Wohnungslose organisieren sich und besetzen ein Stück Land

Foto: Tito Carreño/ANRed

(Santiago de Chile, 19. September 2019, anred).- „Eigentlich, brauchen wir alles“, sagt María Soledad, während ihr ein Sonnenstrahl über eine Plastikplane hinweg ins Gesicht fällt. Seit dem 1. September beteiligt Sie sich an der Landbesetzung „Violeta Parra“, in Cerro Navia, am Stadtrand von Santiago de Chile. Zusammen mit María haben rund 400 Familien ein Grundstück auf der Farm Santa Elvira besetzt. Die Vertreter*innen des Besetzungskomitees haben sich bereits mit dem Gemeinderat sowie dem staatlichen Dienst für Wohnungswesen und Stadtplanung, Serviu, getroffen. Auch zuständigen Institutionen wurden benachrichtigt.

María erzählt, dass ihre Eltern, „genauso wie die meisten Menschen hier, ihre Häuser durch die Besetzungen von Brachland errichtet haben. So entstand die Gemeinde Cerro Navia“. Maria ist praktisch Invalidin und arbeitet, wie viele der obdachlosen Besetzer*innen, auf freien Märkten. Eigentlich habe sie Kassiererin gelernt, „aber niemand stellt mich ein, weil ich mich nur mit einer Gehhilfe bewegen kann.“

Juan Caripán kämpft unermüdlich. Er ist Gewerkschaftsführer, konsequenter Umweltschützer, Koordinator der Violeta Parra-Besetzung und städtischer Mapuche, der den Prozess der Autonomie und der (Wieder-)Aneignung des Mapuche-Territoriums begleitet. Juan wirkt streng, aber offen und herzlich, wie der geborene Organisator. Er ist bereits eine Autorität, auch unter denen, die ihn haben aufwachsen sehen. Er ist ein unverbesserlicher Leser, schreit nie, doch aus seiner beruhigender Stimme sprechen tiefgehende Überzeugungen.

„Den ersten Konflikt hatten wir mit den Verwaltern des Anwesens, die versucht haben, uns illegal und mit Gewalt zu vertreiben. Das führte zur sofortige Verhaftung einiger von uns, aber das haben wir genutzt um über die Besetzung zu informieren“, erzählt Juan. „Es gibt viele Organisationen von Wohnungslosen hier in der unmittelbaren Umgebung, die Teil der Besetzung werden wollen. Das verstehen wir natürlich. Da ist einmal die Gemeindeunion (Union Comunal) der Bewohner*innen von Cerro Navia, in der etwa 1000 Familien (4000 Personen) zusammengeschlossen sind, sowie ein Mapuche-Komitee, dem etwa 500 Familien angehören. Diese Situation muss noch gelöst werden. “*

Wie funktioniert die interne Kommunikation?

„Allmählich kommen wir voran. Alle sozialen Initiativen haben im Verlaut ihres Bestehens Schwierigkeiten, die wir überwinden müssen. Zum Beispiel erstellen wir im Plenum durch demokratische Wahl einen Arbeitsplan und bestimmen verantwortliche Personen. Oft passiert es aber, dass die Abmachungen durch persönliche Andrés Figueroa Cornejo Verantwortungslosigkeiten nicht eingehalten werden.“

Mit wem verhandelt ihr über das Land?

„Wir würden gerne mit den Eigentümern verhandeln, aber die sind hier noch nicht einmal aufgetaucht. Momentan gibt es einen gemeinsamen Arbeitstisch mit der Gemeinde und mit dem staatlichen Dienst für Wohnungswesen und Stadtplanung, der auch bei einigen unserer Treffen schon anwesend war. Mit dem Serviu gibt es bereits einen vereinbarten Plan zur Eintragung in das Kataster, zur Registrierung der Haushalte und zum Eintragen beim Wohnungsministerium. Sowohl mit der Gemeinde als auch mit dem Serviu haben wir über die formalen Abläufe bei der Beantragung von Wohnraum gesprochen. Das ist das, was wir machen können, da wir wissen, dass es in Chile keine konkrete Politik für menschenwürdigen sozialen Wohnungsbau gibt. “

 

