Der Erfinder der Wundertüte

Roberto Astete und seine Erfindung: die Solubag (Foto: Martin Reischke)

(Santiago de Chile, 27. März 2020, npla).- Sie ist ziemlich unscheinbar und etwas milchig, wie eine ganz normale Plastiktüte. Nur knistern tut sie nicht. „Sie sieht ähnlich aus, sie fühlt sich ähnlich an, aber unsere Mischung enthält null Prozent Plastik“, sagt Roberto Astete mit einem Lächeln. Und der Chilene hat guten Grund dazu: Der stämmige Mittvierziger hat eine Kunststofftüte ganz ohne Plastik aus Erdöl erfunden. Dafür hat er ein kleines Experiment vorbereitet.

Auf einem Tisch steht eine große Glasschüssel, in die legt er die Tüte hinein. In einem Wasserkocher bringt er Wasser zum Kochen. Dann gießt er das heiße Wasser langsam in die Schüssel, in der die Tüte liegt, rührt um.

Erst frisst das heiße Wasser große Löcher in die Tüte, dann nach wenigen Minuten hat sie sich komplett aufgelöst. Stolz schaut Astete in die Runde. Übrig bleibt Wasser, das man sogar noch trinken kann. Eigentlich ein toller Marketing-Clou, aber der Chilene ist kein Mann für die ganz große Show. Er bleibt lieber nüchtern bei den Fakten.

„Wir werben nicht damit, denn schließlich ist das kein Spiel, sondern ein Produkt, mit dem man etwas transportieren soll“, sagt Astete. „Aber ja, man kann das Wasser trinken, das ist kein Problem.“

Was aber steckt in der Tüte, wenn sie nicht aus herkömmlichem Plastik ist?

„Die Grundlage ist eine Mischung aus Polyvinylalkohol und anderen Stoffen wie Zucker und Stärke, die alle unbedenklich sind für den menschlichen Körper“, erklärt er. „Und diese Mischung sorgt für die nötige Stabilität.“

Polyvinylalkohol – ein wasserlöslicher Kunststoff – wurde schon vor mehr als 100 Jahren entwickelt. Allerdings musste Astete lange herumprobieren, bis er die richtige Mischung gefunden hatte. „Wenn du Brot backen willst, dann reicht es nicht, wenn du nur Mehl nimmst, du brauchst auch noch Wasser, vielleicht ein bisschen Hefe, damit am Ende Brot dabei herauskommt“, sagt Astete. „Und bei uns ist das Mehl eben Polyvinylalkohol.“

Dabei ist Roberto Astete weder Bäcker noch Chemiker, sondern studierter Wirtschaftsingenieur. Das genaue Rezept ist natürlich ein streng gehütetes Geheimnis. Nun produziert der selbstbewusste Erfinder mit seinem Unternehmen Solubag kleine Pellets, aus denen sich Einweg- und Mehrwegtüten herstellen lassen. Durch die spezifische Mischung der Zutaten kann er festlegen, bei welcher Wassertemperatur sich die Tüten im Wasser auflösen – und so verhindern, dass der Beutel mit den Einkäufen schon bei einem kalten Regenschauer auf dem Nachhauseweg zerfällt.

In Chile sind sämtliche Tüten verboten, die auf Ölbasis hergestellt werden

Auf dem heimischen Markt in Chile ist Astete mit seinen Tüten längst präsent. Geholfen hat ihm dabei seine jahrelange Erfahrung in der Plastik- und Recyclingindustrie. Und natürlich ein Gesetz von 2018, das Plastiktüten in dem südamerikanischen Land schrittweise verbietet.

„Viele große Unternehmen, die Plastiktüten produziert haben, sind pleite gegangen, weil das ein sehr spezielles Produkt ist und in Chile sämtliche Tüten verboten sind, die auf Ölbasis hergestellt werden“, sagt Astete. „Aber wir haben eine Alternative, und wir arbeiten mit verschiedenen Unternehmen zusammen, die ihre Produktion auf unser Produkt umstellen.“

Roberto Astete (Foto: Martin Reischke)

Die meiste Zeit des Jahres ist Roberto Astete unterwegs, um neue Partner anzuwerben und bestehende Kontakte zu pflegen. In vielen lateinamerikanischen Ländern, aber auch in den USA und einigen EU-Staaten wie Tschechien und Italien vertreibt er bereits sein Produkt. Nun will er mit seiner plastikfreien Wundertüte auch den deutschen Markt erobern. „Alle Unternehmen, die heute Plastiktüten produzieren, laden wir ein, es mit unserem Material zu probieren, damit sie ein neues, umweltfreundliches Produkt herstellen können“, sagt Astete.

