„Nicht für Zelenski und nicht für Putin“

Foto: Mariana Osornio via wikimedia
CC BY-SA 4.0

(Mexiko-Stadt, 4. März 2022, desinformémonos).- „Weder Zelenski noch Putin. Stoppt den Krieg“, forderte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) in einem Kommuniqué. Ihre Unterstützung gelte „weder dem einen noch dem anderen Staat, sondern denjenigen, die für das Leben und gegen das System  kämpfen“. Sie rief die Einheit La Sexta nacional e internacional auf, gegen die Invasion Russlands in der Ukraine zu demonstrieren.

In ihrer Erklärung kritisierte der EZLN die Parteinahme der Regierungen für die eine oder andere Seite, die wohl eher etwas mit wirtschaftlichem Kalkül zu tun habe als mit menschlichen Werten. Wer sich jetzt hinter Russland stelle, ebne den Weg für zukünftige Überfälle auf  andere Völker unter dem Vorwand, als Retter zu intervenieren. „Der Beifall, den Putin nun für seine kriminelle militärische Invasion erhält, kann sich schnell ins Gegenteil verwandeln, vielleicht beim nächsten Angriff auf ein Volk, dessen Entwicklung dem Großkapital nicht gefällt, und den er mit denselben Worten rechtfertigen wird wie jetzt den auf die Ukraine“, warnte Subcomandante Galeano. Man sei im Kontakt mit den Widerstandsbewegungen und Organisationen, die in der Ukraine und in Russland für das Leben kämpfen, so der EZLN-Sprecher, und es sei klar, dass sie in beiden Ländern ihrem Anliegen treu bleiben: sowohl der Widerstand im Donbass in der Ukraine als auch die rebellischen Kräfte auf den russischen Straßen und Feldern. Alle Angehörigen der Sexta National e International seien daher aufgerufen, sich eindeutig gegen den Krieg zu positionieren und allen Ukrainer*innen und Russ*innen, die in ihren Ländern für eine freie Welt kämpfen, ihre Unterstützung zuzusichern und den Widerstand in der Ukraine wirtschaftlich zu unterstützen.

Hier das vollständige Kommuniqué:

SECHSTE ZAPATISTISCHE KOMMISSION.

Mexiko.

NACH DER SCHLACHT WIRD ES NICHTS MEHR GEBEN, WORUM MAN KÄMPFEN KÖNNTE.

Über den Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine.

  1. März 2022.

An alle, die die Erklärung für das Leben unterzeichnet haben:

An die Sexta Nacional e Internacional:

Kamerad*innen, Schwestern und Brüder:

Wir möchten mit euch unsere Gedanken teilen über das, was aktuell in dem Gebiet passiert, das sie Europa nennen:

ERSTENS: Es gibt einen Aggressor, das ist die russische Armee.  Auf beiden Seiten geht es um die Interessen des Großkapitals. Unter den irrsinnigen Ideen der einen und den gewitzten wirtschaftlichen Berechnungen der anderen Seite leiden die Völker Russlands und der Ukraine (und vielleicht bald auch noch andere in der näheren und weiteren Umgebung).  Als Zapatistas unterstützen wir keinen der beiden Staaten, sondern alle, die für das Leben und gegen das System kämpfen. Auf die von der US-Armee geführte multinationale Invasion des Irak vor fast 19 Jahren wurde überall auf der Welt mit Protesten reagiert. Und selbstverständlich verstand sich niemand, der oder die gegen die Invasion protestierte, deshalb als Unterstützer*in Saddam Husseins.  Heute ist es ähnlich, wenn auch nicht dasselbe. Weder für Zelenski noch für Putin. Unsere Forderung muss lauten: Kein Krieg!

ZWEITENS: Verschiedene Regierungen haben sich aus wirtschaftlichem Kalkül für die eine oder andere Seite entschieden. Dabei geht es nicht um Menschlichkeit. Die Regierungen und ihre Chef-Ideologen unterscheiden zwischen guten und schlechten Interventionen / Invasionen / Zerstörungsfeldzügen. Ob gut oder schlecht, entscheidet sich daran, ob es ihre Gegner oder ihre Anhänger sind, die den Einmarsch durchführen. Die Zustimmung zur militärischen Invasion in der Ukraine könnte schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn mit denselben Worten die nächste Invasion in ein Gebiet gerechtfertigt wird, wo die Entwicklungen dem Großkapital nicht in den Kram passen. Der Einmarsch in andere Gebiete mit dem Argument, dort wieder ein Volk vor der „Neonazi-Tyrannei“ retten oder die benachbarten „Narkostaaten“ in ihre Schranken weisen zu müssen, ist quasi schon vorprogrammiert. Und sicher werden dann auch die Worte Putins wiederholt: Dass es darum gehe, Nazis zu bekämpfen, oder um irgendwas Vergleichbares, und ihr Tun werden sie dann sicher auch wieder als  „Argumente“ bezeichnen, mit denen auf die „Gefahr für die Völker“ reagiert werden müsse.  Und wie unsere russischen Genoss*innen sagen: „Russische Bomben, Raketen und Kugeln bedrohen das Leben der Ukrainer*innen, egal, wo sie politisch stehen oder welche Sprache sie sprechen“. Das macht etwas mit der „Nationalität“ beider Staaten.

