Bandenkonflikte – Bereits über 180 Tote und Tausende Vertriebene

Selfie des 400 Mawozo-Gangleaders Lanmò San Jou, 2021
Foto: Haitian Times

(Port-au-Prince, 21. Mai 2022, la diaria).- In den letzten Wochen haben bewaffnete Bandenkonflikte die Zahl der Toten, Verletzten und Vertriebenen weiter in die Höhe getrieben. Frankreich hat die Rückkehr der Familien seiner Diplomaten und Botschaftsmitarbeiter*innen angeordnet, in der Hauptstadt wurden Schulen und Geschäfte geschlossen. Der Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Banden 400 Mawozo und Chen Mechan befindet sich im Norden der Stadt, wo seit dem 24. April ein blutiger Kampf um die Vorherrschaft ausgetragen wird. Etwa 9.000 Menschen wurden als Folge des Bandenkriegs aus ihren Häusern vertrieben.

UN-Hochkommissarin Michelle Bachelet: Gewalt in „unvorstellbarem Ausmaß“

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet zeigte sich besorgt über die „gewalttätigen Auswüchse“. Innerhalb von nur drei Wochen seien 113 Menschen verletzt, 49 entführt und 188 getötet worden, davon 92 Zivilpersonen und 96 Bandenmitglieder, 12 weitere würden vermisst, so Bachelet. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer könne viel höher sein: „Die bewaffnete Gewalt hat in Haiti ein unvorstellbares Ausmaß erreicht, vor dem wir uns nicht verschließen dürfen“.Es müssten dringend Maßnahmen zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit ergriffen werden, fuhr die Hochkommissarin fort. Es gebe Berichte über Leichenverbrennungen, Enthauptungen, Vergewaltigungen und Morde an Kindern. „Ich rufe die internationale Gemeinschaft auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um zu verhindern, dass die Situation noch weiter außer Kontrolle gerät.“ Auch die beiden Straßen, die die Hauptstadt mit dem Norden und Osten des Landes verbinden, seien von dem Konflikt betroffen, informierte Bachelet und warnte gleichzeitig vor „verheerenden langfristigen Auswirkungen auf die ohnehin schon schwierige wirtschaftliche Lage Haitis“. Die Schließung von Schulen, Krankenhäusern und Geschäften als Folge der extremen Gewalt habe zu Versorgungsengpässen geführt und komme einem Entzug von Grundrechten gleich.

Krankenhäuser und Gefängnisse überfüllt, Schulen geschlossen

Die UN-Vertretung in Port-au-Prince äußerte sich besorgt über die Lage der Kinder in Haiti. Bereits am 5. Mai waren laut UN-Angaben schon 48 Schulen, fünf medizinische Zentren und acht Märkte wegen der anhaltenden Gewalt geschlossen. UNICEF spricht von 500.000 Kindern, die seit Ende April nicht mehr zur Schule gehen können. Außerdem werden zahlreiche Kinder von den über hundert aktiven Banden rekrutiert.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen zeigt sich ebenfalls alarmiert über die jüngste Welle der Gewalt in Port-au-Prince. „Seit dem 24. April haben wir 96 Menschen mit Schussverletzungen in unseren medizinischen Einrichtungen aufgenommen“, hieß es Mitte Mai in einer öffentlichen Erklärung. Die Zahl der wöchentlich eingelieferten Verletzten habe sich verdreifacht; in der Mehrzahl handle es sich um sehr schwere Schussverletzungen, die intensivmedizinischer Behandlung bedürften. Nach Informationen des Klinikleiters werden die Ärzt*innen in 24-Stunden-Schichten eingeteilt, damit sie weniger auf der Straße unterwegs sind. „Teile unseres medizinischen Personals können die Klinik überhaupt nicht mehr verlassen. Jeder Gang auf die Straße bedeutet ein hohes Risiko.“ In ihrem Bericht schildern Ärzte ohne Grenzen exemplarisch den Fall einer Patientin mit einer Schussverletzung am Bein, die schon zwei andere Kliniken vergeblich angesteuert hatte, bevor sie in der Klinik der internationalen Hilfsorganisation behandelt wurde; das erste Krankenhaus war geschlossen, von dem zweiten wurde sie abgewiesen.

