Das Virus der Ungleichheit

Das Stadtviertel Morro da Cruz in Porto Alegre. Foto: Augusto Paim

(Porto Alegre, 3. Januar 2022, npla).- Im März 2020 führte der weltweite Ausbruch von COVID-19 zur Anerkennung einer Pandemie durch die Weltgesundheitsorganisation. In der Folge war in sozialen Netzwerken und in den Medien oft die Rede von einem alles ausgleichenden Virus, der alle Menschen gleich betreffe, unabhängig von Wohnort, Glauben, ethnischer Zugehörigkeit oder sonstigen unterscheidenden Faktoren. Beinahe zwei Jahre später steht jedoch fest: Die Pandemie verstärkt die sozialen Ungleichheiten, die es schon vorher gab. In der „Periferia“, an den Rändern der Großstädte Brasiliens und in den Favelas, wo die ärmsten Menschen des Landes leben, hat sich Augusto Paim dazu für uns umgehört.

Gefährlich für einige, tödlich für andere

In Brasilien hat die Pandemie bis Ende 2021 über 615.000 Menschenleben gefordert. Wochen nach ihrem Ausbruch zeigten die Zahlen, dass das Virus für die Favelas tödlicher war als für die mittelständischen Viertel. In der Metropole São Paulo etwa gab es laut Gesundheitsamt im April 2020 in Vila Mariana, Morumbi und Jardim Paulista – drei Stadtviertel, die vom Wohlstand ihrer Einwohner*innen gekennzeichnet sind, viel mehr Infektionen. In armen Bezirken wie Brasilândia, Sapopemba und São Matheus hingegen waren die Infektionsraten nur halb so hoch, und dennoch starben viel mehr Menschen an COVID-19 als anderorts; für bis zu 50 Prozent der Infizierten endete die Krankheit tödlich. Nach Ansicht von Historikerin Tauá Pires, die für die Menschenrechtsorganisation Oxfam Brasil arbeitet, zeigte bereits der erste Todesfall durch das Coronavirus im Bundesland Rio de Janeiro exemplarisch, wie die Pandemie bei den unterschiedlichen sozialen Schichten auch unterschiedlich wirkte: Cleonice Gonçalves war eine Schwarze Frau, die als Haushaltshilfe arbeitete und von ihrer Chefin infiziert wurde. Sie arbeitete seit 20 Jahren für die Familie in Leblon, dem Viertel mit dem höchsten Quadratmeterpreis in Brasilien. Aufgrund des langen Fahrwegs fuhr sie nur an den Wochenenden nach Hause. Über die Ansteckungsgefahr informierte ihre Chefin sie nicht. Tauá Pires kommentiert dazu: „Cleonice musste 120 Kilometer zur Arbeit fahren, ihre Arbeitgeberin war gerade aus Italien eingetroffen, sie wurde positiv getestet und brauchte trotzdem zu Beginn der Pandemie ein Dienstmädchen.“ Diese Situation sei sinnbildlich dafür, wer während der Pandemie feiern darf, wer eine Pause machen kann und wer weiter arbeiten und Dienstleistungen anbieten muss. Tauá Pires sieht es glasklar: „Ein Teil der Bevölkerung – und dazu zählt mit Sicherheit vor allem die Schwarze Bevölkerung, die sich in den Peripherien befindet – hatte keine Wahl.“

Prekäre Lebensumstände erhöhen die Gefahr

Ein Grund für die höhere Verwundbarkeit durch das Corona-Virus in den ärmeren Vierteln Brasiliens liegt in den prekären Lebensumständen. Als Schutz gegen das Virus gelten Hygienemaßnahmen, die in der Peripherie schwierig umzusetzen sind. Wie kann man Hände regelmäßig waschen an einem Ort, der keine adäquate Wasserversorgung und Abwasserentsorgung besitzt? Die Brüder Thiago und Tandy Firmino leben in der Favela Santa Marta im Südteil der Stadt Rio de Janeiro. Sie beschweren sich darüber, wie der Staat die Menschen alleinlässt. Es ist ein Gefühl, das sie schon lang kennen, das aber während der Pandemie zu einer Katastrophe hätte führen können. „Mehrmals wurde hier in der Favela die Wasserversorgung unterbrochen“, klagen die Brüder. „Mehr als eine Woche ohne Wasser… Wie wollen wir denn da das Haus desinfizieren?“

