Deutsche und mexikanische Bauern wehren sich gemeinsam gegen Genmais

von Kristin Gebhardt und Wolf-Dieter Vogel

(Berlin, 03. September 2009, poonal, Berlin) -. Es war eine Entscheidung, die für Aufregung sorgte: Kein Genmais-Anbau in Deutschland. „Es gibt berechtigten Grund zu der Annahme, dass der gentechnologisch veränderte Mais MON 810 eine Gefahr für die Umwelt darstellt”, erklärte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner im April dieses Jahres. Das vom US-Konzern Monsanto entwickelte Saatgut MON 810 dürfe bis auf weiteres nicht kultiviert werden, auch nicht zu Versuchszwecken, beschloss die CSU-Politikerin. Erste Klagen des Unternehmens wurden inzwischen abgewiesen, weitere Verfahren stehen noch aus.

Moratorium gegen Genmais in Mexiko gekippt

Wenige Wochen zuvor war auf der anderen Seite des Atlantiks ein gegenteiliger Beschluss gefallen. Nach elf Jahren hob Mexikos konservative Regierung Anfang März das Moratorium für den Anbau von gentechnologisch verändertem Mais auf. Von nun an darf das manipulierte Saatgut dort auf Versuchsfeldern gepflanzt werden. Ana de Ita vom agrarpolitischen Studienzentrum CECCAM (Centro de Estudios para el Cambio en el Campo Mexicano) in Mexiko-Stadt freut sich über den Beschluss der deutschen Landwirtschaftsministerin: „Verschiedene europäische Regierungen haben auf Forderungen aus der Bevölkerung, die gegen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel sind, reagiert. Mit der deutschen Entscheidung sind es nun in Europa mindestens sechs Staaten, in denen es solche Verbote gibt. Das hat für Mexiko große Bedeutung”.

Dass das Moratorium dagegen in ihrem eigenen Land aufgehoben wurde, sei eine Katastrophe, meint die Aktivistin. „Mexikanische Wissenschaftler beschlossen das Moratorium mit Blick darauf, dass Mexiko das Ursprungsland des Maises ist. Hier existiert eine Vielfalt, die es sonst nirgends gibt. Wir haben 59 Sorten und Tausende von zum Teil wild wachsende Arten. Von diesem genetischen Reservoir hängt die Ernährungssicherheit von Menschen und Tieren ab, und zwar nicht nur in Mexiko, sondern weltweit“.

Gentechnisch veränderte Pflanzen gefährden die Vielfalt

Gentechnisch veränderte Pflanzen gefährden die natürliche Vielfalt und die weltweite Ernährungssicherheit. So sieht es auch das Bündnis Gentechnikfreies Hohenlohe. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass in der süddeutschen Region kein genetisch verändertes Saatgut verwendet wird und Tiere nicht mit gen-modifiziertem Futter ernährt werden. Bislang baut dort noch kein Bauer diese Pflanzen an. Die zahlreichen Schweine, Puten und Rinder in der Gegend werden jedoch mit Soja gefüttert, das meist aus Brasilien und den USA kommt und gentechnisch manipuliert ist.

Nationale Grenzen spielen also in der Grünen Gentechnik keine Rolle. Ein großer Anteil der Maiszucht für Deutschland kommt aus Mexiko. Wie seine mexikanische Kollegin sieht auch Jochen Fritz vom Bündnis Gentechnikfreies Hohenlohe einen engen Zusammenhang zwischen der Situation in beiden Ländern.„Mexiko ist die Wiege des Maises. Wir werden immer wieder aus diesen Quellen schöpfen müssen und wenn die verunreinigt sind, dann haben wir hier auch keine Möglichkeit mehr, gentechnikfreies Saatgut zu produzieren. Die Abhängigkeit im Bereich Genmais ist auf jeden Fall da“, betont der Agraringenieur.

Partnerschaft zwischen Bauern aus Oaxaca und Hohenlohe

Gemeinsame Probleme, gemeinsame Ziele. Was also liegt näher, als sich zusammen zu tun. Das dachten sich die süddeutschen Bauern und Campesinos aus dem mexikanischen Bundesstaat Oaxaca. Die Geschichte begann im Sommer auf dem Festival „Rock for Nature“ in Schwäbisch Hall. Auf der Bühne standen nicht nur Bands wie die „Scorpions“ oder „Wir sind Helden“. Auch Aldo Gonzalez von der indigenen Organisation UNOSJO aus dem südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca war angereist. Er informierte die Menschen über die Probleme der Dorfgemeinschaften im mexikanischen Süden. So entstand eine neue Partnerschaft, angeregt von der deutsch-mexikanischen Initiative „Entre Campos – Zwischen Land und Leuten“.

