Journalist und Indigenen-Experte im Amazonasgebiet verschollen

Bruno Araújo Pereira (links) hat wiederholt das Eindringen in indigene Schutzgebiete kritisiert; Dom Phillips (rechts) hat über die Konflikte in der Region berichtet. Quelle: Brasil de Fato

(Lábrea, 8. Juni 2022, brasil de fato/poonal).- Auch drei Tage nach ihrem Verschwinden gibt es noch keine Spur von dem Indigenen-Experten Bruno Araújo Pereira und dem Journalisten Dom Phillips. Beide befanden sich auf einer Exkursion im brasilianischen Amazonasgebiet und wurden zuletzt am Morgen des 5. Juni gesehen.

Der Indigenen-Experte Pereira hatte den Journalisten bei einer Exkursion in Vale do Javari im Westen des brasilianischen Bundesstaates Amazonas begleitet. In der entlegenen Region nahe der Grenze zu Peru leben noch mehrere unkontaktierte Indigene. Die dort lebenden indigenen Gemeinden und Uferbewohner*innen waren in jüngster Zeit zunehmend Angriffen von mutmaßlichen Goldschürfern, Drogenschmugglern und Holzfällern ausgesetzt. Am 5. Juni reisten Pereira und Phillips von der Gemeinde São Rafael auf dem Río Ituí weiter in Richtung des Städtchens Atalaia do Norte, eine Flussfahrt von etwa zwei Stunden. Doch dort gelangten sie nie an.

Engagierte Verteidiger der Rechte der Indigenen

Bruno Pereira, der früher für die staatliche brasilianische Indigenen-Behörde Funai arbeitete, gilt als erfahrener Kenner der Region und engagierter Verteidiger der Rechte der Indigenen. Inzwischen ist er im Verband Indigener Organisationen des Vale do Javari, Univaja, und der Beobachtungsstelle OPI aktiv und hat die Demontage der Indigenenbehörde Funai unter der Regierung Bolsonaro scharf kritisiert. „Angestellte werden zum Schweigen gebracht, Beamte aus strategischen Positionen entfernt. Die Funai wird von Interessen übernommen, die nicht die der Indigenen sind“, erklärte er 2019 gegenüber dem Portal Brasil de Fato.

Der 57-Jährige, international erfahrene britische Journalist Dom Phillips hat unter anderem für die Washington Post, die New York Times und zuletzt für den britischen Guardian gearbeitet. Seit über zehn Jahren lebt er in Brasilien, zuletzt in Bahía. Er hat die Amazonasregion ausgiebig bereist, um über die Bedrohungen für den brasilianischen Regenwald und die dort lebenden indigenen Gemeinden zu berichten und arbeitet an einem Buch über den Schutz der Umwelt.

Pereira und Phillips wurden bedroht

24 Stunden nach ihrem Verschwinden ging der Verband Univaja an die Öffentlichkeit: „In der Woche ihres Verschwindens hat das Team Drohungen erhalten“, heißt es in dem Statement. Pereira soll zudem zuvor bereits schriftlich bedroht worden sein. Suchteams von Univaja suchten die Route ab, die Pereira und Phillips genommen haben müssten, jedoch ohne Erfolg. In sozialen Netzwerken zeigten sich Umweltaktivist*innen und Politiker*innen besorgt über das Schicksal der Verschollenen und forderten die Behörden auf, verstärkt nach den beiden zu suchen.

Deren Reaktion war jedoch bestenfalls schwerfällig. Erst am 7. Juni wurde ein für eine solche Suche notwendiger Hubschrauber bereit gestellt und Ermittlungen aufgenommen. Nur eine Handvoll Soldaten wurden für die Suche aufgeboten, obwohl die Menschenrechtsstelle OPI und Human Rights Watch bereits frühzeitig eine engagierte Suchaktion seitens der Behörden eingefordert hatten.

Am 8. Juni gab die brasilianische Bundespolizei auf einer Pressekonferenz in Manaus zu, keine konkreten Hinweise auf den Verbleib von Phillips und Pereira zu haben. Der Leiter der Bundespolizei in Amazonas, Eduardo Alexandre Fontes, sagte, er untersuche den Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der beiden und dem Drogenhandel. „Wir werden einen möglichen Mord untersuchen, falls er stattgefunden hat. Wir schließen keine Ermittlungslinie aus. Bislang sprechen wir vom Verschwinden“, erklärte er.

Behörde widerspricht sich selbst

Ebenfalls am 8. Juni gab die Militärpolizei des Bundesstaates Amazonas bekannt, dass sie einen 41-jährigen Mann, bekannt als „Pelado“, wegen des Verdachts der Beteiligung an dem Verschwinden festgenommen habe. Auf der Pressekonferenz erklärte die Behörde für öffentliche Sicherheit von Amazonas jedoch, der Mann habe mit dem Verschwinden „nichts zu tun“.

„Bei den Ermittlungen wurden sechs Personen vernommen, fünf als Zeugen und eine als Verdächtige. Gegen diesen Verdächtigen wird ermittelt, (aber) wir haben ihn nicht mit dem Verschwinden in Verbindung gebracht“, sagte der Leiter der Behörde, General Carlos Alberto Mansur. „Pelado“ habe bei seiner Festnahme Munition und eine kokainähnliche Substanz bei sich gehabt.

„Ihr werdet erschossen“

Ein Indigener, der Bruno Pereira häufig bei anderen Kontrollgängen begleitet hat, erklärte hingegen gegenüber Brasil de Fato, dass „Pelado“ die beiden am Tag vor ihrem Verschwinden bedroht habe. „Sie [Pelado und ein anderer Fischer] hoben zwei Gewehre und sagten zu den Indigenen: ‚Ihr werdet erschossen’“, berichtete er anonym.

In der US-Metropole Los Angeles wurden zwei Lastwagen mit der Frage „Wo sind Dom Phillips und Bruno Pereira“ und der Botschaft „Bolsonaro raus“ beschriftet. Präsident Bolsonaro, der engere Beziehungen zu Joe Biden anstrebt, landete am 9. Juni in Los Angeles, um am Amerika-Gipfel teilzunehmen. Zuvor hatte er wenig Interesse an dem Fall gezeigt. Am 7. Juni bezeichnete er die Recherchereise der beiden als „Abenteuer, das nicht für jeden empfehlenswert“ sei: „Alles kann passieren. Es kann ein Unfall gewesen sein. Sie könnten umgebracht worden sein“ erklärte Bolsonaro. Er werde Gott bitten, sie zu finden.

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