Zuhausebleiben und Social Distancing: für viele Favela-Bewohner*innen keine Option

Auch die Versorgung mit adäquaten Hygieneartikeln war in den Favelas zu Beginn der Pandemie problematisch, denn Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind für Menschen in prekären Lebensumständen unerschwinglich. Tauá Pires fasst die Probleme zusammen: „Eine Pandemie, die Hygiene als wichtigste Präventionsmaßnahme erfordert. Hier gibt es Wassermangel! Es fehlt an sanitären Einrichtungen! Alkohol geht auch, wenn es kein Wasser gibt, aber was ist denn, wenn es auch keinen Alkohol gibt? Oder das Thema Masken. Eine Maske aus Tuch ist nicht so wirksam. Aber wer kann sich in der Favela eine FFP2- oder N95-Maske kaufen?“ Zudem ist Social Distancing in dicht bewohnten Häuschen unmöglich. In den Favelas müssen sich Familien sehr enge Wohnräume teilen. Aber das ist noch nicht alles. Quarantäne und Home-Office sind in der Pandemie, ebensowenig durchsetzbar wie sonst im Leben. In den Favelas leben nämlich viele Personen aus genau den Berufsgruppen, deren Bedeutung während der Pandemie so enorm zugenommen hat: Fahrer*innen für Lieferdienste, Krankenpfleger*innen, Arzthelfer*innen, Taxi- und Uber-Fahrer*innen usw. Auch aus Existenzangst war Zuhausebleiben schlicht keine Option.

Brasilianisches Improvisationstalent trifft auf chinesisches Vorbild

Thiago und Tandy Firmino kümmerten sich selbst um die Desinfizierung der Gassen ihrer Favela in Santa Marta, Rio de Janeiro
Foto: Instagram

Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, mussten sich die Bewohner*innen der Favelas, vom Staat alleingelassen, selbst organisieren. In Santa Marta wurde Thiago Firmino durch ein Video aus dem chinesischen Wuhan auf eine Idee gebracht. Es zeigt, wie die Straßen mit Desinfektionsmittel gereinigt wurden. Thiago recherchierte und entdeckte, dass es die chinesische Ausstattung und Bekleidung auch in Brasilien gibt. Zusammen mit seinem Bruder Tandy und anderen ehrenamtlichen Unterstützer*innen fing er an, die Gassen der Favela zu desinfizieren. Außerdem organisierten sie eine Whatsapp-Gruppe und ein Instagram-Profil, um auf diesem Weg ihre Nachbar*innen über Schutzmaßnahmen zu informieren. Sie besorgten außerdem 800 Corona-Tests, und in Zusammenarbeit mit mehreren Organisationen konnten Nahrungsmittelspenden aufgetrieben werden. Letztere waren besonders wichtig, um eine der stärksten Folgen der Pandemie bei den ärmsten Teilen der brasilianischen Gesellschaft zu bekämpfen: die Hungersnot. Tauá Pires kommentiert dazu: „Brasilien ist zurück auf der Landkarte des Hungers, mehr als 20 Millionen Menschen leiden an Hunger und Ernährungsunsicherheit.“ Das zeige deutlich, dass diese Menschen keine Alternative hatten: „Sie mussten etwas tun, und das bedeutete, nach außen zu gehen, das Haus zu verlassen und zu versuchen, irgendwie zu überleben.“