Zweifellos sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen denkbar unterschiedlich: viele der mexikanischen Bauern besitzen gerade einmal ein oder zwei Hektar Land, auf dem sie für den Eigenverbrauch Bohnen, Mais oder Bananen anbauen. Die Hohenloher Bauern dagegen arbeiten in großen mechanisierten Betrieben, die auf eine spezialisierte Produktion ausgerichtet sind. Dennoch finden sich genug Gründe für einen intensiven Austausch. Zum Beispiel die Frage der Kontrolle über das eigene Saatgut. Die mexikanischen Campesinos können die Samen ihrer Pflanzen bislang wiederverwenden und untereinander tauschen. Die deutschen Produzent*innen sind gegenüber den Konzernen meist dazu verpflichtet, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. Nutzen sie dennoch die Samen aus eigenem Anbau, müssen sie an das Unternehmen so genannte Nachbau-Gebühren bezahlen. Auch Mexikos Bauern droht diese Verpflichtung.

Voneinander lernen

Als im Februar 2009 ein Vertreter aus der Hohenlohe in die indigenen Gemeinden reiste, berichtete er über dieses Problem. Die Mexikanerin Ana de Ita, betont den Erfolg des Besuchs: „Er konnte den mexikanischen Campesinos und Indigenen erklären, was es bedeutet, wenn der Zwang zum Kauf von Saatgut und das System der Nachbau-Gebühren in Kraft tritt. Wir Mexikaner pflanzen 80 Prozent unseres Maises und 95 Prozent unserer Bohnen mit eigenen Samen an. Eine solche Vorschrift darf es einfach gar nicht geben.

Auch die Deutschen können aus den Erfahrungen der Mexikaner*innen lernen. Jochen Fritz berichtet von einem jüngst aufgedeckten Skandal: Auf Feldern von einer Größe von 150 Hektar wurde in Baden-Württemberg leicht gentechnisch kontaminierter Mais entdeckt. Und zwar aus einem Saatgut, das in Europa gar nicht zugelassen ist. Wie aber sind dann die verunreinigten Samen ins Land gekommen? Darüber mussten sich auch mexikanische Bauern regelmäßig wundern. Denn trotz des Moratoriums wurden auch dort immer wieder solche Pflanzen gefunden. „In der südmexikanischen Sierra Juarez kamen die Lieferungen eben nicht über Futtermittel, sondern über Nahrungsmittelhilfe aus den USA. Die Landwirte haben das Korn ausgesät und wussten nicht, dass darin gentechnisch veränderter Mais enthalten war. Dem muss man vorbeugen und deswegen werden wir auch weiterhin dafür kämpfen, dass da ein Stopp gesetzt wird“.

Aktionstag in Ulm mit Aldo Gonzalez aus Mexiko

Für den 13. September rufen mehrere Organisationen unter dem Motto „Vielfalt ernährt die Welt – natürlich ohne Gentechik“ zu einem Aktionstag auf dem Münsterplatz in Ulm auf. Geplant sind eine Kundgebung, eine gentechnikfreie Tafel und andere Aktivitäten. Die Aktivist*innen fordern neben einem Anbau- und Fütterungsverbot für Agrogentechnik auch, dass Mittel statt für die Agrogentechnikforschung, für die Forschung über bäuerliche und gentechnikfreie Landwirtschaft sowie Vielfalt und Biodiversität eingesetzt werden. Mit dabei ist auch Aldo Gonzalez aus der Sierra Juarez im mexikanischen Oaxaca. Er wird in Ulm über den Kampf der indigenen Gemeinden in seiner Heimat berichten.

Tipp:

Hierzu gibts auch einen Radiobeitrag der AutorInnen:

Vielfalt ernährt die Welt – Mexikanische und deutsche Bauern wehren sich gemeinsam gegen Genmais |  im Rahmen der Kampagne: “Knappe Ressourcen? Gemeinsame Verantwortung” |

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