DRITTENS: Die Regierungen im „Westen“ beschränkten sich darauf, zuzusehen und die Zuspitzungen weiter anzufachen. Sobald die Invasion begonnen hatte, warteten sie ab, ob die Ukraine Widerstand leisten würde, und stellten Berechnungen an, wie viel Kapital sich wohl aus den jeweiligen denkbaren Szenarien schlagen ließe. Nun, da die Ukraine sich zur Wehr setzt, werden schon die ersten Hilfeleistungen in Rechnung gestellt; abgerechnet wird dann später.  Putin ist nicht der Einzige, den der Widerstand der Ukraine überrascht hat. Die Gewinner  aller Kriege seien „die großen Waffenhändler und das Finanzkapital. Das ist ihre Chance, Gebiete zu erobern, zu zerstören und wiederaufzubauen und dadurch neue Märkte zu schaffen“.

VIERTENS: Wir wollten uns nicht einfach auf das verlassen, was Medien und  soziale Netzwerke uns als „Nachrichten“ präsentieren,  und auch  nicht auf die „Analysen“ plötzlich auftauchender geopolitischer Expert*innen, die den Warschauer Pakt und die NATO mit ins Spiel bringen. Deshalb haben wir uns entschlossen, diejenigen aufzusuchen und zu befragen, denen es wie uns um den Kampf um das Leben in der Ukraine und in Russland geht. Nach mehreren Versuchen ist es der Sechsten Zapatistischen Kommission gelungen, Kontakt zu unseren Genoss*innen im Widerstand  in den Gebieten aufzunehmen, die sie Russland und Ukraine nennen.

FÜNFTENS: Dabei ist herausgekommen, dass unsere Vertrauten weiter standhaft das Banner des libertären A hochhalten: widerständig im Donbass, in der Ukraine, rebellisch auf den Straßen und Feldern Russlands.  In Russland wurden Menschen verhaftet und geschlagen, weil sie gegen den Krieg protestiert haben.  In der Ukraine wurden Menschen von der russischen Armee getötet. Sie sind miteinander und auch mit uns verbunden, weil sie NEIN zum Krieg sagen und, weil sie sich weigern, mit Regierungen zu kooperieren, die ihr Volk unterdrücken. Inmitten der Verwirrung und des Chaos auf beiden Seiten stehen sie fest zu ihren Überzeugungen: ihrem Kampf für die Freiheit, ihrer Ablehnung von Grenzen und Nationalstaaten und den Unterdrückungsmustern, die immer gleich bleiben und nur ab und an die Flagge wechseln. Es ist unsere Pflicht, sie zu unterstützen, so gut es geht.  Ein Wort, ein Bild, eine Melodie, ein Tanz, eine erhobene Faust, eine Umarmung können unterstützend sein und  ihre Herzen ermutigen, selbst wenn die Unterstützung aus entfernten Gegenden kommt. Widerstand bedeutet, weiterzumachen und sich durchzusetzen. Unterstützen wir die Genoss*innen in ihrem Widerstand, in ihrem Kampf um das Leben.  Das sind wir ihnen und uns selbst schuldig.

SECHSTENS: Deshalb rufen wir die Sexta nacional e internacional auf,  entsprechend ihren Möglichkeiten und Kapazitäten gegen den Krieg zu demonstrieren und den Russ*innen und Ukrainer*innen, die für eine Welt in Freiheit kämpfen, zur Seite zu stehen. Wir rufen auch dazu auf, den Widerstand in der Ukraine finanziell zu unterstützen. Die Sechste Kommission der EZLN schickt bereits ein wenig Hilfe an die Menschen in Russland und der Ukraine, die gegen den Krieg kämpfen.  Außerdem wurden Kontakte mit unseren Vertrauten in SLUMIL K’AJXEMK’OP [EUROPA] aufgenommen, um einen gemeinsamen Wirtschaftsfonds zur Unterstützung des Widerstands in der Ukraine einzurichten. Unbeirrt rufen wir weiter unsere Forderung: Russische Armee raus aus der Ukraine!

Dieser Krieg muss sofort gestoppt werden. Sollte das nicht klappen und die Situation stattdessen eskalieren, wird es vielleicht niemanden mehr geben, der nach der Schlacht Zeugnis ablegt von dem, was einmal war.

Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.

Subcomandante Insurgente Moisés.                                         SupGaleano.

Sechste Kommission der EZLN.

März 2022.

 

CC BY-SA 4.0 „Nicht für Zelenski und nicht für Putin“ von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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