„Der Virus nervt, und die Regierung auch!“

Schauspieler*innen beim Online-Theater Foto: Ana Tereza Cruz Behn

(Berlin, 31. Oktober 2021, npla).- Zu Hause bleiben wegen Corona, Impfstoffe sind immer noch knapp, die Rückkehr zu einem normalen Leben ist ungewiss. In Lateinamerika, vor allem in Brasilien, prägt der Virus nach wie vor den Alltag. Zwar sinkt die Inzidenz seit einigen Monaten, doch immer noch ist die Ansteckungsrate viel zu hoch, und das betrifft vor allem junge Menschen. Dazu kommt eine Regierung, die Maßnahmen gegen die Pandemie und sogar Impfungen für überflüssig hält und weiter auf Herdenimmunität setzt. Wie gehen Jugendliche damit um, dass sie nun schon mitten im zweiten Schuljahr sind, ohne dass es normalen Unterricht gibt, ohne relaxtes Beisammensein, Rumblödeln nur mit Maske, ohne gemeinsame Kreativität?

Die Online-Theatergruppe: ein kreatives Abenteuer

Im Alltag der 17-jährigen Schülerin Marina ist nichts gleich geblieben: „Früher war ich an Wochenenden immer unterwegs. Ich bin Musikerin, also bin ich oft aufgetreten oder war bei Konzerten von Freund*innen dabei. Zu Hause war ich nur zum Schlafen. Durch die Pandemie ist nun alles anders, der Alltag, mein Umgang mit Kunst… Vorher lebte ich auf der Straße und auf Konzerten. Mein Leben hat sich völlig verändert.“ Junge Menschen wie Marina brauchen Unterstützung, damit sie zu Hause nicht vereinsamen. Kunst ist ein gutes Mittel, um in dieser neuen Situation zurechtzukommen. Zum Beispiel Theater spielen. Das geht auch ohne Vorhang auf und Bühne, weiß Natalia. Sie ist Theaterlehrerin und unterrichtet in der Großstadt São Paulo an Schulen. Seit Beginn der Pandemie hat sie die Kurse ins Internet verlegt. Geschauspielert wird nun zu Hause im eigenen Zimmer, doch im Zoom treten die Kids gemeinsam auf. Es ist ein kreatives Abenteuer, erzählt Natalia: „Niemand von uns wurde ausgebildet, plötzlich online zu unterrichten. Besonders ungewohnt ist dies, wenn es um Körpersprache und unmittelbares Miteinander geht. Beim Theater suchen wir den Blick der anderen, gemeinsame Erfahrungen, nichts wird alleine gemacht. Und auf einmal ist jede und jeder allein zu Hause.“ Natalia erinnert sich, dass es nicht einfach war, den Theaterunterricht an das Online-Format anzupassen. Das Schwierigste sei, mit der Beklemmung umzugehen, die die Jugendlichen in ihren Zimmern spüren. „Sie sehnen sich nach Kontakt, sind aber alle zu Hause eingesperrt. Ich spüre, dass die Theaterstunden auch dem Dampfablassen dienen, um all‘ den Frust rauszulassen, der sich angestaut hat. Das Theater ist auch eine Art Wohlfühlort, vor allem während der Pandemie.“ Trotz Quarantäne gemeinsam Theater zu machen ist ein wichtiges Ventil im drögen Alltag. Doch der Politik ist die Förderung von Kunst und Kultur kein Anliegen. Theaterlehrerin Natalia beklagt, dass vom Staat keinerlei Unterstützung kommt und die Corona-Krise damit noch unerträglicher wird: „Es ist absurd, wie leichtfertig die Kultur links liegen gelassen wurde – just in einem Moment, in dem sie besonders wichtig ist. Derzeit muss die Kultur ohne staatliche Unterstützung auskommen, alle öffentlichen Ausschreibungen wurden schlicht eingestampft.“ Doch trotz leerer Kassen seien die Kunstschaffenden nach wie vor sehr aktiv.

Abstand halten – ein Privileg

Brasilien befindet sich noch in der dritten Corona-Welle. Täglich werden noch über 300 Menschen gezählt, die an oder mit Covid-19 gestorben sind. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Die Regierung des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro plädiert für eine Herdenimmunität durch Ansteckung – dass die Schwächeren ihr Leben riskieren, wird offenbar bewusst in Kauf genommen. Die Gouverneure der meisten Bundesstaaten setzen hingegen auf Schutzmaßnahmen, doch zumeist wenig konsequent. Die Geschäfte sind inzwischen wieder geöffnet, und Busse und Bahnen sind voll, da die meisten arbeiten gehen müssen. Homeoffice ist ein Privileg von Wenigen. In den Armenvierteln fällt es den Menschen viel schwerer, sich vor dem Virus zu schützen. Der 16-jährige Lucas berichtet vom Alltag im Stadtviertel Capão Redondo. „Vorsichtsmaßnahmen und Abstandregeln gibt es hier so gut wie nicht. Es herrscht zwar große Angst vor Corona, aber was fehlt, sind Informationen und Unterstützung, damit die Maßnahmen auch umgesetzt werden können. Hier werden weder Masken getragen, noch wird Alkohol zum Desinfizieren benutzt. Allein schon, wieviel Geld man für Alkohol zum Desinfizieren hinlegen muss, ist für die Leute hier ein Problem, deshalb wird also einfach keiner benutzt“, erzählt Lucas.