Die Jugend der Peripherie zahlt die Zeche

Für ihren Einsatz zur Bekämpfung des Coronavirus in der Favela Santa Marta und anderen Favelas in Rio de Janeiro bekamen die Brüder Firmino eine Ehrenmedaille der Stadt. Eine offizielle Anerkennung, die jedoch keine richtige Freude bereitet. Tandy betont, dass er kein Held sein will. Er möchte sich lieber auf seine eigenen Projekte konzentrieren, statt Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich der Staat erledigen sollte. Und er ist nicht allein mit diesem Gefühl. Die Organisation Oxfam Brasil und ein Kollektiv junger Menschen produzierten einen kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel A conta fica para a juventude („Die Rechnung geht an die Jugend“), der am 21. März 2021, exakt ein Jahr nach der offizielle Anerkennung der Pandemie durch die WHO, vorgestellt wurde. Der Film erzählt von den Folgen der Pandemie für jüngere Menschen der Peripherie. Ohne die Möglichkeit, Geld zu verdienen, und ungefragt verantwortlich für die Pflege der Älteren hören diese Jugendlichen auf zu träumen und zu planen und wechseln in den „Überlebensmodus“, wie es im Film heißt. Tauá Pires von Oxfam Brasil fasst zusammen: „Die Jugendlichen in den Peripherien, in den Favelas, die Schwarze Jugend… Sie hatten nicht die Wahl, zu Hause zu bleiben, und sie hatten auch nicht die gleichen Bedingungen wie andere Jugendliche, um während der Pandemie weiter am Unterricht teilzunehmen.“ Es sei daher kein Zufall, dass die letzten beiden Abschlussjahrgänge der ENEMs, wie die jährliche Nationale Abiturprüfung Brasiliens heißt, die weißesten in der Geschichte waren. Der Anteil der Schwarzen, peripheren und Favela-Jugendlichen sei auffallend niedrig. In Bezug auf Bildung und Arbeit hätten sie durch die Pandemie die meisten Nachteile erlitten. Denn zu arbeiten ist für sie keine Wahl, sondern eine Frage des Überlebens. Im Film bezeichnen die Interviewten das Home-Office als einen Begriff der Mittelschicht, ebenso den Online-Unterricht, der während der Pandemie zur Regel gemacht wurde. In kleinen Räumen, die man mit anderen Familienmitgliedern teilt, kann man keine Ruhe zum Studieren finden. Außerdem ist die Geschwindigkeit der Internetverbindung in den Favelas vom Anbieter auf maximal zwei Megabytes beschränkt. Wie es sich langfristig auswirkt, dass sich eine ganze Generation Tag für Tag um ihre Existenzsicherung kümmern muss, statt am Unterricht teilnehmen zu können, werde sich erst noch zeigen.

Kultur gegen die langfristigen Schäden der Pandemie

Jaqueline Trindade Pereira aka Negra Jaque mit einem weiteren Mitarbeiter im Kulturzentrum „Galpao Cultural“ im Viertel Morro da Cruz, Porto Alegre. Foto: Augusto Paim

Ein strategisches Mittel, um die Auswirkungen der Pandemie bei jungen Menschen zu lindern, sind Kulturprojekte. Wir befinden uns in Morro da Cruz, einer Favela in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre. Hier haben die Einwohner*innen ein kleines Kulturhaus errichtet, das im März 2021 eröffnet wurde. Aus dem kleinen Fenster sieht man die Stadt mit ca. 1,5 Millionen Menschen und die grünen Hügel um die Favela herum. Es ist ein so genanntes Hip-Hop-Haus, von denen es in Brasilien mehrere gibt. Es sind Treffpunkte für Musik- und Kulturveranstaltungen mitten in der Favela. Während der Pandemie gewinnen diese Orte stark an Wichtigkeit. Die Pädagogin und Masterstudentin Jaqueline Trindade Pereira, als Musikerin unter dem Künstlerinnamen Negra Jaque bekannt, ist eine der Gründerinnen und koordiniert diesen Kulturort mit dem Namen Galpão Cultural. Sie erklärt ein weiteres Problem der Pandemie in der urbanen Peripherie: „Die Gewalt gegen Frauen nahm stark zu, insbesondere die häusliche Gewalt. Weil sie weniger Geld und weniger Arbeit hatten, verbrachten die Frauen mehr Zeit in den eigenen vier Wänden, wo sie den Aggressoren schutzlos ausgeliefert waren.“ Auch die Zahl der Schwangerschaften bei jungen Mädchen sei sprunghaft angestiegen. Da der Unterricht ausgesetzt wurde, seien die Mädchen mehr zu Hause geblieben. Die Schulen sind bis heute geschlossen, sodass der Galpão Cultural auch eine soziale Funktion übernimmt. Er ist zu einem Treffpunkt für Jugendliche und Kinder geworden. Am Tag unseres Besuchs kommen fünf Mädchen unterschiedlichen Alters vorbei. Sie sind begeistert. Am nächsten Tag werden sie mit Jaqueline einen Ausflug zum Schwimmbad machen. Jetzt planen sie die Details.

