Mit der Krise wächst die Armut

Coronapandemie: mehr Armut und Verschärfung sozialer Diskrepanzen
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(Buenos Aires, 12.06.2021, ANRed).- Jede Krise wird begleitet von steigender Armut. So wie das Bruttoinlandsprodukt beeinträchtigt wird, die Arbeitslosenzahlen steigen und das Lohnniveau sinkt, nimmt die Zahl der Armen und Bedürftigen in der Gesellschaft zu. In Argentinien leben derzeit 50% der formal beschäftigten Arbeitnehmer*innen mit ihren Einkünften offiziell unter der Armutsgrenze. Wie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, ist Armut bereits zu einem strukturellen, sich selbst reproduzierenden Merkmal geworden. Aktuell verschärft sich die Situation durch die Kombination von Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Inzwischen sind keine weiteren temporären Abhilfen mehr denkbar: Gerade weil sich Armut zu einem strukturellen Problem entwickelt hat, brauchen wir eine neue Herangehensweise, die auf eine strukturelle Lösung zusteuert. Seit mehreren Jahrzehnten beobachten wir die Verfestigung der  Armut als strukturelles Problem. Die seit drei Jahren andauernde Rezession, die Pandemie und ihre negativen Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit, der Verlust von Arbeitsplätzen, die hohen Lebenshaltungskosten und der Rückgang der Kaufkraft, der Renten und sonstiger Einkünfte haben die Situation weiter verschlimmert.

Mehr als die Hälfte der Kinder unter 15 von Armut betroffen

Laut dem jüngsten Bericht des Statistischen Instituts INDEC (Instituto Nacional de Estadística y Censos) waren 2020 rund 19 Millionen Menschen in Argentinien von Armut betroffen, rund drei Millionen mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen stieg auf 4,7 Millionen – 1,1 Million mehr als in den zwölf Monaten zuvor.  Das bedeutet einen Anstieg der Armutsrate von 35,5 auf 42%. Der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen stieg von 8 auf 10,5%. Würde die Armut nicht allein am Einkommen, sondern beispielsweise  auch an den Wohnverhältnissen und dem Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen (Bildung, Gesundheit, sanitäre Einrichtungen, Kommunikationsmedien) gemessen, wären sogar 47% der Bevölkerung betroffen, das entspricht 21 Millionen Menschen. Außerdem ist eine deutliche „Infantilisierungstendenz“ der Armut zu erkennen: 57,7% der Kinder unter 15 sind betroffen.  Vergleicht man diese Daten nun mit denen von 2017 –dem tiefsten Stand seit der Krise von 2002–, zeigen die Berechnungen, dass innerhalb von nur drei Jahren 7,7 Millionen Menschen in die Armut und weitere 2,6 Millionen in die Bedürftigkeit abgerutscht sind. Die quantitative Abweichung dieser Indikatoren ist wichtig, aber vielleicht noch viel wichtiger ist die Geschwindigkeit und ihr spiralförmiger Anstieg über die letzten drei Jahre. Das Erschreckendste ist jedoch, dass die verschiedenen Hilfsprogramme der Regierung die Entwicklung nicht aufzuhalten vermögen; dass die Armutsindikatoren ohne die Programme vermutlich noch höher wären, ist dabei eher ein schwacher Trost. Die angegebenen Zahlen sind Jahresdurchschnittswerte, d.h. wenn wir nur das letzte Quartal 2020 betrachten, sind die Indikatoren weitaus höher, und mit der Inflationsspirale der vergangenen Monate werden die Zahlen zweifelsohne weiter nach oben gehen.

