„Das war kein Unfall, das war der Staat!“

„Es war kein Unfall, es war Korruption!“ heißt es auf einem Protestschild nach dem Metro-Unfall in Mexiko-Stadt / Foto: Erika Lozano (desinformémonos)

(Mexiko-Stadt, 4. Mai 2021, desinformémonos/desinformémonos).- „Das war kein Unfall, das war der Staat!“ war der Slogan, unter dem Dutzende Personen am 4. Mai in der mexikanischen Hauptstadt gegen Korruption und die Fahrlässigkeit der Regierenden demonstrierten. Diese sollen mitverantwortlich für den Einsturz der Metro-Linie 12 Anfang Mai sein. Die Anwohner*innen von Tláhuac und Xochimilco starteten einen Protestmarsch von der Metrostation Periférico Oriente in Richtung Olivos, wo der Unfall sich in der Nacht zuvor ereignet hatte.

Im Jahr 2012 wurde die Metro-Linie 12 in Mexiko-Stadt, deren Kostenaufwand bis dahin 26 Milliarden Pesos betrug, eröffnet. Nach Ausfällen und Zusammenbrüchen im Betrieb wurden zwischen 2014 und 2019 nochmals 765 Millionen Pesos zur Instandhaltung investiert. Trotz der Investitionen stürzte die Brücke, die die Stationen Olivos und Tezonco verbindet, am 3. Mai ein. Dabei gab es 24 Tote und mindestens 79 Verletzte.

„Die Korruption tötet!“

Während des Protests forderten die Teilnehmenden die Bestrafung derjenigen, die für den Einsturz der Metro verantwortlich waren und zudem Gelder umleiteten, damit die Metro gebaut werden konnte. Dabei wurden Parolen wie „Damen und Herren, seien Sie nicht gleichgültig, man tötet die Bevölkerung vor den Augen der Menschen“ gesungen. Auf den Bannern hieß es: „Die Korruption tötet und die Toten stellt die Bevölkerung“. Die Teilnehmer*innen der Demonstration protestierten insbesondere gegen die Fahrlässigkeit des Regierenden Bürgermeisters Marcelo Ebrard, der die Linie 2012 eingeweiht hatte.

Außerdem forderten sie die beteiligten Baufirmen dazu auf „Gesicht zu zeigen“ und, dass diejenigen „zahlen, die zahlen müssen“. Die Protestierenden machen eine ganze Reihe von Akteur*innen für den Unfall verantwortlich. Nachfolgend werden einige Zuständige für den  Bau der sogenannten „Goldenen Linie“ aufgeführt:

Marcelo Ebrard Casaubón: Als Bürgermeister des Hauptstadtdistrikts verkündete er 2007 den Bau der Linie 12, die Mixcoac mit Tláhuac verbinden sollte. Am 30. Oktober 2012 weihte er die Linie ein und versicherte, dass sie „ein vollständiges Bauwerk mit der fortschrittlichsten Technologie der Welt“ sei. Die ersten Probleme traten nur zwei Jahre nach Fertigstellung auf, wodurch elf der 20 Stationen der Linie bis 2017 geschlossen werden mussten.

Enrique Horcasitas Manjarrez: Ex-Direktor des Projekts, der sich vom Kauf der Züge distanzierte, als er sagte „Wir kümmern uns um die Gleise und die Verträglichkeit (der Züge)“. 2015 wurde seine Flucht aus Mexiko bekannt, nachdem ihm die Erteilung und Genehmigung eines Dienstleistungsvertrags über mehr als eine Million Pesos zur Last gelegt worden war. Das Ziel war es, den Bau öffentlicher Arbeiten zu überwachen, obwohl das Angebot für nichtig erklärt worden war. Horcasitas erregte außerdem Aufmerksamkeit dafür, dass er die Baufirma Ingenieros Civiles Asociados (ICA), in deren Vorstand sein Bruder saß, mit Arbeiten beauftragt hatte.

Francisco Bojórquez: Ex-Direktor der U-Bahn Mexiko-Stadt, der das Projekt zusammen mit Marcelo Ebrard präsentierte und sich mit den Architekt*innen und Ingenieur*innen traf. 2015 wurde ihm von der Kontrollstelle des Bundesdistrikts aufgrund von Unregelmäßigkeiten im Mietvertrag für die Züge der Linie 12 ein zehnjähriges Berufsverbot erteilt.

Ein Konsortium aus den Unternehmen ICA, Carso und Alstom, die verantwortlich für den Bau der „Goldenen Linie“ waren. Inzwischen sind ICA und Carso auch mit dem Bau der Strecken zwei und vier des Megaprojekts des 1525 Kilometer langen Maya-Zug beauftragt.

Bau- und Eisenbahnhilfsmittel: Der mexikanische Ableger der CAF, einem spanischen Hersteller von Schienenfahrzeugen, ist verantwortlich für den Verkauf der Züge, die auf der Linie 12 fahren.

Zertifizierungsstellen: Die Linie 12 wurde vom deutschen TÜV in Absprache mit Marcelo Ebrard zertifiziert. Der TÜV erhielt 119 Millionen Pesos für die Zertifizierung der Linie. Diese erfolgte am Tag der Einweihung, also am 20. Oktober 2012.

Joel Ortega, Direktor der U-Bahn Mexiko-Stadt: Vor den Problemen mit der Linie im Jahr 2014 bestätigte er, dass diese „bereits seit dem Start der Linie präsent sind, aber mit der Zeit akuter wurden und ein höheres Maß an Komplikation erreichten, als alle Züge ihren Betrieb aufnahmen.“

Schon seit Jahren Probleme bei der Linie 12 bekannt

Die Probleme der Linie 12 hatten sich mit dem Erdbeben von 2017 weiter verschlimmert, als Risse und Abplatzungen in den Strukturen gemeldet wurden. Anwohner*innen von Tláhuac berichteten seitdem von der Angst eines möglichen Kollapses. Jedoch reagierten die Verantwortlichen nicht. Trotz der Berichte erklärte die aktuelle Bürgermeisterin der Stadt, Claudia Sheinbaum, alle Einrichtungen der Linie würden rund um die Uhr geprüft.

Bei dem Zugunglück am Abend des 3. Mai verloren 24 Personen ihr Leben, mindestens 79 weitere wurden verletzt. Im Zuge des Protests wurden die Regierenden zudem dazu aufgefordert das Feuchtgebiet Xochimilco im Süden von Mexiko-Stadt zu schützen, wo eine bewegliche Brücke gebaut werden soll. Die Bewohner*innen von Xochimilco und Tláhuac wurden dazu aufgerufen, sich zu organisieren und ihr Gebiet vor den Megaprojekten zu schützen.

Übersetzung: Sezer Yasar

CC BY-SA 4.0 „Das war kein Unfall, das war der Staat!“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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