Forstwirtschaft und Greenwashing durch FSC-Siegel

Fabrikanlage in Chile / Foto: Zwischenzeit e.V.

(Berlin, 26. August 2022, npla).- Was hat die chilenische Zelluloseproduktion mit uns zu tun? Das beleuchtet der Dokumentarfilm „Das verzweigte Aufbäumen – Von Zellstoff, Landkonflikt und Widerstand in Chile“ von Heiko Thiele, Sherin Abu Chouka und Tanja Wälty von Zwischenzeit e.V.. Der sehr informative Film ist ein Plädoyer für würdige und ökologische Produktionsbedingungen und appelliert an die internationale Verantwortung.

Der Film beginnt mit Bildern aus Berlin zu Beginn der Pandemie: ein geschlossenes Kino, eine weggeworfene medizinische Maske im Park, ein Paketzusteller mit vielen großen Kartons. „In der Corona-Pandemie häufen sich die Meldungen über erhöhten Verpackungsverbrauch und Engpässe von Klopapier,“ beschreibt die Stimme aus dem Off. Tatsächlich liegt der Papierverbrauch in Deutschland pro Person mit 250 kg pro Jahr fünf mal höher als der weltweite Durchschnitt.

Chile ist eines der wichtigsten Erzeugerländer für Zellulose

Die nächsten Aufnahmen bringen uns in den Süden Chiles, eines der wichtigsten Erzeugerländer von Zellulose. Sie zeigen eine nach Schwerindustrie anmutende Zellulosefabrik. Grauer und weißer Rauch steigt aus Schornsteinen in den Himmel, im Vordergrund gestapelte Baumstämme. Und wir sehen Straßenblockaden und brennende Barrikaden. An Brücken und Seitenbegrenzungen hängen Transparente mit Forderungen der Gewerkschaften zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pandemie. Denn im April 2020 blockierten Arbeiter*innen, die die Zellstofffabrik MAPA nahe der chilenischen Stadt Concepción ausbauen, die Straßen. Sie streikten und forderten bessere Hygienestandards und gesicherte Löhne bei Corona-Erkrankung.

MAPA ist eine der größten Zellstofffabriken Südamerikas, ein Großprojekt, das mit internationaler Beteiligung ausgebaut wird. „Auch die auf dem internationalen Markt agierenden Großkonzerne haben ihre Arbeiter*innen gar nicht geschützt“, erklärt die Filmemacherin Sherin Abu Chouka. „Sie haben Busse eingesetzt, wo sie zusammengepfercht sitzen. Es gab keine Masken, es gab keine Schutzmaßnahmen auf der Arbeit und es sollte aber weiter gebaut werden“.

Drei Viertel der Produktionsstandorte befinden sich im Wallmapu, dem Siedlungsgebiet der indigenen Mapuche

2019 waren Sherin Abu Chouka und Heiko Thiele für fünf Monate in Chile. Vor allem im Süden des Landes haben sie über die Forstwirtschaft, einen der am stärksten umkämpften Sektoren der chilenischen Wirtschaft, recherchiert und gedreht. Sie haben Plantagen, Sägewerke und Häfen besucht, mit Forstarbeitern und Führungskräften aus den Forstwirtschaftsbetrieben genauso gesprochen wie mit Historiker*innen, anderen Expert*innen und Aktivist*innen.

Drei Viertel aller Forstplantagen und Zellstofffabriken befinden sich in einem Teil des Wallmapu, des Siedlungsgebiets der indigenen Mapuche, beschreibt Filmemacher Heiko Thiele. Die Mapuche hatten sich den spanischen Kolonialherren widersetzen können. Erst im 19. Jahrhundert gelang es dem jungen chilenischen Nationalstaat mit der sogenannten „Befriedung“ der Araucanía, große Teile des bis dahin gemeinschaftlich betriebenen Landes zu erobern. Davon profitierten auch viele deutsche, schweizerische und italienische Siedler*innen, die im Süden Chiles Land erhielten.

Zwei Konzerne dominieren den Markt: Arauco und CMPC

Firmenkonsortien Arauco und CMPC dominieren Chiles Forstwirtschaft / Foto: Zwischenzeit e.V.

„Da besteht eine hohe territoriale Macht der beiden Konzerne Arauco und CMPC,“ betont Heiko Thiele. Hinter beiden Unternehmen steht jeweils eine der reichsten Familien Chiles und ein Konsortium vieler Firmen im Nahrungsmittel-, Erdöl- oder Bankensektor. 2,5 Millionen Hektar besitzen die beiden Konzerne in Chile, eine Fläche fast so groß wie Belgien. Während der Diktatur stiegen sie zu den großen Playern im Bereich Forstwirtschaft auf.

„Nach dem Putsch 1973 zahlten die Unternehmen einen minimalen Preis für enteignete Ländereien, privatisierte Waldgebiete und Staatsbetriebe. Die Neuordnung der Besitzverhältnisse ergänzte die Pinochet-Diktatur mit dem Gesetz 701“, heißt es im Film, und Sherin Abu Chouka ergänzt: „Das Gesetz 701 ist in der Diktatur verabschiedet worden, auf Betreiben und unter Mitwirkung von den Großkonzernen CMPC vor allem und auch ARAUCO, die davon maßgeblich profitiert haben, dass viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern enteignet wurden. Danach gab es Subvention vom Staat, Monokulturen anzupflanzen“. Das sind vor allem Kiefer und Eukalyptus. Beide Bäume wachsen schnell, entziehen dem Boden aber auch viele Nährstoffe und bis zu 400 Liter Wasser pro Tag. Nach fünf oder sechs Anbauzyklen ist der Boden ausgelaugt, es wächst nichts mehr, wie Forstwissenschaftler im Film erklären.