Ursachen und Folgen

Armut und Arbeitslosigkeit sind keine natürlichen oder gottgegebenen Phänomene, sondern Folgen einer Politik, die der Logik von Akkumulation und Reproduktion von Kapital folgt; das trifft auf alle historischen Epochen zu. Die Antwort des Kapitals auf die Weltwirtschaftskrise in den 1970er Jahren bestand aus einer umfassenden Umstrukturierung des auf Massenkonsum basierenden Akkumulationsmodells zu einem selektiven und fragmentiertenModell. Allgemeines Ergebnis waren ein struktureller Rückgang der Löhne und ein weltweiter Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Am Beispiel Argentinien zeigen sich deutlich die Folgen der Kombination dieser beiden globalen Trends. In den siebziger Jahren lag die Armutsrate bei 7%. Mitte der achtziger Jahre waren es bereits 18,4 Prozent, in den neunziger Jahren kletterte sie auf 47,5% und in der Krise 2002 erreichte sie einen Rekordwert von 57,5%. In den Jahren danach fiel sie 2005 auf 32,2% und 2017 auf 31,8%, bevor sie 2020 wieder auf 42% stieg. Im ersten Quartal dieses Jahres wird die Armut aufgrund des starken Anstiegs der Inflation auf rund 45% geschätzt.

Die Ursachen dafür sind vielfältig, vielschichtig und bedingen einander: Unmittelbare Auswirkungen hat die Inflationsspirale (insbesondere die hohen Lebenshaltungskosten aufgrund der kontinuierlich steigenden Lebensmittelpreise), aber auch der Verlust von Arbeitsplätzen, die wachsende Prekarität sowie niedrige Gehälter und sonstige Einkünfte treiben die Armut in die Höhe. Jede Krise bringt neue arme und bedürftige Menschen hervor. Für Agustín Salvia, Direktor des Observatoriums der Sozialschuld der Katholischen Universität Argentiniens UCA, entwickelt sich die Armut in jeder Krise entsprechend dem Verhalten des Bruttosozialprodukts, und: „Es gibt einen gemeinsamen Nenner: Weniger Beschäftigung und geringere Qualität der Beschäftigung“.

Fakt ist, dass jede krisenartige Entwicklung einen großen Einkommenstransfer mit sich bringt, der wiederum die sozialen Ungleichheiten verstärkt. Besaßen im Jahr 2017 die reichsten 10% der argentinischen Bürger*innen noch 17-mal so viel wie die ärmsten 10%, so war es 2019 bereits das 21-fache. Regierungen kommen und gehen, aber die Armut bleibt und nimmt sogar zu. Es werden lediglich Behelfsmaßnahmen ergriffen, um die gröbsten Probleme in Schach zu halten. Das ist zwar für den Moment in Ordnung, bietet aber keine Lösung für das mittlerweile chronisch gewordene strukturelle Problem der sogenannten „sozialen Verwundbarkeit“. Ein strukturelles Problem erfordert jedoch strukturelle Veränderungen. Der Logik der Akkumulation des gegenwärtigen Kapitalismus folgend, besteht die globale Tendenz, qualitativ minderwertige und schlecht bezahlte Arbeit zu schaffen. Die Erhaltungsinvestitionen sind in der Regel kapitalintensiv und schaffen kaum neue Arbeitsplätze. Auch in Argentinien ist dieser Trend zu beobachten. In den letzten 50 Jahren stieg das Bruttoinlandsprodukt jährlich durchschnittlich um 2,4 %. Grund für dieses geringe Wachstum ist das Fehlen nachhaltiger reproduktiver Investitionen. Dazu werden dem Produktionsprozess Milliarden US-Dollar zu entzogen und Auslandsschulden angehäuft. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass diese Entwicklung sich in den kommenden Jahren wesentlich ändern wird.

Eine effektive Sofortmaßnahme wäre die Verkürzung der Arbeitstage zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Gewährung eines universellen bedingungslosen Grundeinkommens. Um für diese Idee die nötigen Mittel zu beschaffen, bedürfte es jedoch einer konsequenten Steuerreform, die diejenigen zur Kasse bittet, die am allermeisten besitzen.

 

 

CC BY-SA 4.0 Mit der Krise wächst die Armut von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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