Staudammprojekt mit tödlichen Folgen

Eva Castellanos (rechts) beim Festival von Paso de la Reyna / Foto: Educa

(Paso de la Reyna, 19. Mai 2021, Educa).- Jedes Jahr am 14. März, dem Internationalen Aktionstag zur Verteidigung der Flüsse gegen Staudammprojekte, feiert Paso de la Reyna seinen Fluss. Denn der Río Verde spielt eine zentrale Rolle im Leben der im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca gelegenen Gemeinde. Schon als Kinder haben die Dorfbewohner*innen eine enge Bindung zu ihrem Fluss, kommen dorthin zum Fischen und Baden, berichtet Eva Castellanos.

Doch der Fluss und damit die Lebensgrundlage von Paso de la Reyna ist in Gefahr. Seit 2006 plant die staatliche Energiebehörde CFE oberhalb des Dorfes einen Mega-Staudamm zu errichten. Fast 200 Meter hoch soll die Staumauer werden. Unterhalb des Dammes würde der Fluss dann kaum noch existieren. Und das hätte weitreichende Folgen. Denn flußabwärts würden alle Brunnen versiegen, erklärt Castellanos. Deswegen kämpft Paso de la Reyna gegen den Staudamm, bis das Projekt endgültig vom Tisch ist, ergänzt sie.

Paso de la Reyna organisiert Widerstand gegen Staudammprojekt

Als die Pläne der CFE bekannt wurden, schloss sich Paso de la Reyna mit anderen am Fluss liegenden Gemeinden zusammen. Gemeinsam gründeten sie den Rat der vereinten Dörfer zur Verteidigung des Río Verde (kurz COPUDEVER) – denn die Zeit drängte. Es kamen bereits Ingenieure und Vermesser*innen ins Dorf. Ein Machbarkeitsstudie sollte angefertigt werden. Von Umsiedlung war die Rede.

„Den Widerstand zu organisieren war nicht leicht“, erinnert sich Don Manuel an die Anfänge von COPUDEVER. Nächtelang habe man diskutiert, sich gefragt, wie mit diesen Leuten umgegangen werden soll, die ins Dorf kamen. Letztendlich wurde die Idee geboren, die Zugangsstraße zum Ort zu sperren. Das ganze Dorf kam zum Ortseingang und gemeinsam begannen sie ihren Kampf. „Mit Worten, nicht mit Waffen“, wie Don Manuel mehrmals betont.

Denn der Widerstand gegen das Staudammprojekt war immer ein friedlicher. Und Teil dieses Widerstands ist das Festival von Paso de la Reyna. Zu diesem Termin kommen die vom Staudammprojekt betroffenen Gemeinden zusammen, tauschen sich aus und koordinieren ihren gemeinsamen Widerstand.

Zunehmende Gewalt in der Pandemie

Wie wichtig das Zusammenstehen der betroffenen Gemeinden ist, machte die Corona-Pandemie deutlich. Von der staatlichen Gesundheitsversorgung abgehängt, blieb den Gemeinden nichts weiter übrig, als sich nach außen abzuschotten. Dadurch kam die Kommunikation zwischen den Verteidiger*innen des Flusses praktisch zum Erliegen. Mit tödlichen Folgen.

Ende März wurde Jaime Jiménez Ruiz, ehemaliger Dorfvorsteher und Verteidiger des Río Verde, erschossen. Doch dieser Mord ist nicht der erste, dem ein Verteidiger des Flusses zum Opfer fällt. Bereits im Januar hatten Unbekannte Fidel Heras Cruz durch mehrere Schüsse ermordet. Seit Beginn des Jahres gab es insgesamt fünf unaufgeklärte Morde in der 500-Seelen-Gemeinde.

Lokale Machthaber und Kriminelle nutzen die Pandemie aus

Philipp Gerber von der in Oaxaca ansässigen Nichtregierungsorganisation Educa begleitet seit Jahren den erfolgreichen Widerstand in Paso de la Reyna gegen das Staudammprojekt. Gerber sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der zunehmenden Gewalt in Paso de la Reyna und der Corona-Pandemie. Denn lokale Machthaber und Kriminelle versuchen, die Pandemie auszunutzen.

Seit gut einem Jahr wird am Río Verde Sand und Kies abgebaut. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten, von dem die Bewohner*innen in Paso de la Reyna allerdings nichts haben. Im Gegenteil, sie sehen ihren Fluss und sein Ökosystem in Gefahr. Deshalb bauten sich über Monate Spannungen zwischen den Verteidiger*innen des Flusses und einer in der Region sehr einflussreichen Familie auf. Nach außen ist von diesen nichts gedrungen, nicht einmal zu Gerber und seinen Kolleg*innen von Educa.

Angriffe auf Aktivist*innen nehmen in ganz Mexiko zu

Sara Méndez arbeitet für die ebenfalls in Oaxaca ansässige Organisation Codigo DH. Méndez und ihre Kolleg*innen unterstützen Menschenrechtsverteidiger*innen bei ihrer gefährlichen Arbeit. Auch sie bestätigt einen Anstieg der Aggressionen gegen diese seit Beginn der Pandemie.

Vor allem hat sich die pandemiebedingte Schließung des Justizapparates negativ ausgewirkt. Diese trifft zwar alle Mexikaner*innen gleichermaßen, wird aber im Falle von Menschenrechtsverteidiger*innen zu einer akuten Gefahr. Wegen der anhaltenden Straflosigkeit nehmen Drohungen und gewalttätigen Angriffe gegen sie zu.

Selbstorganisation gegen tödliche Straflosigkeit

Das ist auch im Fall von Paso de la Reyna so. Mehr als drei Monate nach dem ersten Mord können die Strafverfolgungsbehörden noch keine Ermittlungsergebnisse vorweisen. Von Verhaftungen ganz zu schweigen.

Angesichts der andauernden Bedrohung und der Tatenlosigkeit der Behörden haben sich die Einwohner*innen von Paso de la Reyna auf ihre Stärke, die Selbstorganisation, besonnen. In einer auf Grundlage traditionellen, indigenen Rechts einberufenen Dorfversammlung entschieden sie, Ortsfremden wieder den Zugang zum Dorf zu verweigern. Dadurch und durch aus ihrer Mitte gewählte Dorfpolizisten wollen sie selbst für die Sicherheit in Paso de la Reyna sorgen.

Zu diesem Text gibt es auch einen Audiobeitrag!

CC BY-SA 4.0 Staudammprojekt mit tödlichen Folgen von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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