Schulen erhielten Mathematikhefte voller Rechtschreibfehler

Wenigstens die Rechenaufgaben im Mathebuch scheinen zu stimmen. Foto: Kzoo Cowboy/Flickr (CC BY 2.0)

(Berlin, 21. Februar 2020, poonal).- Die Lehrer*innen Paraguays trauten ihren Augen nicht, als sie die neuen Hefte lasen, die im Rahmen des Programms Matemáticas para Paraguay (Mapara) erstellt wurden: Das Bildungsministerium hat den Schulen 525.000 neue Mathematikhefte bereit gestellt, die vor Rechtschreib- und anderen Fehlern nur so wimmeln. Gegenüber der Presse gaben sie haarsträubende Beispiele für Rechtschreibfehler, die die Verantwortlichen wohl als Druckfehler darstellen dürften. So fanden sich die Wörter „clace“ (statt „clase“), „calacular“ (statt „calcular“) und „problamas“ (statt „problemas“). Darüber hinaus passten Subjekte und Verben nicht zusammen, Aufzählung unvollständig. Für den Druck der Textbücher für Schüler*innen im Alter von sechs bis 14 Jahren wurden Gelder der EU verwendet. Die Kosten für die Bücher betrugen über zwei Milliarden Guaraní, umgerechnet gut 300.000 Euro, getragen von der EU.

Bildungsminister macht sich zum Gespött

Paraguays Bildungsminister Eduardo Petta gab die Schuld zuerst seinen Untergebenen, dann den Druckereien, um am Ende das Problem vor den Kameras herunterzuspielen: Mit misslungener Ironie erklärte er, die Schüler*innen würden die Fehler schon finden, wie die spanische Tageszeitung „El País“ schreibt. Schließlich bekam auch noch die EU als Geldgeberin ihr Fett weg, sie trage auch einen Teil der Verantwortung für das Malheur. Einige Stunden nach diesen Erklärungen, längst hatte sich im Netz Spott breit gemacht, gab die Botschaft der EU in Paraguay ein Kommuniqué heraus, in dem bedauert wird, dass mit dem von der EU zur Verfügung gestellten Geld Schulbücher gedruckt worden seien, die nicht die erforderlichen Qualitätsstandards erfüllten. Die zuständigen Stellen in Paraguay sollten daher die Kontrollen verschärfen. Die Finanzierung künftiger Programme stehe auf dem Spiel, heißt es in dem Kommuniqué.

Minister Petta gab daraufhin per Twitter erneut der EU die Schuld, sein Ministerium sei nicht verantwortlich. Er löschte den Tweet zwar kurz darauf, entschuldigte sich aber nicht. Die Peinlichkeiten gingen weiter, als Petta in einem paraguayischen Radiosender die Beschuldigung an die Adresse der EU wiederholte. Als Lehrer*innen und Schüler*innen schließlich vor dem Bildungsministerium demonstrierten und Pettas Entlassung forderten, setzte dieser zwei leitende Beamte seines Ministeriums ab.

Mathematikprogramm nach japanischem Vorbild

In das Programm Matemáticas para Paraguay (Mapara), das aus Japan inspiriert ist, wurden große Hoffnungen auf eine Verbesserung des Bildungssystems gesetzt. Das Konzept sieht einen partizipativen und kritischen Mathematikunterricht in Abkehr von dem traditionellen Frontalunterricht vor, der in Paraguay noch heute die Regel ist. Die Entwicklung des Programms, auch unter Beteiligung der Eltern, nahm ein Jahrzehnt in Anspruch. Nachdem Mapara in 5 der 17 Departamentos, in die Paraguay gegliedert ist, Erfolge erzielte, wurde es auf das ganze Land ausgedehnt. Hierfür sorgte auch der Druck aus dem Bildungssektor. Zudem ist das Programm nicht teuer.

Vize-Bildungsminister Robert Cano zufolge sind die Leistungen der Schüler*innen öffentlicher Schulen, die nach dem Programm unterrichten, deutlich besser als jene von Schüler*innen, die teure Privatschulen besuchen. Mapara gilt als vielversprechendes Programm in einem Land mit großer Ungleichheit. Zudem zählt der Mathematikunterricht in Paraguay laut PISA-Studie zu den schlechtesten in Lateinamerika. Paraguays Bildungssystem vertiefe sogar noch die bestehenden Ungleichheiten, es werde zu wenig in Bildung investiert. Das Erbe der Stroessner-Diktatur (1954 -1989) macht sich noch heute bemerkbar.

Kritik am autoritären Bildungssystem

David Riveros García, Leiter der NGO ReAcción Paraguay, spricht mit Blick auf die fehlerhaften Mathematikhefte von einer Verschwendung von Ressourcen der internationalen Zusammenarbeit. Paraguays Bildungsministerium habe das Problem nicht gelöst, sondern nur noch verschlimmert. Die NGO überwacht die Verwendung öffentlicher Gelder für die Bildung. ReAcción Paraguay hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Missstände ans Licht gebracht. David Riveros García prangert Paraguays autoritäres Bildungssystem an, das kritisches Denken nicht fördere. Die Ideologie der Diktatur sei noch präsent. Das Sagen im Bildungssystem hätten Leute, die in jener Zeit ausgebildet worden seien.

Die Fehler in den Mathematikheften, die eine Grundsatzdebatte ausgelöst haben, werden nun korrigiert. Der Bildungsminister gab sich zehn Tage nach Beginn der Krise zerknirscht und entschuldigte sich für sein Verhalten. „Es ging mir gesundheitlich nicht gut und ich habe nicht die angemessene Antwort gegeben.“

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