus führen sollte. Doch der gesellschaftliche Aufbruch wurde nach nur 1000 Tagen von einem Militärputsch brutal gestoppt.

Was bleibt vom Chile der Unidad Popular? Wie und was sollten wir im kommenden Jahr erinnern? Welche gesellschaftlichen Projekte jener Zeit sind aktuell geblieben? Welche Impulse für die politische Arbeit können heutige soziale Bewegungen mitnehmen?

In einer offenen Diskussion mit dem Publikum suchen in Berlin lebende Chilenen*innen, Mitwirkende des Kulturvereins Gabriela Mistral e.V. und des Rechercheprojekts Allendes Internationale nach Antworten und Ideen für eine aktive Erinnerungsarbeit – und eine internationalistische Zukunft.

Galerie Olga Benario
Richardstraße 104
12043 Berlin-Neukölln

24.10. 2019 | 19:30 – 22:00

26.09. 2019. Internacionalist@s. 3 politische Biografien aus dem Chile Allendes. Filmabend und Debatte, Berlin.

Das Rechercheprojekt „Allendes Internationale“ dokumentiert seit 2017 internationalistische Lebensläufe aus dem Chile der Unidad Popular. In kurzen filmischen Biographien werden an diesem Filmabend drei dieser Protagonist*innen vorgestellt: eine engagierte Pädagogin aus Deutschland, ein Befreiungstheologe aus Belgien und ein anarchistischer Zeitungsverleger aus Spanien.

In den Biografien spiegelt sich die politische Vielfalt dieser Tage wieder. Selten finden sich gerade Lebenslinien, sondern meist Wollknäuele aus Überzeugungen, Zufällen, Gefühlen und Widersprüchen. Es sind Zeugnisse einer bewegten Epoche, die das historische Blickfeld erweitern und ein kritisches Korrektiv all zu kausalen Deutungsmuster liefern.]

Galerie Olga Benario
Richardstraße 104
12043 Berlin-Neukölln

26.9. 2019 | 19:30 – 22:00

19.09. 2019. Así se escribió Texte aus dem Chile der Unidad Popular. Lesung, Berlin

Die Erfahrungen der 1000-tägigen Regierungszeit der Unidad Popular wurden von der chilenischen und internationalen Presse (4. Sep. 1970 – 11. Sep. 1973) ausführlich dokumentiert. Weniger bekannt sind dagegen andere Textsorten, die von Chilen*innen und Internationalist*innen in dieser Zeit produziert wurden: Geschichten, Chroniken, Autobiographien, Gedichte. Einige Schriften wurden veröffentlicht und erreichten eine große Leser*innenschaft. Andere haben bis heute in Schubladen oder Tagebüchern geschlafen…

Wir laden alle Interessierten ein, an unserem literarischen Experiment teilzunehmen. An zwei Nachmittagen (4. und 11. September) wollen wir gemeinsam mit Euch in unterschiedlichsten Publikationen stöbern, Autor*innen kennenlernen und wiederentdecken. Wir suchen Fragmente dieser Werke aus, die neue Zugänge zu den Erfahrungen der Unidad Popular öffnen.

Mit allen Teilnehmenden werden wir diese Texte am 19. September in einer Literatenrunde in der Galerie Olga Benario präsentieren.

Literaturworkshops

4.9 und 11.9. 2019 | 17:00 – 19:00
Gabriela Mistral e.V. Kulturelle Vereinigung
Petersburger Str. 92
10247 Berlin–Friedrichshain

Öffentliche Lesung

19.9. 2019 | 19:30 – 22:00
Galerie Olga Benario
Richardstraße 104
12043 Berlin-Neukölln

12.9. 2019. Politik am Bau Die wechselhafte Geschichte des Kulturzentrums Gabriela Mistral (Santiago, Chile). Ausstellung, Berlin.

Bis heute gibt es Spuren des 1000 Tage währenden demokratischen Sozialismus in Chile. Direkt im Zentrum Santiagos findet sich ein mehr als 20.000 Quadratmeter großer Fußabdruck: das Kulturzentrum Gabriela Mistral (GAM).

Doch nur wenige kennen die knapp 50-jährige Geschichte des Gebäudes. Sie ist wie ein Brennglas des gesellschaftlichen und politischen Wandels in Chile und schreibt sich auch im Jahr 2019 fort.