„Die dritte Achse ist, dass sie Steuersubventionen im großen Maßstab bekommen haben, und zwar auch über die Diktatur hinaus und die Konzerne weiter profitiert haben. Im letzten halben Jahrhundert ging knapp ein Drittel des gemäßigten Regenwaldes in Chile verloren. Und dabei wird es nicht bleiben. Zumindest, wenn es nach dem bisherigen ´nationalen Aktionsplan´ für die Forstpolitik geht. Denn der sieht vor, dass zwischen 2015 und 2035 eine halbe Millionen Hektar in Plantagen umgewandelt werden soll.

Widerständige Initiativen

Im Film kommen auch widerständige Initiativen zu Wort. Menschen, die sich gegen den Einsatz von Glyphosat durch die örtliche Zellulosefabrik wehren; Frauen, die Tauschmärkte für Saatgut organisieren und Landbesetzungen wie die der Genossenschaft Mundo Nuevo („Neue Welt“). Dabei nahmen 16 Familien ein 5.000 Hektar großes Forstgelände, das sie als Genossenschaft früher besessen hatten, wieder in Besitz und errichteten dort Holzhütten.

Andrés Maldonado und Bertha Romero, leben in der Siedlung „Mundo Nuevo“ / Foto: Zwischenzeit e.V.

Sehr bewegend ist das Zeugnis des über 80-jährigen Besetzers Andrés Maldonado, mit dem die Filmemacher*innen gesprochen haben: „Ich bin 1936 geboren und wuchs auf diesem Grundstück mit dem Namen „Neue Welt“ auf. 1969 kaufte die Genossenschaft das Gelände schließlich, wir waren damals 36 Mitglieder. 1974 drang das berüchtigte Forstunternehmen Arauco hier ein und vertrieb die Menschen vom Grundstück“, erinnert sich Andrés Maldonado.

Die Off-Stimme im Film erklärt, dass Arauco in der Diktatur mit Militär und Polizeieinheiten kooperierte, das Gelände gewaltsam räumte und die Häuser anzündete. „Anschließend vermarktete das Unternehmen die Baumbestände der Genossenschaft und legte neue Plantagen an.“ Bertha Romero von der Genossenschaft „Mundo Nuevo“ sagt im Film: „Ich möchte, dass die Menschen in anderen Ländern erfahren, von wem sie Holz kaufen und welchen Schaden sie bei uns damit anrichten.“ Und auch die Filmemacher*innen appellieren an die internationale Verantwortung. Denn Chile exportiert rund fünf Millionen Tonnen Zellulose pro Jahr und das bringt dem Land wichtige Devisen. Ein Zehntel der weltweiten Zellstoffexporte stammt aus Chile. Deutschland ist mit durchschnittlich 150.000 bis 180.000 Tonnen größter europäischer Endabnehmer, erfahren wir im Film.

„Green-Washing“ mit dem FSC-Siegel?

Viele Verpackungen oder andere Zelluloseprodukte, die heute in Deutschland im Umlauf sind, sind offiziell zertifiziert. Sie tragen das FSC Siegel, ein als grüne Linie gezeichneter Umriss eines Baumes. Drei von vier Bäumen in Chile laufen auch unter diesem Siegel.

FSC Siegel / Foto: CC

FSC steht für Forest Stewardship Council, und für eine ökologisch nachhaltige, sozial-förderliche und ökonomisch rentable Waldwirtschaft. Das international gültige Zertifizierungssystem wurde 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio initiiert. FSC hat schicke Erklär-Videos erstellt, in denen es sich als Siegel für nachhaltiges Holz und Papier präsentiert: „Wenn wir so weiter machen, ist bald kein Wald mehr übrig. Und ohne Wald haben wir keine saubere Luft und auch kein Holz mehr. Um das zu verhindern, wurde FSC gegründet“.

Greenpeace und Robin Wood hingegen stellen das Zertifizierungssystem, an dem über 80 Staaten teilnehmen, jedoch grundsätzlich infrage: Solange diejenigen, die ein Unternehmen zertifizieren von diesem Unternehmen bezahlt werden, könne das System FSC nicht funktionieren. „Im Endeffekt ist es Green-Washing“, resümiert Heiko Thiele. „Die bekommen ein Siegel, können damit werben. Aber im Endeffekt wird die Umwelt kontaminiert, die Landrechte werden nicht geachtet. Die Angestellten werden auch nicht arbeitsschutzrechtlich gut behandelt“. Lucio Cuenca von der lateinamerikanischen Beobachtungsstelle für Umweltkonflikte OLCA in Chile kritisiert: „Der Anspruch des Siegels wird nicht eingelöst. Das Zertifizierungssystem von FSC verschleiert den offenen Konflikt um das widerrechtlich angeeignete Land der Indigenen“.

„Das verzweigte Aufbäumen – Von Zellstoff, Landkonflikten und Widerständen in Chile“ lenkt den Blick auf die deutsche und die europäische Verantwortung. Der fast 90-Minuten lange, sehr informative Film, kann über das Medienkollektiv „Zwischenzeit e.V.“ in Münster bestellt und ausgeliehen werden. Er eignet sich als Bildungsmaterial für Schulen und Universitäten ebenso wie für politische Diskussionsveranstaltungen mit den Filmemacher*innen. Und er ist ein Plädoyer für würdige und ökologische Produktionsbedingungen und für gerechtere Handelsbeziehungen.

Zu diesem Thema gibt es auch einen Audiobeitrag!

CC BY-SA 4.0 Forstwirtschaft und Greenwashing durch FSC-Siegel von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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