Nicht nur die Krankenhäuser sind überbelegt; auch die Gefängnisse platzen aus allen Nähten, wie Radio France International berichtet: Wo eigentlich Platz für 3.000 Inhaftierte wäre, werden über 11.000 festgehalten, davon 80 Prozent ohne Gerichtsurteil, denn auch die Gerichte arbeiten aufgrund der Gewalt nicht wie sonst: Die Beamt*innen haben Angst, zur Arbeit zu gehen. Schon im April hatten Jurist*innen in einer öffentlichen Protestkundgebung die Verlegung eines Zivilgerichts in ein sichereres Stadtviertel gefordert.

Schulen als Zufluchtsorte

„Bewaffnete 400 Mawozo-Mitglieder haben unsere Häuser in Brand gesetzt. Mehrere meiner Nachbarn wurden getötet“, erzählt Anwohner Lucién im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Zusammen mit seiner Mutter habe er sich in eine Schule in Tabarre geflüchtet. Seit dem Ausbruch des Bandenkriegs suchen Menschen aller Altersgruppen dort Unterschlupf, obwohl es weder Strom noch Wasser gibt. „Seit in Butte Boyer [im Norden der Hauptstadt] das Chaos ausgebrochen ist, leben wir hier. Sie haben mein Haus niedergebrannt und meinen Laden geplündert“, berichtet Tamoumoune. Die 38-Jährige ist mit ihren drei Kindern und einigen Habseligkeiten in der Schule eingezogen. Die haitianische Menschenrechtsinstitution OPC (Oficina de Protección al ciudadano) kritisierte, dass weder die Polizei noch die Regierung mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit gegangen sei. „Hier zeigt sich die Unfähigkeit der Behörden, mit der Situation umzugehen. Stattdessen überlassen sie die Entscheidung über Leben und Tod der Menschen den bewaffneten Banden“, so die OPC. Am 6. Mai hatten Dutzende Haitianer*innen auf den Straßen von Cul-de-Sac demonstriert und die Regierung zum Handeln aufgefordert. „Die Behörden müssen Verantwortung übernehmen. Herr Premierminister, machen Sie Ihren Job. Ich möchte, dass wir alle in unsere Häuser zurückkehren und in Ruhe leben können. Cul-de-Sac darf kein zweites Martissant werden“, erklärte ein Demonstrant. Das Stadtviertel Martissant wird bereits vollständig von Banden kontrolliert.

Entführungen an der Grenze

Die Personenbeförderung zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti liegt in der Hand zweier Busunternehmen, Metro und Caribe Tours. Anfang Mai wurde ein Metro-Bus entführt, in dem sich neben acht Haitianer*innen und dem dominikanischen Fahrer acht türkische Staatsangehörige befanden. Nach Angaben der Polizei handelte es sich bei den Entführern um Leute von 400 Mawozo. Bisher wurden nur der Fahrer und die haitianische Serviceangestellte des Busunternehmens freigelassen. Caribe Tours hat nun angekündigt, ihre Fahrten künftig ganz einzustellen, da die Sicherheit der Passagier*innen nicht mehr gewährleistet sei. Zuvor hatten Bandenmitglieder versucht, einen Bus des Unternehmens zu kapern. Die Entführung konnte durch die haitianische Polizei verhindert werden. Im vergangenen Jahr hatten 400 Mawozo-Mitglieder im nahegelegenen Croix-des-Bouquets 17 Geistliche, 16 Amerikaner und einen Kanadier, entführt und zwei Monate lang festgehalten. Am 28. April wurde der dominikanische Diplomat Carlos Guillén Tatis entführt. Er kam vier Tage später wieder frei.

Grenzzaun und Polizeigewalt

Die Regierung der Dominikanischen Republik machte deutlich, dass sie „auf keinen Fall“ Lösegeld für in Haiti entführte Menschen zahlen werde. Am 20. Februar wurde mit dem Bau eines 164 Kilometer langen „intelligenten Grenzzauns“ entlang der Grenze zwischen den beiden Ländern begonnen. „Die Dominikanische Republik kann keine Verantwortung für Haitis politische und wirtschaftliche Krise übernehmen oder die übrigen Probleme des Landes lösen“, betonte der dominikanische Präsident Luis Abinader zum offiziellen Beginn des 31-Millionen-Projekts. Mitte Mai gingen in Port-au-Prince Hunderte von Menschen auf die Straße, um gegen die Gewalt in der Hauptstadt und insbesondere gegen Entführungen zu protestieren. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Efe trieb die Polizei die Demonstrant*innen mit Schüssen auseinander.

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