Unterhaltungsangebote in der Kritik

Wir reden über Diskriminierung und Rassismus. Dieses Jahr gab es einen Vorfall: Im Februar wurde ein großes Konzert in Maré veranstaltet, einem Viertel in Rio de Janeiro, das aus mehreren Favelas besteht. Die Bilder der dicht aneinandergedrängten Menge wurden im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken übertragen und sorgten für Aufruhr. Der Sänger musste auf die Polizeiwache. Dass kein Abstand bei dem Konzert gehalten wurde, findet Jaqueline Trindade Pereira kritikwürdig. Aber sie hat auch andere Anmerkungen dazu: „Niemand macht sich Sorgen, wenn ein Bus überfüllt ist. Niemand schreibt darüber, niemand kritisiert das, das beunruhigt niemanden.“ Ihrer Meinung nach geht es eher darum, dass arme Menschen keinen Spaß haben dürfen: „Das die Schwarzen, die armen Bevölkerungsschichten Unterhaltungsangebote genießen, das stört die anderen. So sehr, dass wir heute darüber diskutieren, ob wir auf den Karneval verzichten sollen. Dabei sind viele Konzerte geplant, in der Stadt sind die Plätze überfüllt von Menschen, es gibt Demonstrationen, Fußballspiele… alles, was mit Massenansammlungen zu tun hat, findet statt. Aber Hauptsache kein Karneval.“

Polizeigewalt ohne Pause

Rassistische Handlungen und Fälle von Diskriminierung haben während der Pandemie viele gewaltvolle Formen angenommen. Am 6. Mai töteten Einsatzkräfte der Polizei in Jacarézinho, Rio de Janeiro, 28 Menschen. Am 20. und 21 November starben in Salgueiro, auch Rio de Janeiro, weitere zehn Menschen aufgrund eines Polizeieinsatzes. Es handele sich um Kriminelle, sagten die Behörden. Wer sich aber mit Einwohner*innen der Favelas darüber unterhält, wird an die Willkür der Polizeigewalt an diesen Orten erinnert. Selbst Tandy aus Santa Marta, Träger der Ehrenmedaille für seinen Einsatz in der Pandemie, hat solche Erfahrungen mit der Polizei gemacht: „Sie hatten die Unverfrorenheit, hierher zu kommen, ich war mit meiner Tochter zu Hause, und sie brachen meine Tür auf. Zu Zeiten der Pandemie, ein Polizeieinsatz in Santa Marta! Sie traten meine Tür ein und hielten mir ihr Gewehr ins Gesicht!“ Dabei hatte das Oberste Bundesgericht in Brasilien Polizeieinsätze in den Favelas seit Ausbruch der Pandemie verboten. Dazu nochmal Tauá Pires: „In Zeiten der Pandemie wird die Favela nicht nur alleingelassen, sie wird belagert und angegriffen durch eine Politik, die das Eindringen in die Favelas toleriert.“ In den Favelas zeige die Militärpolizei immer noch eine kriegerische Präsenz. Deshalb halte sie es für wichtig, dieses Thema anzusprechen. Trotz des Urteils des Obersten Gerichtshofs, Polizeieinsätze in den Favelas während einer Pandemie auszusetzen, gebe es weiterhin von den Sicherheitskräften angeführte Massaker. „Nicht einfach polizeiliche Operationen, sondern Massaker!“, betont sie. Es gäbe noch vieles zu sagen über die schrecklichen Lebensumstände in den Favelas, die sich während der Pandemie verschlimmert haben, meint Tauá Pires. Man müsste zum Beispiel über die Situation der Frauen reden. Dabei will sie ihnen aber keine Opferrolle zusprechen: Vor allem als Krankenpflegehelferinnen seien überwiegend Schwarze Frauen tätig. „Mônica Calazans, eine der ersten geimpften Frauen, ist auch eine Schwarze Frau, so dass wir zwei Seiten der Medaille haben: nicht nur die Anfälligkeit der Schwarzen Frauen aus den Favelas und der Peripherie, sondern auch den Protagonismus dieser Gruppe“, ergänzt sie.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber eins steht schon fest: COVID-19 ist ein Virus, das nicht einfach verschiedene gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich trifft. Es handelt sich um ein Virus, das von Menschen mit sehr viel Geld eingeschleppt wurde und sich in einer Bevölkerungsschicht verbreitet hat, die nicht in der Lage ist, sich selbst zu schützen und zu Hause zu bleiben. Es ist ein Virus, das in der brasilianischen Peripherie das „Virus der Ungleichheit“ genannt wird.

Einen Audio-Beitrag zu diesem Thema findest du hier.

Wer die Musik der im Beitrag interviewten Musikerin Negra Jaque hören will – hier lang.

CC BY-SA 4.0 Das Virus der Ungleichheit von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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