Anwohner*innen protestieren gegen Vermüllung ihrer Nachbarschaft

Im Hintergrund des Friedhofs: die konfliktträchtige Mülldeponie in El Alto / Foto: Thomas Guthmann

(La Paz, 1. Dezember 2020, npla).- Immer mehr Produkte finden Verbraucher*innen zusätzlich in Plastik eingepackt und so hat in den vergangenen Jahrzehnten die Abfallproduktion weltweit stetig zugenommen. Auch Bolivien kämpft mit dem Problem des zunehmenden Mülls. Mehr Menschen produzieren mehr Abfall, die Infrastruktur hinkt dagegen hinterher. Und so wird der Müll zu einer immer größeren Belastung im südamerikanischen Land. In diesem Jahr kam es gleich an mehreren Deponien zu Blockaden von Anwohner*innen, die sich gegen die zunehmende Vermüllung in ihrer Nachbarschaft wehren.

Eine Reporterin des bolivianischen Fernsehens steht vor einem wilden Müllberg, der sich an einer Straßenecke auftürmt. Im Juli wurde der Müll in der Metropole Cochabamba wochenlang nicht abgeholt. Anwohner*innen im Vorort K‘ara K‘ara hatten zum wiederholten Male die Mülldeponie blockiert. Ein Räumungsversuch von Polizeieinheiten blieb erfolglos, erst nach Verhandlungen mit der Regierung gaben die Nachbar*innen den Müllabladeplatz wieder frei. Immer wieder sind die Mülldeponien in Bolivien Schauplatz von zum Teil gewalttätigen Konflikten zwischen Staatsmacht und Anwohner*innen. Nur einen Monat später spielten sich ähnliche Szenen in Villa Ingenio, der Mülldeponie in El Alto ab. In einer langen Schlange standen die vollen Müllfahrzeuge tagelang vor der Deponie. Beim Versuch, die Blockade aufzulösen, setzte die Polizei Tränengas ein, ein kleiner Junge wurde dabei schwer an den Augen verletzt.

„Wer will schon eine Mülldeponie in seiner Nachbarschaft haben?“

Im Gegensatz zur Deponie in K‘ara K‘ara hat die Müllhalde in Villa Ingenio in El Alto eine Genehmigung. Doch seit April 2020 schlagen Nachbar*innen Alarm, weil die Auslastungsgrenze erreicht ist. 700 Tonnen Müll produziert El Alto täglich, eine Mülltrennung findet nicht statt und der größte Teil landet in der Deponie am Fuße der Andengipfel. „Wer will schon eine Mülldeponie in seiner Nachbarschaft haben“, meint die Ökonomin Alejandra Gonzales vom Sustainable Network La Paz. Die Expertin für Abfallwirtschaft ist der Ansicht, dass eine Erweiterung des Standorts Villa Ingenios technisch zwar möglich ist. Ob sich die durchsetzen lasse, sei jedoch eine andere Frage.

Spricht man mit Anwohner*innen der Deponie in El Alto, dann stößt man überwiegend auf Ablehnung. Direkt an die Mülldeponie grenzen ein Friedhof und ein paar Wohnhäuser. Das bolivianische Umweltgesetz schreibt jedoch mindestens 100 Meter Abstand zwischen Wohnhäusern und Müllkippe vor. Von der Abfallhalde weht ein süßlicher Gestank zum Friedhof herüber. Davor stehen einige Blechhütten, in denen Frauen Blumen und Gestecke verkaufen. Sie tragen lange Röcke, Polleras, und Buckethüte gegen die brennende Sonne des Hochlands. Ihre Gesichter sind sonnengebräunt. Nur zögerlich geben sie über ihre Position zur Mülldeponie Auskunft. Der Polizeieinsatz im August steckt ihnen noch merklich in den Knochen. „Der Junge kämpft immer noch um sein Augenlicht“, sagt eine Verkäuferin in leisem Ton. Eine andere meint, dass „die Presse uns verraten hat“ und sie daher keine Interviews mehr geben möchten. Nur eine Besucherin des Friedhofs ist bereit zu reden. „Man sollte einen Ort suchen, wo man den Müll besser deponieren kann,“ meint sie und fährt fort, „man merkt doch, wie es stinkt und es besteht auch ein Risiko, sich hier Krankheiten zu holen.“