Foto: Tito Carreño/ANRed

Juan Caripán erinnert sich, dass die Gemeinde Cerro Navia, wie der größte Teil der Peripherie von Santiago, aus Landbesetzungen entstanden ist. „Hier gibt es sozusagen eine Tradition von Landbesetzungen angesichts der Notwendigkeit, ein Daches über dem Kopf zu haben. Ein Stück weiter lebte zum Beispiel der „Luchín“ aus dem Lied von Víctor Jara. Diese Gegend ist dafür bekannt, dass sich die Bewohner*innen durch gemeinschaftliche Organisation und aus eigenen Mitteln ihren Wohnort erschaffen.“

Yordy Hormazábal Mena ist müde davon, den Boden zu ebnen. Er arbeitet auf dem besetzten Gelände, damit seine Mutter und sein Bruder ein Haus bekommen. „Ich habe lange auf der Straße gelebt und bin jetzt in einem Programm zur Drogenrehabilitation in einer anderen Gemeinde. Tatsächlich hilft es mir auch bei der Entgiftung, Aufgaben in der Besetzung zu übernehmen. Für mich hat sich einiges verändert, seitdem ich hier bin.“ Auf die Frage, was sie brauchen, antwortet er:

„Unterstützung in unserem Kampf. Das Leben hat mich gelehrt, dass wir nichts erreichen, wenn wir nicht kämpfen, nicht protestieren. Die Behörden, die Politik, dieses ganze beschissene Land denkt nur an all seinen Größenwahn, niemals an uns. “

Yovanka Quizoz Gatica, die Vorsitzende des Komitees „Nuevo Comienzo“, geht hier ein und aus. Einige Familien sitzen rund um ein Brett mit einer Tischdecke darauf und essen, als sie, mit Ölspritzern übersät, die Küche verlässt. „Ich bin von Anfang an dabei, viele Monate, bevor wir uns das Gelände genommen haben.“, sagt Yovanka, während sie sich ihre Schürze umbindet. „Diese ganze Entwicklung ist neu für mich. Vielleicht finde ich deshalb viele Dinge schwierig.“ Sie ist allein erziehende Mutter, führt einen Haushalt und arbeitet zusätzlich auf verschiedenen Märkten der Gemeinde. „Wir haben hier alle einen unterschiedlichen Charakter, unterschiedliche Meinungen, aber mit den Nachbar*innen lösen wir die Dinge, weil wir mit einander sprechen.“

Was wird jetzt am dringendsten benötigt?

„Lebensmittel, Materialien zum Bau von Häusern, vielleicht auch einen Ort für das Komitee. Das heißt, Holz, Nägel, Hämmer und Sägen. Auf der anderen Seite haben wir hier in der Besetzung gesehen, dass wir Frauen stärker sind, als die Männer. Wir Frauen zögern nicht, nachts Wache zu halten, auch mit den Kindern. Wegen all den Gefahren von außen. Tatsächlich haben sie uns schon Drohnen und Polizeihubschrauber geschickt, sind damit über Besetzung geflogen. Aber Druck zu machen ist für uns der einzige Weg, um ein Zuhause zu bekommen. Wir haben nicht das nötige Geld, dass von uns gefordert wird, um auf offiziellem Wege einen Wohnort zu beantragen. Nicht einmal wenn wir uns verschulden, reicht das, um einen Antrag einzureichen. Die Häuser in Chile sind super teuer. Und meins stelle ich mir mit drei Schlafzimmern vor: eines für meinen Sohn, eines für meine Tochter und eines für mich, hier, an diesem Ort, mit Nachbar*innen, die sich unterstützen und die respektvoll miteinander umgehen.“

Foto: Tito Carreño/ANRed

Die Sonne senkt sich in Cerro Navia, Barrancas. Für das Plenum am Abend müssen sie sich noch vorbereiten und auch die Wachablösungen müssen organisiert werden. Wie schwingende Halstücher hängen die Flaggen von Chile, Wallmapu und Haiti an den Zeltplanen. Ein alter Mann erholt sich, nachdem er pausenlos Holz und Plastik zusammengehämmert hat. Der Himmel färbt sich rot.

*Am 24. September hat sich eine Gruppe Mapuche auf einem benachbarten Grundstück niedergelassen, wurde aber in der darauf folgenden Nacht von der Polizei geräumt. Der Koordinierungsrat der Besetzung „Violeta Parra“ kritisierte in scharfen Worten, dass diese weitere Besetzung nicht abgesprochen gewesen sei; die Mapuche-Familien hätten sich von ihrem Anführer Bernardino Cariceo benutzen lassen. Dieser habe nur persönlichen Nutzen aus der Besetzung ziehen wollen (Anm. der Redaktion).

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