Erzbischof: Bolsonaro ist „ein widerlicher Typ“

Sérgio Eduardo Castriani, Erzbischof von Manaus. Foto: Comunicaciones Aliadas

(Lima, 27. Juni 2019, comunicaciones aliadas).- Sérgio Eduardo Castriani, der Erzbischof von Manaus, ist ein guter Kenner des Amazonasgebiets und der hier stattfindenden Konflikte. Viele Jahre arbeitete er im Bundesstaat Acre im äußersten Westen Brasiliens mit dem indigenen Volk der Asháninka zusammen. Auch danach hatte er mit verschiedenen indigenen Völkern zu tun. 2012 kam er in die Zwei-Millionen-Metropole Manaus, die rasant wachsende Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas. Interview: Paolo Moiola.

Nach den ersten Monaten der Präsidentschaft von Jair Bolsonaro: Sind Sie eher pessimistisch oder eher optimistisch?

Sérgio Eduardo Castriani: Ich bin eher realistisch, denn die schlimmsten Befürchtungen bestätigen sich. Brasilien verändert sich gerade zum Schlechteren, aber alles wurde ja bereits im Wahlkampf gesagt.

Warum wählten die Brasilianer*innen eine gefährliche Gestalt wie Bolsonaro?

Die Brasilianer*innen haben mit der Wahl Bolsonaros eine Antwort auf die Wirtschaftskrise gegeben, aber auch auf die ethische und moralische Krise, in der sich das Land befindet. Bolsonaro steht für etwas Neues, obwohl er das nicht ist. Die Leute haben die Politiker*innen satt. Die Arbeiterpartei PT hatte ja ihre Chance, etwas anders zu machen. Zu Zeiten der Präsidentschaft Lulas (2003 – 2010) gab es viel Hoffnung. Dann aber haben sie getan, was auch die anderen taten, und begannen mit der Korruption. Mit der Arbeiterpartei an der Regierung verdienten die Banken viel Geld. Dann, in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl im Oktober 2018, wählten viele immer noch den Kandidaten der Arbeiterpartei: weil sie Bolsonaro nicht wollten – aber nicht weil sie die Arbeiterpartei wollen. Auch ich habe die PT gewählt, weil ich einen widerlichen Typen wie Bolsonaro nicht wählen konnte.

Allerdings muss man zugeben, dass auch viele gute Leute für ihn gestimmt haben. Mein Arzt hat ihn zum Beispiel gewählt, obwohl er ein intelligenter Mann ist. Sein Argument war, dass er etwas Neues und nicht mehr die PT an der Macht haben wollte.

Der Indigenenmissionsrat CIMI und die Landpastorale CPT sind zwei Organe der katholischen Kirche in Brasilien, die wichtige Arbeit leisten. Haben sie nun mehr Probleme?

Ohne jeden Zweifel. Erstens aufgrund des Diskurses über indigenes Land, und zweitens aufgrund der Frage des Privateigentums. Probleme gab es allerdings diesbezüglich auch schon mit Präsidentin Dilma Rousseff. Gegen den CIMI-Präsidenten wurde seinerzeit im Bundesstaat Mato Grosso do Sul ermittelt. Bolsonaro erklärte CIMI und die brasilianische Bischofskonferenz nun zum „verfaulten Teil der katholischen Kirche“. Das Problem ist, dass wir in Brasilien nicht nur diesen Präsidenten haben, sondern auch einen konservativen Justizapparat und einen konservativen Kongress, der von einer Koalition aus Vertreter*innen der Evangelikalen, der Grundbesitzer*innen und der Waffenlobby beherrscht wird.

Wie lässt sich Ihrer Meinung nach das Amazonasgebiet retten?

Die Situation des Amazonasgebietes ist alarmierend. In den vergangenen 40 Jahren habe ich gesehen, wie sich alles verändert: vom Regenwald über das Klima bis zu den Städten. Dennoch ist zu sagen: Brasilien hat eine gute Umweltgesetzgebung. Würde diese angewendet, gäbe es nur wenige Probleme. Bedauerlicherweise wurden unter den Regierungen der Arbeiterpartei (2003 – 2016), vor allem in der zweiten Amtszeit von Dilma Rousseff 2015/16, die Umweltbehörde IBAMA und andere Kontrollorganismen zerstört.

Taten die Regierungen der Arbeiterpartei denn auch etwas für das Amazonasgebiet und dessen Bewohner*innen?

Als Lula 2003 Präsident wurde, hatten die armen Familien im Amazonasgebiet nach und nach Geld. Das staatliche Hilfsprogramm Bolsa Familia war ein sehr wichtiges Instrument. Zudem gab es für viele erstmals eine Versorgung mit Strom. Das waren Erfolge der ersten Lula-Jahre. Danach aber änderten sich die Dinge. Die Korruption kam, und an der Macht wurde die Arbeiterpartei elitär.

Wie würden sie die derzeitige Situation der indigenen Völker beschreiben?

Als ich 1979 (während der Militärdiktatur) nach Acre kam, sagte ein Innenminister, in zehn Jahren seien die Indigenen verschwunden. Das Gegenteil geschah: es handelt sich um die Bevölkerungsgruppe, die in Brasilien am stärksten gewachsen ist. Meiner Meinung nach sind die indigenen Völker die am besten organisierten Armen in Brasilien. Und genau aus diesem Grund werden sie auch am stärksten verfolgt.

Ist es sinnvoll, von einer Integration mit der nicht-indigenen Bevölkerung Brasiliens zu sprechen?

Die indigene Kultur ist vollkommen anders. Ich habe viele Indigene kennengelernt, im Landesinneren und in der Stadt. Ich gestehe, es gelingt mir nicht, alles zu verstehen, was sie mir sagen. Aber das ist ein Reichtum für Brasilien. Es wäre schrecklich, diese Vielfalt zu verlieren. Glücklicherweise verfügen die indigenen Völker über eine große Widerstandskraft.

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