Zunahme des Plastikmülls in der Pandemie

Durch Covid-19 hat sich die Lage noch zugespitzt, merkt die Ökonomin Gonzales an, „insbesondere der Plastikmüll hat durch die Pandemie zugenommen“. Da ein Teil des neuen Plastikmülls Schutzmasken und -handschuhe sind, fürchten die Anwohner*innen der Mülldeponien, dass das Virus direkt zu ihnen geschleppt wird. Auch das hat zu einer Verschärfung der Konflikte geführt. Denn die Abfälle werden in Bolivien in vielen Fällen weder getrennt noch nach unterschiedlichen Gefahrenklassen gesammelt. In vielen Kommunen fahren Müllfahrzeuge durch die Straßen und nehmen ungetrennten Müll jeglicher Art entgegen. Sind sie voll, bringen sie ihre Ladung in die Deponien.

Zwischen 30 und 35 Prozent beträgt der Anteil des anorganischen Mülls in Bolivien, etwa ein Drittel davon ist reiner Plastikmüll. Der größte Teil des Mülls fällt in den Städten an. Laut einer Untersuchung des Umweltministeriums für das Departement La Paz produzieren die Städte pro Kopf mehr als doppelt soviel Müll wie ländliche Regionen. Der Regierungssitz La Paz nimmt dabei eine Spitzenposition ein. „In Bolivien wächst die Müllmenge jedes Jahr um rund fünf Prozent“ so Alejandra Gonzales, „und die Zunahme des Plastikmülls beunruhigt mich dabei am meisten“.  Plastik würde sich – so die Ökonomin – letztendlich nie ganz zersetzen, sondern es bliebe immer was übrig: „Es wird nur kleiner, wird zu Mikro-Plastik und dann zu Nano-Plastik, das sich mittlerweile überall befindet, im Boden, im Wasser und der Atmosphäre“.

Nicht nur das Bewusstsein, sondern auch Produktion und Konsum müssen sich ändern

Neben dem zunehmenden Unmut der Anwohner*innen von Müllkippen, die sich eine Verbringung des Mülls an andere Orte wünschen, sieht Gonzales in der Frage des ungelösten Recyclingproblems ein wesentliches Argument, um sich vor allem für die Vermeidung von Plastik einzusetzen. Hier gibt es durchaus Ideen. „In La Paz wurde 2019 auf kommunaler Ebene ein Gesetz beschlossen, dass den Verbrauch von Plastiktüten einschränken sollte“, ein richtiger Schritt, um den Plastikanteil im Müll zu reduzieren, so die Ökonomin. „Aber wegen des politischen Konflikts um Evo Morales‘ Rücktritt und dann wegen der Pandemie ist das Gesetz bis heute nicht in Kraft getreten“.

So wird auf den Märkten und in den Läden weiterhin uneingeschränkt alles in Plastik verpackt. Das lässt den Anteil von Plastik am Hausmüll stetig wachsen und der macht in Bolivien fast 80 Prozent der Abfallmenge aus. Eine gesetzliche Regulierung des Plastikverbrauchs seien laut Gonzales unerlässlich. Denn individuelle Versuche Plastik zu vermeiden sind unter den gegenwärtigen Bedingungen zum Scheitern verurteilt. „Es ist wichtig, das System von Produktion und Konsum zu verändern“, betont Gonzales, Bewusstsein alleine reiche nicht: „Es kann sein, dass eine Person das nötige Bewusstsein hat. Wenn sie aber zum Supermarkt geht, um Essen zu kaufen, findet sie dort nur Produkte, die in Plastik eingepackt sind und es ist kompliziert, ständig gegen den Strom zu schwimmen“.

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