Auch Wissenschaftler wie Klaus Rischka vom Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung in Bremen bestätigen die gute Umweltverträglichkeit von Polyvinylalkohol, aus dem die Solubag hauptsächlich hergestellt wird. „Polyvinylalkohol ist sehr gut wasserlöslich und besitzt auch eine gute Bioabbaubarkeit“, so der Wissenschaftler. „Das kennt man zum Beispiel auch von kleinen Verpackungen für die Geschirrspültabs, die man mit der Folie drumherum in den Geschirrspüler legt und das löst sich alles auf.“

Die leichte Abbaubarkeit unterscheidet die chilenischen Kunststofftüten auch von vielen anderen so genannten Biokunststoffprodukten, die zwar nachwachsende Rohstoffe enthalten, aber oft nicht vollständig kompostierbar sind und deshalb am Ende doch wieder in der Müllverbrennungsanlage landen.

Doch so leicht sich die Kunststofftüten in Wasser auflösen lassen – um sie herzustellen, muss Polyvinylalkohol erst einmal gewonnen werden. Im Fall der Solubag wird dafür Biogas aus nachwachsenden Rohstoffen verwandt. Aber auch das sei kein Nullsummenspiel: „Wir müssen Energie reinstecken: Sei es in den Anbau der Pflanzen oder in den Gewinnungsprozess des eigentlichen Produktes, das wir haben möchten“, gibt Klaus Rischka zu bedenken. „Man muss immer irgendwo Energie reinstecken, und wenn man sich das richtig kritisch anguckt, wird das glaube ich nicht sehr viel ändern an den Energiebilanzen von beiden Produkten.“

„Plastik ist Teil unserer Nahrungskette“ – das will Astete ändern

Die Solubag und die herkömmliche Plastiktüte auf Erdölbasis mag also viel unterscheiden, doch eines haben sie beide gemeinsam – für die Herstellung werden viele Ressourcen verbraucht. Am umweltfreundlichsten ist es deshalb immer noch, ganz auf Kunststofftüten zu verzichten – oder deren Gebrauch zumindest stark einzuschränken. Der Erfinder Roberto Astete wirbt trotzdem offensiv für seine Solubag. Natürlich treibt ihn dabei sein unternehmerischer Ehrgeiz an – aber er hat auch eine Mission: „Plastik ist schon Teil unserer Nahrungskette, wir essen Plastik, und wenn wir unser Verhalten nicht ändern, dann sind die Folgen unabsehbar, denn Plastik ist ein Material, das unser Körper nicht aufnehmen kann“, sagt Astete.

Die größten Fans seiner Erfindung sind Kinder und Jugendliche, so wie sein eigener Sohn. Regelmäßig stellt Roberto Astete die Erfindung in Schulen vor – und trifft dort auf viele offene Ohren.  „Und deshalb glaube ich, dass es die Kinder sind, die den Erwachsenen zeigen werden, wie diese Technik funktioniert“, sagt Astete. „Für die Kinder ist das wie ein Spiel oder ein Zaubertrick, mit dem man in zwei, drei Minuten etwas verschwinden lassen kann, von dem wir bisher immer dachten, dass es uns bis in alle Ewigkeit erhalten bleibt.“

 

Zu diesem poonal-Beitrag gibt es auch einen Beitrag von radio onda!

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Kommentare zu „Der Erfinder der Wundertüte“;

  1. Polyvinylalkohol wird aus Polyvinylacetat hergestellt, das wiederum aus Ethylen hergestellt wird (Wacker-Verfahren). Ethylen kann man teuer aus (Zuckerrohr)-Ethanol („Bio-Ethylen“) oder kostengünstiger aus Erdöl (Steam-Cracking) herstellen.
    Das Problem mit den Plastiktüten (aus Polyethylen) ist, dass sie unkontrolliert in die Umwelt gelangen anstatt in die Verwertung zu gehen.

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