Errichtet wurde der Komplex in weniger als einem Jahr, unter Beteiligung Tausender Freiwilliger, für eine UN-Konferenz im Jahr 1972. Das Chile Salvador Allendes begrüßte die Welt. Danach war der Bau ein Fixpunkt des urbanen und politischen Lebens, beherbergte Konzerträume, Ministerien und ein großes subventioniertes Restaurant. Nur 17 Monate später beendete ein Militärputsch das bunte Miteinander: die Militärjunta wählte das Gebäude als Regierungssitz und plünderte die von namhaften Künstler*innen gestifteten Werke. Nach Ende der militärisch-zivilen Diktatur diente das Gebäude als Verwaltungssitz. Im Jahr 2005 zerstörte ein Brand große Teile des Baus; Forderungen nach einem Abriss wurden laut. 2007 entschied sich die Regierung für einen Wiederaufbau, als einen offenen Ort kultureller Begegnungen. Und dennoch bleibt das GAM bis heute ein umkämpfter Raum, in dem nicht nur um Erinnerung gerungen wird, sondern auch um mehr kulturelle und politische Teilhabe.

Die Ausstellung „Politik am Bau“ sucht unter dem rostbraunen Cortenstahl der Fassade nach den sozialen Sedimenten der vergangenen fünf Jahrzehnte.

Eine Videoinstallation verwebt die Erinnerungen von Zeitzeug*innen der Unidad Popular zu einem vielstimmigen Narrativ. Wie erlebte Chile Anfang der 1970er Jahre den Bau eines neuen architektonischen Wahrzeichens? Welche persönlichen Erlebnisse verbinden die Menschen mit diesem Ort? Was bleibt? Was kommt?

Ein Zeitstrahl aus Texten und Fotos schlägt den Bogen zur Gegenwart. Von der Grundsteinlegung bis zu aktuellen Nutzungskonflikten des GAMs verbinden sich historische Momente und weniger bekannte Episoden zu einer Chronologie der Widersprüche.

Ein Guckkasten lässt die verlorenen Objekte des GAM als Phantasmen auferstehen: viele zu Zeiten der Diktatur geraubte Kunstwerke bleiben bis heute verschwunden. Von ihnen gibt es nur Fotos, die den Besucher*innen nun als holographische Projektionen wieder begegnen.

Die Ausstellung wird eröffnet am Donnerstag, 12. September um 19:30, mit einer
Einführung in die Ausstellung, einer offenen Debatte und einem musikalisch-filmischem Begleitprogramm

Galerie Olga Benario
Richardstraße 104, 12043 Berlin – Neukölln
Tel. 030 68059387

Do-Sa 15-19 Uhr und nach vorheriger Absprache unter unidadpopular@npla.de

7.9. 2019. „Jedes Leben ist eine Welt” Eine filmische Biographie von Víctor Pey. Filmvorführung, Santiago.

1939 entkommt Victor Pey dem Faschismus: Das von der chilenischen Regierung organisierte Frachtschiff Winnipeg bringt mehr als 2000 spanische Flüchtlinge von Frankreich nach Chile. Hier macht der junge Ingenieur auch seine ersten Schritte als Journalist. Während die Unidad Popular (1970-1973) regiert, kauft Pey die Zeitung El Clarín und schafft es, die Hegemonie der rechten Meinungsmonopols zu brechen. Mit dem Militärputsch von 1973 wurde die Redaktion beschlagnahmt und in ein Folterzentrum umgewandelt. Pey träumte stets davon, El Clarín wieder zu eröffnen, und bis zu seinem Tod kämpfte er um eine Entschädigung und die Rückgabe des Redaktionsgebäudes – vergeblich.

Das Forschungsprojekt „La Internacional de Allende“ interviewte Victor Pey 2017. Aus dem Material aus öffentlichen und privaten Archiven entstand die Kurzfilmbiographie eines langen Lebens, das immer am politischen Puls der Zeit war.

5.9. 2019. 1000 Tage | 6 Blicke. Fotografien aus dem Chile der Unidad Popular. Ausstellung, Berlin

Chile im September 1970. Das Land ist in Aufbruchstimmung. Gerade hat Salvador Allende die Wahlen gewonnen. Das linke Regierungsbündnis der Unidad Popular verspricht nicht weniger als den Beginn eines neuen Chiles: gutes Leben für alle, Gleichheit, Gerechtigkeit und Spaß dabei. Viele Menschen leben mit Hingabe diese Vision eines demokratischen Sozialismus – ihr gemeinsamer Weg dauert 1000 Tage.