„Privatschulen sollten beim Online-Unterricht bleiben“

Die Jugendlichen in ärmeren Vierteln laufen zudem Gefahr, abgehängt zu werden. Ohne Unterstützung ist es für viele unmöglich, am Online-Unterricht teilzunehmen. Lucas hatte Glück, dass er ein Stipendium bekam: „Zu Hause haben wir kein WLAN, Internet habe ich nur über das Handy. Als dann wegen der Pandemie der Online-Unterricht begann, war dies zu teuer für mich. Aufgrund meines Stipendiums bezahlte mir die Schule einen Chip mit Internetzugang. Nur so konnte ich weiter am Unterricht teilnehmen.“ Lange Zeit waren die Schulen geschlossen, und es gab nur einen mehr schlecht als recht organisierten Online-Unterricht. Inzwischen wird wieder mehr in den Klassen unterrichtet, da sich die Schulen dem Druck der Eltern beugen. Viele Mütter und Väter haben keine Zeit, sich zu Hause um den Nachwuchs zu kümmern. Die Debatte um Schulöffnung ist allerdings kompliziert, da es öffentliche und private Schulen gibt. Dies sind in Brasilien zwei Welten: Nur wer viel Geld hat, kann sich guten, aber eben privaten Unterricht leisten. Marina, die eine Privatschule besucht, ist gegen eine Öffnung ihrer Schule und plädiert für Maßnahmen, die die soziale Lage berücksichtigen: „Ich finde, dass in einem Land wie Brasilien die Privatschulen jetzt nicht zum Präsenzunterricht zurückkehren sollten, weil sie  in der Lage sind, auch guten Online-Unterricht anzubieten – hier herrscht eben große Ungleichheit, und die öffentlichen Schulen sind mangelhaft ausgestattet.“ Deshalb sei auch guter Online-Unterricht nicht machbar, zumal der Staat öffentlicher Bildung keinen hohen Stellenwert beimesse, sagt Marina. Sie ist dafür, dass diejenigen, die es sich wegen ihres Status leisten können, zu Hause zu bleiben, dies auch tun sollten. „Andernfalls wird es noch mehr Menschenansammlungen geben, mehr Ansteckung, noch mehr Mutationen und noch mehr Chaos. Brasilien hat schon mehrere Virus-Mutationen hervorgebracht, weil es hier nie einen wirklichen Lockdown gab“, kritisiert die Schülerin.

Häusliche Gewalt nimmt zu

Ob mit oder ohne Unterricht – der Alltag der meisten Kids spielt sich seit langem zu Hause ab. Oft führt das zu neuem Streit in der Familie. Auch in Brasilien steigt die Zahl häuslicher Gewaltfälle an. Es gibt aber auch positive Beispiele, berichtet Lucas aus eigener Erfahrung: „Meine Beziehung zur Familie war schon lange schwierig. Aber all die Herausforderungen und das Mitgefühl während der Pandemie haben überraschenderweise zu einer Annäherung geführt. Statt neuer Probleme ist insbesondere die Beziehung zu meiner Mutter viel besser geworden.“ Doch die negativen Beispiele sind häufiger. Oft haben die Konflikte, die in Zeiten der Pandemie aufbrechen, auch gesellschaftspolitische Ursachen. Mal streiten Familien über das Für und Wider von Schutzmaßnahmen. Andere – insbesondere die immer zahlreicher werdenden evangelikalen Familien – streiten über Moral und den richtigen Lebensentwurf. Eine gute Freundin von Lucas leidet in ihrer Familie unter Homophobie. Vor allem ihre Großmutter hat viele Vorurteile und akzeptiert ihre Bisexualität nicht. Die Familie ist evangelikal und hat sich eines Tages versammelt, um in ihrer Anwesenheit für sie zu beten – das war eine sehr unangenehme Situation für sie. Da sie wegen der Pandemie mehr Zeit zu Hause verbringt, häufen sich solche Situationen. Lucas nennt dies ein „toxisches Ambiente“.

Küsse und Corona – das passt nicht gut zusammen

Wie Lucas klagen viele in Brasilien über eine vergiftete Atmosphäre. Und Marina ist genervt davon, dass das Liebesleben auf der Strecke bleibt. Küsse und Corona – das passt nicht gut zusammen. Es sei unmöglich, jemanden zum Kuscheln zu finden, murrt Marina: „Gerade als ich in die Oberstufe kam, ging die Pandemie los. Das war traurig, denn in dem Alter machst du neue Erfahrungen mit verschiedenen Leuten, es gibt spannende Dinge und interessante Leute an meiner Schule. Doch es kam nicht dazu, auch weil es mir nicht gelingt, online zu flirten, es funktioniert bei mir einfach nicht.“ Seit über einem Jahr habe sie nicht geküsst, und das Liebesleben finde schlicht nicht statt. Marina glaubt, dass es vielen in ihrem Alter so geht: „Meistens, wenn ein Gespräch mal intimer wurde, brach es nach einer Weile wieder ab. Alles ist eben vorübergehend und dann schnell vergessen, weil es eben nicht funkt.“ Jugendliche wie Marina und Lucas sind sehr genervt. Der unsichtbare Virus nervt genauso wie die Regierung Bolsonaro, die sie dafür verantwortlich machen, dass so wenig zur Eingrenzung der Pandemie unternommen wird.

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CC BY-SA 4.0 „Der Virus nervt, und die Regierung auch!“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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