Chilenische und internationale Fotograf*innen hielten diese Euphorie in Bildern fest. Sie dokumentierten Demonstrationen, Konzerte, Ferienkolonien, porträtierten aber auch das alltägliche Leben auf der Straße, in Armenvierteln, und Parks.

Die Ausstellung des Rechercheprojekts „Allendes Internationale“, kuratiert von Anna Susi und Pamela Cuadros, zeigt eine Auswahl dieser Momente, aufgenommen durch die Linsen von Leonore Mau, John M. Hall, Karl Jagare, Luis Poirot, Marcelo Montealegre und Silvio Tendler.

Die Fotoschau wird eröffnet am Donnerstag, 5. September um 17:30 Uhr, unter Anwesenheit zwei beteiligter Fotografen und mit einem musikalisch-filmischen Programm.

Begleitend zur Ausstellung findet am Samstag, 21. September von 10 bis 14 Uhr der Workshop „Politische blueprints. Ein Einführungskurs in das fotografische Druckverfahren der Cianotypie“ für die künstlerische und politische Arbeit statt. Die Teilnahme ist kostenfrei aber begrenzt. Mindestalter: 16 Jahre. Um eine vorherige Anmeldung unter unidadpopular@npla.de bis zum 14. September wird gebeten.

Bezirkszentralbibliothek Pablo-Neruda-Bibliothek
Frankfurter Allee 14 A 10247 Berlin – Friedrichshain

Mo-Do 10-19 Uhr; Fr 10-17 Uhr, Sa 11-16 Uhr

30.5. 2019. Valparaiso 1970-2030. Interventionen aus der Zukunft. Theater-Versammlung, Valparaiso

Valparaiso „ist so fesselnd wie der Hunger“, sagte einst der Sänger „El Gitano Rodríguez“. Auch uns fesselten die Begegnungen in der Hafenstadt. Im Theatersaal des ehemaligen Gefängnisses trafen freundschaftliche Gesten, auf politische Forderungen, vermischten sich in leidenschaftlichen Debatten feministische, libertäre und jugendliche Stimmen. Sie alle sind wichtig, um zu erinnern – und werden doch zu selten gehört.

Auf der Bühne saßen diesmal Yasna Amarales, Peter Lehmann, María José Larrondo und Alejandro „Mono” González, der auch das Transparent für die Versammlung malte. Danke nochmals an alle Beteiligten!

Aus dem Publikum meldete sich in Valparaiso auch die Viernes Por el Futuro Generation zu Wort und forderte von den regierenden Politiker*innen mehr Mitsprache ein, und zwar nicht erst in der nahen Zukunft, sondern sofort!

27.4. 2019. Lasst uns Geschichte machen! Eine Debatte über den Internationalismus der Unidad Popular. Podiumsdiskussion, Santiago

Lasst und Geschichte machen! Eine Debatte über die internationale Dimension der Unidad Popular. (Podiumsdiskussion, Corporación Cultural de Recoleta, Santiago, 27.04.19)

Allendes Internationale will die Geschichte und Geschichten der Unidad Popular auch aus der Perspektive ärmer Vierteln, in barrios, poblaciones und urbanen Landbesetzungen erkunden. Recoleta im Norden Santiagos ist eine dieser Gegenden. Die Einladung der dortigen offenen Universität (UAR) und des Kulturzentrums (CCR) war deshalb eine gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

Mit unseren Gästen Martha Elba López, Leonardo Céspedes und Víctor Klagsbrunn versuchten wir jenes chilenische Erinnerungsritual aufzubrechen, bei dem jeder Blick zurück zwangsläufig schmerzhaft seien muss. Im Theatersaal des CCR war davon jedenfalls wenig zu hören, dafür Erzählungen über Kino, Fabrikarbeiter, Guerillas und persönliche Erlebnisse von Menschen aus ganz Lateinamerika zu Beginn der 1970er. Auch das Publikum wurde aktiv und forderte, diese translokale Geschichte weiter zu erforschen.